Japan Polizei rechnet mit mehr als 18.000 Toten

Die Zahl der Opfer nach der Naturkatastrophe steigt drastisch: Die japanische Polizei rechnet inzwischen mit mehr als 18.000 Toten. Mehr als 12.600 Menschen gelten noch immer als vermisst.

AFP/ Jiji Press

Tokio - Rettungskräfte haben die Hoffnung aufgegeben, in den Trümmern noch Lebende zu finden. Die japanische Polizei rechnet inzwischen mit mehr als 18.000 Toten durch die Erdbeben- und Tsunamikatastrophe. Bislang wurden mehr als 8800 Leichen geborgen und identifiziert. 12.654 Menschen gelten noch als vermisst, wie die nationale Polizeibehörde am Montag mitteilte.

Ein Sprecher der Polizei der Präfektur Miyagi sagte, alleine in seinem Bereich rechne man mit mehr als 15.000 Toten. Sprecher anderer verwüsteter Regionen wollten keine Schätzung über die letztendliche Zahl der Toten abgeben, bestätigten aber, dass bei ihnen bisher fast 3400 Leichen geborgen worden seien.

Nach der Katastrophe ist auch das Meerwasser radioaktiv belastet. In der Nähe der Anlage sei im Wasser ein deutlich höherer Wert an radioaktivem Jod aufgetreten, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo am Dienstag (Ortszeit). Auch der Cäsium-Wert im Wasser sei erhöht gewesen. Der Kraftwerksbetreiber Tepco erklärte, es sei aber noch zu früh, um die Auswirkungen der Verseuchung auf die Fischerei zu beurteilen. Bei dem Erdbeben mit Tsunami am 11. März wurde das Atomkraftwerk Fukushima stark beschädigt. Seitdem entweicht immer wieder Radioaktivität.

Berichte über radioaktiv belastetes Essen und verstrahltes Wasser häufen sich in Japan - das wahre Ausmaß der Atomkatastrophe bleibt unklar. Über dem AKW-Wrack steigen wieder Rauch und Dampf auf. Der Betreiber Tepco hat schon früher bei der Wartung geschlampt.

Die Strahlenbelastung steigt

In den Gebieten rund um die Krisenregion im Nordosten Japans steigt die Strahlenbelastung im Essen und im Trinkwasser. Für vier Präfekturen verhängte die Regierung in Tokio am Montag ein Lieferverbot für Milch und mehrere Gemüsesorten. Ein komplettes Dorf in der Fukushima-Region darf kein Leitungswasser mehr trinken. Die Weltgesundheitsorganisation WHO ist über die Belastung von Lebensmitteln "stark besorgt", wie ein Sprecher in Genf sagte.

In Fukushima beschossen am Montag erneut Wasserwerfer Abklingbecken der Reaktoren 3 und 4 über Stunden mit Meerwasser, um die heißen Brennstäbe zu kühlen. Über dem Abklingbecken von Block 3 wurde gegen 16 Uhr Ortszeit grauer Rauch gesichtet, der sich dann wieder verzog. Später war auch über Block 2 Dampf zu sehen. Die Ursachen waren in beiden Fällen unklar, wie ein Sprecher der Atomsicherheitsbehörde Nisa laut der Nachrichtenagentur Kyodo sagte. Die Radioaktivität sei nicht "dramatisch" gestiegen. Tepco zog wegen des Rauchs die Arbeiter zwischenzeitlich von den besonders gefährlichen Geländeteilen ab.

Block 3 des Katastrophenkraftwerks gilt als besonders gefährlich, da er Brennstäbe aus einem Plutonium-Uran-Mischoxid (MOX) benutzt. Plutonium ist nicht nur radioaktiv, sondern auch hochgiftig.

Inwieweit hat Tepco geschlampt?

Im Unglücks-AKW war es erst am späten Sonntag gelungen, die Schaltanlagen von Block 1 und 2 wieder an die Stromversorgung anzuschließen. So soll die Reaktorkühlung wiederhergestellt werden - allerdings ist unklar, ob die Pumpen überhaupt noch funktionieren.

