Jakob-von-Metzler-Prozess Verteidigung beantragt Einstellung des Verfahrens

Zum Prozessauftakt im Fall des entführten und ermordeten Jakob von Metzler haben die Anwälte des mutmaßlichen Täters die Einstellung des Verfahrens beantragt. Magnus Gäfgen war während der Vernehmung von Polizisten bedroht worden, die Beamten wollten so das Leben des Kindes retten. Das Gericht lehnte den Antrag ab.




Frankfurt am Main - Die Verpflichtung des Staates, ein schweres Verbrechen wie einen Mord aufzuklären, wiege schwerer als das Fehlverhalten einzelner Polizeibeamter, sagte der Vorsitzende Richter Hans Bachl und lehnte damit den Antrag der Verteidigung ab.

Rechtsanwalt Stefan Bonn hatte seine Forderung nach der Einstellung des Verfahrens zu Prozessbeginn am Mittwoch vor dem Frankfurter Landgericht damit begründet, dass die Folterdrohung in einem Polizeiverhör gegen seinen Mandanten keine polizeiliche Notmaßnahme gewesen sei. Es sei eine "völlig inakzeptable Vorgehensweise", die ein Verbrechen darstelle.

Gewaltopfer Jakob von Metzler
DPA

Gewaltopfer Jakob von Metzler

Während der Vernehmung am 1. Oktober hatte ein Polizeibeamter - nach Anordnung des Polizei-Vizepräsidenten Wolfgang Daschner - Gäfgen Schmerzen angedroht, falls er nicht das Versteck seiner Geisel preisgebe. Zu dem Zeitpunkt war vermutet worden, dass der entführte Junge noch lebe - und in höchster Gefahr schwebe. Trotz groß angelegter Suchaktionen im Umkreis von Frankfurt hatten die Beamten keine Spur von dem seit dem 27. September vermissten Kind entdeckt. Gäfgen nannte schließlich unter der Folterandrohung das Versteck. Der Junge lag tot in einem Waldsee bei Schlüchtern.

Die Leiche des Jungen wurde in einem Waldsee bei Schlüchtern entdeckt
REUTERS

Die Leiche des Jungen wurde in einem Waldsee bei Schlüchtern entdeckt

Diese rechtswidrige Aussageerpressung wirke in den gesamten Ermittlungen fort, so dass ein absolutes Verfahrenshindernis entstanden sei, erklärte der Anwalt nun vor Gericht. Spätere Geständnisse des Angeklagten hätten unter dem Eindruck eines ersten spontanen Pauschal-Geständnis unmittelbar nach der Folterdrohung gestanden. Die Polizei, die sich auf einen übergesetzlichen Notstand berufen hat, habe das Grundgesetz, die EU-Menschenrechtskonvention und die Folterkonvention der Vereinten Nationen verletzt.

Zu Beginn des Prozesses hatte Staatsanwalt Justus Koch die Anklage wegen Mordes und erpresserischen Menschenraubs verlesen. Gäfgen wird beschuldigt, den elf Jahre alten Bankierssohn Jakob von Metzler am 27. September vergangenen Jahres entführt und ermordet zu haben.



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