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14. Juni 2005, 09:37 Uhr

Jackson-Prozess

Freispruch ohne Freude

Von , New York

Michael Jackson verließ den Gerichtssaal als freier, aber gebrochener Mann. Auch für die anderen Prozessteilnehmer war es ein Tag mit bitterem Nachgeschmack: Am Ende des Kindersex-Sensationsprozesses gab es keine wirklichen Gewinner, sondern fast nur tragische Verlierer.

Michael Jackson nach dem Urteil: "Gebrochen, gebrechlich, seiner kindlichen Unschuld beraubt"
REUTERS

Michael Jackson nach dem Urteil: "Gebrochen, gebrechlich, seiner kindlichen Unschuld beraubt"

New York - Wie tragisch dieses Verfahren bei aller Groteske war, wie moralisch verkorkst und am Ende ohne wirkliche Gewinner, zeigte sich zwei Stunden nach der Urteilsverlesung. Da stellten sich die zwölf Geschworenen, die Michael Jackson gerade vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs freigesprochen hatten, den Kameras. Nach einigem freundlichen Hin und Her kam ein Reporter zur Sache: "Würden Sie also", fragte er, "Ihre eigenen Kinder in einem Bett mit Jackson schlafen lassen?"

Es war die Frage, die alles auf den Punkt brachte. Für einen Moment herrschte Stille im kleinen Konferenzraum des Bezirksgerichts von Santa Maria, wo die Jury vor der Presse saß, erschöpft, erleichtert, entnervt. Dann sprach Melissa Herard, die Geschworene mit der Nummer 10, eine gepflegte Dame mittleren Alters, die selbst zwei Kinder hat. "Welche halbwegs vernünftige Mutter", fragte sie fast zornig zurück, "würde so etwas zulassen?"

Jackson-Jury: "Wir hoffen, dass er nicht mit noch mehr Kindern schläft"
DPA

Jackson-Jury: "Wir hoffen, dass er nicht mit noch mehr Kindern schläft"

Nein, keiner der Geschworenen würde Jackson seine Kinder anvertrauen. Nicht einem Mann mit solchen "Exzentrizitäten", wie die Jury es formulierte. Trotzdem, sie sprachen ihn frei von dem Vorwurf, sich 2003 an einem damals 13-Jährigen vergangen zu haben: "Reasonable doubt", im Zweifel für den Angeklagten, Recht ist Recht. Was der Sprecher der Jury, Paul Rodriguez, mit dem beißenden Kommentar ergänzte: "Wir hoffen, dass er nicht mit noch mehr Kindern schläft."

Kein Zeichen von Erleichterung

Damit war sie offen ausgesprochen, die ganze Schizophrenie dieses Sensationsprozesses, der gestern genauso grotesk endete, wie er im November 2003 begonnen hatte, mit der live im Fernsehen übertragenen Festnahme des Angeklagten. Michael Jackson, 46, verblasste Pop-Ikone, verließ den Verhandlungssaal 102 an Santa Marias Miller Street als freier Mann - und doch gebrochen, gebrechlich und seiner kindlichen Unschuld wohl auf Dauer beraubt.

Es ist leicht, sich lustig zu machen über dieses Verfahren und dessen Klamauk, der die Medien eineinhalb Jahre lang mit Schlagzeilenfutter versorgt hatte. Doch am Ende bleiben fast nur traurige Verlierer. Ein einstiger Megastar, dem für immer etwas anhängen wird und der als nächstes um sein Comeback und seine Finanzen zittern muss. Ein psychisch zerstörter Junge, um dessen Gefühle es hier nie wirklich gegangen ist. Ein besessener Staatsanwalt vor den Trümmern seines Lebenswerks. Und die Geschworenen, die - trotz schon in Aussicht stehender, lukrativer Buchverträge - nun für den Rest ihres Lebens damit kämpfen, wie sie es ausdrückten, "die Last der Welt auf unseren Schultern zu tragen". Allein einer darf sich freuen: Jacksons Verteidiger Thomas Meserau.

