Japans neue Jagdgesellschaft Waidfrauen, verzweifelt gesucht

Japans Bauern verzeichnen jährlich Millionenverluste durch Wildschaden, doch es gibt immer weniger Jäger. Nun versucht das Land neue zu gewinnen, pfeift auf Traditionen - und wirbt um Frauen.

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Als Chiaki Kodama das erste Mal abdrückt, ist sie ganz ruhig. Langsam nimmt die 28-Jährige das Wild ins Visier und schießt. Wenige Momente später verfolgen sie und ihre gleichaltrige Freundin Aoi Fukuno das verwundete Tier durch den Wald in Japans Präfektur Fukui. "Achte auf die Blutspuren", sagt Kodama. Es ist der erste Jagdausflug der frisch gebackenen Jägerinnen.

Ebenso wie in Deutschland ist das Jagen in Japan ein männlich dominiertes Feld. Bisher. Denn das Land hat ein Wild-Problem. Seit den Neunzigerjahren sind die Populationen rasant gestiegen. Die Anzahl der Hirsche hat sich laut Umweltministerium von weniger als 400.000 auf mehr als drei Millionen vervielfacht, in derselben Zeit hat sich der Wildschweinbestand auf eine Million Tiere verdoppelt.

Ihnen stehen rund 105.000 registrierte Jäger gegenüber, zwei Drittel von ihnen sind allerdings älter als 60 Jahre. Nur 1169 sind laut der nationalen Jagdverbandes weiblich.

Darin liegt ein großes Potenzial - und möglicherweise die Rettung für Japans Bauern. Denn die sind einigermaßen verzweifelt. Seit 2008 haben sie umgerechnet rund 150 Millionen Euro jährlich verloren, weil Hirsche, Wildschweine, Affen und Vögel Ernten verwüstet haben.

Mobile Toiletten für Jägerinnen

Nun bemühen sich Jäger und Kommunalverwaltungen über soziale Medien und Jagdveranstaltungen, Frauen für das Waidmannswerk zu gewinnen. Ein großer Schritt in einem Land, in dem jagende Frauen nicht nur verpönt waren, sondern die Tradition es Männern sogar verbot, vor der Jagd mit Frauen zu sprechen.

Die Jägerinnen in spe werden sogar mit Annehmlichkeiten gelockt. Auf der Internetseite des nationalen Jagdverbands, auf der sich Frauen über ihre Jagderlebnisse austauschen, berichtet eine Nutzerin von einer "sehr freundlichen Geste": In diversen Jagdhütten seien mobile Toiletten für Jägerinnen aufgestellt worden.

Als Chiaki Kodama und Aoi Fukuno das Wild finden, liegt es tot über einem umgestürzten Baum. Dann zeigt Kodama ihrer Freundin, wie man das Tier ausweidet und in einem Bach ausbluten lässt. "Es ist spannend endlich mit eigenen Augen zu sehen, was ich zuvor nur aus Büchern gelernt habe, um meinen Jagdschein zu bekommen", sagt Fukuno.

bma/Reuters



insgesamt 18 Beiträge
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DerNachfrager 23.12.2016
1. Interessant wäre, warum es zu wenig Jäger gibt.
Vielleicht hätte man das Wild einfach in coolen Neonfarben lackieren müssen - dann wäre Jagd garantiert "voll hip" !
bambini 23.12.2016
2. Sehr interessant
Zum einen entspricht es nicht dem deutschen Jagalltag, denn es gibt sehr, sehr viele neue Jägerinnen. Korrekt Jungjägerinnen. Und es wäre zu hoffen, dass Jagdreisende aus Deutschland in Japan nicht auf die gleichen Schwierigkeiten stoßen wie in vielen anderen Ländern die dringend Unterstützung benötigen. Extreme und völlig überzogene Behördenanforderungen und Jagdgebühren die sich an Raubritterzölle anlehnen.
Greggi 23.12.2016
3. Noch besser:
Irgendein Filmchen mit einem japanischen Teenie-Schwarm drehen, der mit einer Flinte in der Hand durch den Wald stolpert und am nächsten Tag können sich die Jagdschulen vor Bewerberinnen nicht mehr retten. Was lernen wir daraus? Alles eine Frage des (richtigen) Marketings.
NochNeMeinung 23.12.2016
4. biologische Lösung
In grauer Vorzeit gab es auch in Japan mal den Canis Lupus. Der war etwas kleiner als auf dem Festland, aber das ist inseltypisch. Der könnte auch heute wieder seinen Job machen und das überzählige Wild vertilgen. Wenn die Japaner nicht so fahrlässig wie die Bayern sind und Karnickel in Drahtkäfigen auf dem Boden vor dem Haus halten, dürfte es auch zu keinen "Problemwölfen" kommen.
mhwse 24.12.2016
5. ggf. die ausgerotteten
natürlichen Feinde des Wildes wieder ansiedeln?
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