Schon vor dem Erdbeben vom 11. März soll die Betreiberfirma in Fukushima geschlampt haben: Die Atomsicherheitsbehörde Nisa warf Tepco einige Tage vor der Katastrophe Inspektionsmängel vor, wie die Nachrichtenagentur Kyodo berichtete. In Fukushima I seien 33 Geräte und Maschinen nicht ordnungsgemäß überprüft worden.

Ähnliche Mängel habe es auch in zwei weiteren Anlagen gegeben: Betroffen seien außerdem das Atomkraftwerk Fukushima II und das Kraftwerk Kashiwazaki-Kariwa an der Westküste Japans. Insgesamt seien in allen drei Anlagen mehr als 400 Geräte und Maschinen nicht wie vorgeschrieben inspiziert worden, hieß es Ende Februar in einem Bericht von Tepco an die Aufsichtsbehörde. Die meisten Mängel wurden laut Kyodo im Kraftwerk Kashiwazaki-Kariwa in der Präfektur Niigata festgestellt.

Spuren von radioaktivem Jod im Trinkwasser

Ein Tsunami und ein Erdbeben hatten das Kraftwerk Fukushima I teilweise zerstört. Seitdem kämpfen die Arbeiter verzweifelt gegen einen Super-GAU. Radioaktive Substanzen traten immer wieder aus dem Kraftwerk auf.

Das komplette Dorf Iitate in der Fukushima-Region ist inzwischen ohne genießbares Trinkwasser. Messungen in der rund 30 Kilometer vom AKW Fukushima I entfernten Gegend ergaben einen deutlich erhöhten Wert von 965 Becquerel Jod pro Liter Leitungswasser, wie Kyodo unter Berufung auf das Gesundheitsministerium berichtete. Der Grenzwert liegt bei 300 Becquerel.

Spuren von radioaktivem Jod wurden laut Kyodo mittlerweile in dem Trinkwasser von neun Präfekturen gemessen, darunter in Tokio. Cäsium wurde in zweien von ihnen festgestellt. Allerdings seien die Grenzwerte der Kommission für atomare Sicherheit bei allen diesen Proben unterschritten worden, hieß es.

Das Lieferverbot für Milch und Gemüse gilt für vier Regionen. Erhöhte Radioaktivität gibt es in Japan unter anderem bei Blattgemüse wie Spinat. Der Norden der Präfektur Fukushima ist eine der wichtigsten Anbauregionen für Reis, Obst und Gemüse und wird auch für Milchwirtschaft genutzt.

Auch zehn Tage nach Erdbeben und Tsunami harren noch 350.000 Menschen in Notunterkünften aus. Zehntausende verbringen die Nächte weiter in bitterer Kälte und Regen. Zwar treffen allmählich Hilfsgüter ein, und die Reparaturarbeiten unter anderem an den Gas- und Wasserleitungen sind im Gange. Doch vielerorts mangelt es an Heizöl und Öfen. Die Zahl der geborgenen Toten stieg auf 8649, hinzu kommen offiziell 13.262 Vermisste.

Ministerpräsident Naoto Kan sprach am Montag von einem "langsamen, aber stetigen Fortschritt" in der Atomkrise. Wegen des schlechten Wetters sagte er jedoch einen seit Tagen geplanten Flug in das Katastrophengebiet ab.