Es war vor allem Jackson selbst anzumerken, dass dies ein Pyrrhussieg ist, ein juristischer Triumph mit bitterem Nachgeschmack. Wie in Trance, mit müder Miene und halb geschlossenen Augenlidern wankte er nach dem Freispruch zurück zu seinem Luxus-SUV, im wohl letzten seiner täglich wechselnden Prozess-Kostüme, einer schlichten, schwarzen Kombination mit schmalem Schlips. Kein Zeichen von Erleichterung oder gar Jubel.

Neue Sitten in Neverland

Freudentaumel bei Jackson-Fans: "Innocent! Innocent!"
AFP

Freudentaumel bei Jackson-Fans: "Innocent! Innocent!"

Die Dutzenden Fans hinter dem Zaun mochten noch so tanzen, singen, heulen, mit ihren Plakaten ("Das Blut Jesu ist unsere Erlösung") winken: "Innocent! Innocent!" Jackson, geschützt von Bodyguards und einem enormen Sonnenschirm, hob nur kurz die linke Hand zum Gruß, fasste sich leicht ans Herz und verschwand dann schnell hinter den verspiegelten Scheiben der Karosse. Kein Wort, kein Kommentar, stattdessen schickte Jackson seine Sprachrohre an die TV-Front, unter anderem seinen "persönlichen Magier" Majestik Magnificent ("jetzt kann er Millionen Platten verkaufen"). Des Freigesprochenen Gefühlslage, so Jackson-Familienanwältin Debra Opri: "Bloß ins Auto und nach Hause."

Selbst seine engsten Vasallen hatten Schatten auf der Stimme. "Michael hat mich angerufen", berichtete Reverend Jesse Jackson, der seinen vielen Berufsbezeichnungen neuerdings den Titel "Michael Jacksons spiritueller Berater" hinzugefügt hat. "Wir haben am Telefon gebetet." Doch nach dem Beten gab der Reverend seinem Adepten eine "Lehre" mit: "Michael muss lernen, welche Folgen sein fraglos unakzeptables Benehmen haben kann." Des Gottesmannes wichtigster Rat: Nicht mehr länger mit Jungen ins Bett zu steigen. Die Sitten auf Michael Jacksons Neverland Ranch, dem Land des "ewigen Peter Pans", dürften sich ändern.

Schließlich war es nicht der Charakter des Angeklagten, der die Jury zum Freispruch bewegte. Ganz im Gegenteil. "Da habe ich meine persönliche Meinung", sagte der Geschworene Raymond Hultman mit Hinweis auf das erste Kindersex-Verfahren gegen Jackson, das 1993 im außergerichtlichen Vergleich endete, bei dem der Junge angeblich 25 Millionen Dollar Schweigegeld bekam. "Ich bin überzeugt, dass Jackson irgendwann mal kleine Jungs belästigt hat. Doch das spielte hier keine Rolle." Ob die Geschworenen den älteren Anschuldigungen Glauben geschenkt hätten, wurde auch Jury-Sprecher Rodriguez gefragt. "Ja", sagte er. "Ja, das haben wir."

Die Zeugin der Anklage kam schlecht an

Eine Rolle spielte in diesem neuen Fall mit dem Aktenzeichen No. 1133603 vielmehr, so Hultman, die "mangelnde Glaubwürdigkeit" des Hauptbelastungszeugen und angeblichen Opfers. Und vor allem dessen Mutter, die mit ihrer überdrehten Aussage vor Gericht einen derart unsympathischen Eindruck hinterließ, dass es ihr gelang, die löchrige Anklage in Grund und Boden zu reden. 141 Zeugen wurden gerufen. 2 besiegelten den Fall.

Ein paar Mal hatte die Mutter - selbst wegen Betrugs und Erpressung im Zwielicht - sogar forsch mit den Fingern in Richtung der Jury geschnipst. Das kam nicht nur bei der Geschworenen Nummer 5 schlecht an, einer älteren Dame mit fein frisierter Lockenhaube: "Was fällt dir ein, Lady", beschrieb die ihre innere Reaktion auf die Zeugin der Anklage.

