Italien Mann knipst Selfie mit Unfallopfer

"Schauriger Narzissmus" und "maßlose Egopathie": In Norditalien hat ein Mann ein Selfie von sich und einem Unfallopfer gemacht. Die Empörung ist groß.
Mann macht Selfie an Unglücksstelle am Bahnhof von Piacenza

Mann macht Selfie an Unglücksstelle am Bahnhof von Piacenza

Foto: Lambri/ Liberta/ ROPI

Am 26. Mai erlitt eine Kanadierin im norditalienischen Piacenza einen schweren Unfall: Sie geriet auf dem örtlichen Bahnhof unter einen Zug und wurde so schwer verletzt, dass ihr ein Bein amputiert werden musste. Der Unfallhergang ist noch unklar, die 83-jährige Frau erklärte, sie sei wohl auf der falschen Seite ausgestiegen und dabei von einem vorbeifahrenden Zug erfasst worden.

"Ich war kurz eingeschlafen und als ich merkte, dass der Zug anhält, dachte ich, ich sei schon in Mailand", sagte sie der Zeitung "La Libertà". "Also bin ich in aller Eile zum Ausgang gelaufen, aber ich befürchte, ich habe die falsche Tür genommen."

Ein fataler Fehler - doch für Aufruhr sorgte nicht die Meldung über den Unfall selbst, sondern etwas, das sich am Rande zutrug: Wie italienische Medien berichten, machte ein Passant ein Handyfoto von sich und der im Gleisbett liegenden Verletzten, die von Notärzten betreut wird. Beim Blick in die Kamera soll er mit der rechten Hand das V-Zeichen für Victory gemacht haben.

Dokumentiert wurde der makabre Vorgang von einem Reporter der Lokalzeitung "La Libertà". Giorgio Lambri machte ein Foto von dem Passanten in weißen Bermudas und T-Shirt und alarmierte dann die Polizei. Die forderte den Selfie-Mann auf, das Foto von seinem Smartphone zu löschen.

Die Aufnahme des Reporters allerdings schaffte es auf die Titelseiten - und trat eine Debatte los über hemmungsloses Fotografieren und eine allgemeine Verrohung. "Wir haben jeden Sinn für Moral verloren", schrieb Lambri auf seinem Facebook-Account.

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Die Zeitung "La Stampa" sprach in einem Kommentar von einem "Krebsgeschwür, das das Internet zersetzt". Der Selfie-Knipser habe seine "Seele und seine Identität ausgeschaltet". Der Moderator Nicola Savino von Deejay-Radio erklärte seinen Hörern, die "menschliche Rasse sei dabei, sich selbst auszurotten".

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Reporter Lambri schrieb in "La Libertà" über "die Barbarei, die man nicht erwartet". Er zitierte Experten, die einen "schaurigen und irrealen Narzissmus" unter Jugendlichen anprangern, einen Mangel an Empathie und eine "maßlose Egopathie".

Ob rechtlich gegen den skrupellosen Selfie-Fotografen vorgegangen werden kann, wird derzeit geprüft. Bisher wurden nur seine Personalien aufgenommen.

ala

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