jjc/dpa

insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
goldfuchs 21.03.2011
1. Die Fotos sehen Bearbeitet aus
Guten Abend, irgendwie sehen die Bilder unwirklich aus, das liegt vielleicht daran das ich sowas in dem Ausmaß noch nicht gesehen habe oder die Bilder sind gefälscht...
rabenkrähe 21.03.2011
2. Sensationsgier
Zitat von sysopDie Zahl der Opfer nach der Naturkatastrophe steigt drastisch: Die japanische Polizei rechnet inzwischen mit mehr als 18.000 Toten. Mehr als 12.600 Menschen gelten noch immer als vermisst. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,752339,00.html
...... Diese widerlichen Todeszahlen-Debatten nach Katastrophen befrieden doch nur eine peinliche Sensationsgier. Da wird nach Erdbeben, Tsunamis oder Apokalypsen wie jetzt in Japan schon Minuten nach den Ereignissen über Totenzahlen spekuliert, statt den Hilfskräften erstmal die Zeit zu lassen, ihr Werk zu verrichten und sich einen Überblick zu verschaffen. Noch peinlicher wird diese Schätzerei, wenn es dann auch noch heißt, unter den Toten seien xyz Deutsche, als ob ihr Tot noch schlimmer wäre, als der gemeine Tod der anderen. Hinsichtlich der Apokalypse in Japan wird doch niemand damit rechnen können, daß je bekannt wird, wieviel Tote es wirklich gegeben hat, dazu waren die Zerstörungen viel zu umfassend und dramatisch. Und egal, ob es nun 1000, 10000 oder gar 100000 sind, es bleibt eine Katastrophe, die an Schrecklichkeit ihresgleichen sucht, was wahrlich nicht nur an den Totenzahlen zu messen ist. Erschreckend genug, wie bereitwillig schon zur nächsten Katastrophe geweselt wird und die Ereignisse in Japan fast schon alltäglich und vergessen wirken. rabenkrähe
jocurt, 21.03.2011
3. Schauen Sie doch mal bei Youtube nach
Zitat von goldfuchsGuten Abend, irgendwie sehen die Bilder unwirklich aus, das liegt vielleicht daran das ich sowas in dem Ausmaß noch nicht gesehen habe oder die Bilder sind gefälscht...
ob sie dort Videos von "Kawenzmännern" bzw. Riesenwellen oder "Freak Waves" finden oder von dem Tsunami im indonesischen Raum. Da habe ja viele Urlauber Videos gemacht. Auch das auf SPON eingelagerte Video von der Brücke des Fischtrawlers gibt ein gefühl für die Wellengröße. Und das war noch auf offenem Meer. Mag es eine Fälschung sein, so stimmen die Maße gut. Und das Wetter und Licht stimmt auch.
Denken!, 21.03.2011
4. sorry, selten dämlicher Kommentar
Zitat von goldfuchsGuten Abend, irgendwie sehen die Bilder unwirklich aus, das liegt vielleicht daran das ich sowas in dem Ausmaß noch nicht gesehen habe oder die Bilder sind gefälscht...
denn nur mit völliger Ignoranz und Blödheit kann man diese Bilder und Fakten: Erdbeben 9.0, Flutwellenhöhen und Flutvolumen, nicht verstehen. Sie kapieren nicht die Ausformung des Tiefseegrabens vor Japan, Japans Ostküste, Sie können keine Vergleiche zur Flutwelle 2004 an Indonesiens Küste ziehen. - Bilder gefälscht, vermuten Sie? - Nehmen Sie Jod-Tabletten, fragen Sie BILD und Bunte oder Knut, bereits im Himmel.
ekznamu 21.03.2011
5. jau
Zitat von goldfuchsGuten Abend, irgendwie sehen die Bilder unwirklich aus, das liegt vielleicht daran das ich sowas in dem Ausmaß noch nicht gesehen habe oder die Bilder sind gefälscht...
fällt mir auch auf. Die Bilder scheinen einer 'neuen Ästhetik' zu folgen. Warum nur ? Lichtstarke Objektive mit kurzen Belichtungszeiten alleine gab es früher auch schon. Vermute mal, heute wird z. bsp. gewiss digital nachgeschärft. Veränderung der Bildparameter ist aber m. E. ok, solange keine Objekte hinzugefügt oder entfernt werden. Ein 'objektives' Bild gibt es eh nicht, da es immer ein beschränkter Abzug der Wirklichkeit ist. Unser Augenbild ja schließlich in gewisser Weise auch. Fällt mir auch extrem bei Kriegsbildern aus Lybien auf. Da wirkt eine todbringende Explosion plötzlich geradezu heimelich. Ob das gut ist ?
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