"Not guilty." Wenn hier jemand Mitschuld trage, so ließen es die Geschworenen in ihrer freiwilligen TV-Zurschaustellung immer wieder durchklingen, dann doch eine Mutter, die ihrem minderjährigen Sohn überhaupt erlaube, zu einem Mittvierziger ins Bett zu steigen. Also ging es doch um Moral - aber nicht um die des Angeklagten, sondern um die des Klägers.

"Nachverurteilung" in den Medien

Die Zweischneidigkeit dieser bis zum bitteren Ende unappetitlichen Affäre machte gestern allen zu schaffen: dem Angeklagten, seiner PR-Flak, dem gescheiterten Staatsanwalt - und vor allem den US-Medien, die offenbar fast alle einhellig auf Schuldspruch gesetzt hatten.

Gequält versuchten die TV-Kommentatoren, aus dem Urteil der Geschworenen Sinn zu drechseln. Und bei vielen schwang eine stille "Nachverurteilung" durch die Berichte: Freigesprochen - aber irgendwie doch schuldig. "Meiner Meinung nach", sagte Marcia Clark, Analystin für das Unterhaltungsprogramm Entertainment Tonight und Ex-Anklägerin von O.J. Simpson, "hat er diese Jungen belästigt."

Sargnagel einer Karriere

"Michael wird weiter von den Medien gelyncht", klagte darob der Ex-Präsidentschaftskandidat Al Sharpton, ebenfalls nun im Freisold des Jackson-Lagers. Am schwersten mit der Versuchung rang Diane Dimond, die Starreporterin des Gerichtssenders Court TV. Sie hatte die Vorwürfe gegen Jackson einst als erste enthüllt und war ihm seither auf die Pelle gerückt. Jackson-Fans hatten sie in Santa Maria jeden Tag mit Schmährufen begrüßt, hatten sie als "Hure" beschimpft, ihr Drohbriefe geschickt und sie verfolgt. "Tom Sneddon ist ein gestandener Mann", verteidigte Dimond den Staatsanwalt gestern trotzig. "Er hat Pflichtgefühl."

Auch die Tagespresse wand sich. "Jacksons nächsten Geschworenen - die Öffentlichkeit", schlagzeilt die Zeitung "Oregonian" heute mit lesbarem Zwiespalt. "Anrüchiger Freispruch", titelte auch die "Chicago Sun-Times".

Für Bezirksstaatsanwalt Sneddon, 63, ist das kaum Trost. Für ihn, den sie nicht ohne Grund "Mad Dog" nennen, war dies der Fall seines Lebens. Seit 1993 jagte er Jackson - fast eine persönliche Vendetta. Der Fall sollte die Krönung seiner Laufbahn werden und ist nun, 18 Monate vor der Pensionierung, der Sargnagel.

Endstation Las Vegas

"Wir glauben ans Justizsystem", sagte Sneddon nach dem Freispruch mit brüchiger Stimme. Ob er dabei nicht auf die falsche Kläger-Familie gesetzt habe, fragte ihn jemand im Hinblick auf seine wackligen Hauptbelastungszeugen. "Wir suchen uns unsere Opfer nicht aus", gab er bissig zurück. "Und wir suchen uns die Familien nicht aus, aus denen sie kommen."

Ob Jackson aus dem Morast dieses Prozesses und seiner Schuldenlast von angeblich fast 300 Millionen Dollar zu neuem Ruhm zurückfinden kann, darüber dürften sich die Berufenen lange streiten. Medienstratege Bobbie Vorhaus ahnt: "In der Welt des Entertainments gibt es kein Gesetz gegen das Bizarre." Deshalb bleibe ihm immer noch ein allerletzter Anlaufpunkt für den garantierten Massenerfolg: die Endstation aller Freaks und Karriereleichen - Las Vegas.

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