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16. März 2011, 16:29 Uhr

Japans Katastrophengebiet

Kampf gegen Durst, Hunger und Kälte

Von Simone Utler

Erst das Beben, dann der Tsunami - nun auch noch Kälte und Schnee: Winterwetter verschärft die Lage im zerstörten Nordosten Japans. Die Helfer schaffen es kaum, Lebensmittel, Wasser und Benzin heranzufahren - doch es gibt auch ermutigende Berichte geglückter Rettungseinsätze.

Hamburg - Die ganze Welt schaut auf das explodierte Kernkraftwerk Fukushima ( mehr zur Lage in dem AKW hier) - währenddessen spielen sich in den anderen Regionen des japanischen Katastrophengebietes mindestens ebenso erschütternde Dramen ab. So wie in Ofunato in der Präfektur Iwate an der Nordostküste des Landes: Elektrisches Licht gibt es nicht, ein paar Kerzen erhellen den überfüllten Raum. Zwei kleine Öfen spenden ein wenig Wärme, doch dem Generator wird bald der Treibstoff ausgehen. Die Turnhalle einer Grundschule in Ofunato wurde in eine Notunterkunft umfunktioniert. Rund 400 Menschen liegen und hocken hier, möglichst eng rücken die Frauen, Männer und Kinder unter den wenigen dünnen Wolldecken zusammen, um sich gegen die Kälte zu schützen.

"Ich habe nur drei Stunden geschlafen, weil es so kalt war", sagt Yotsuko Tanaka der japanischen Zeitung "Mainichi Daily News". Um 4 Uhr morgens sei sie aufgewacht. "Wir teilen uns zu siebt eine Decke", so die 72-Jährige, deren Haus von dem Tsunami am Freitag zerstört wurde. Der nationale TV-Sender NHK gibt Tipps, wie sich Menschen warmhalten können. Die Botschaften helfen den Betroffenen in den Katastrophengebieten kaum: Sie haben weder Fernseher, um die Nachrichten zu hören, noch Decken, um sich zu schützen.

Mindestens 440.000 Menschen sind seit dem verheerenden Erdbeben und dem anschließenden Tsunami obdachlos ( mehr dazu im Liveticker). In Schulen, Turnhallen und anderen großen Gebäuden wurden Notlager eingerichtet. Dort sitzen die Obdachlosen beisammen, erschöpft, ohne Strom, Wasser und Nahrung. Sie interessieren sich zurzeit wenig für die Atomkatastrophe in Fukushima, sondern sind mit dem eigenen Überleben beschäftigt. Stundenlang stehen sie für etwas Wasser und Benzin an, suchen nach vermissten Angehörigen, leben in großer Angst. Denn immer wieder gibt es heftige Nachbeben.

"Jedes Mal, wenn die Erde bebt, legt sich meine Tochter flach auf den Boden und schreit, dass sie Angst vor einem weiteren Tsunami hat", sagte Hiromi Yamamoto den "Mainichi Daily News". Die 40-Jährige konnte sich und ihre dreijährige Tochter Naona gerade noch vor den tödlichen Wellen retten und sitzt nun mit ihr in der Turnhalle der Grundschule.

Außerhalb der Notunterkunft arbeiten sich Helfer mühsam durch Trümmerberge, in der Hoffnung, noch Überlebende zu finden. Doch wie in den meisten betroffenen Städten ziehen die Rettungskräfte auch in Ofunato Leiche um Leiche aus den Ruinen.

"Der Leichengeruch und das dreckige Seewasser machen die Suche extrem anstrengend", sagte Yin Gunaghui, Mitglied eines chinesischen Rettungsteams, der "Mainichi Daily News". Die starken Wellen des Tsunamis hätten die Häuser mehrfach überflutet. "Wer unter Trümmern gefangen war, hatte kaum eine Chance zu überleben." Vor allem ältere Menschen konnten sich offenbar nicht schnell genug vor den Fluten retten.

Die ohnehin schon fatale Situation in dem Katastrophengebiet hat sich nun noch verschlimmert: In den besonders stark betroffenen Präfekturen Iwate, Miyagi und Fukushima sanken die Temperaturen am Mittwoch bis auf den Gefrierpunkt. In mehreren Orten begann es zu schneien.

In Otsuchi bedeckt eine weiße Decke die dunklen Trümmer. "Die Sicht beträgt nur noch 40 Meter", sagt Patrick Fuller vom Internationen Roten Kreuz. Die Armee sei noch im Einsatz, die Feuerwehr sei abgezogen. "Sie hatte Angst, wegen des Schnees nicht mehr zu ihrem Stützpunkt zurückkehren zu können", so Fuller. Die Helfer sorgen sich vor allem um die älteren Menschen: "Sie brauchen regelmäßig Medikamente und Pflege."

Der 85-jährige Saichi Wakamatsu ist herzkrank. Seit dem Erdbeben hat er seine Medikamente nicht mehr genommen. "Die Medikamente waren in meinem Haus - und das ist zerstört", so der alte Mann.

Zehn provisorische Toiletten für 1800 Menschen

Die 24.500-Einwohner-Stadt Rikuzentakata wurde durch den Tsunami dem Erdboden gleichgemacht. Rund 800 Überlebende sind in einem Altenheim untergekommen, weitere 1800 in einer Schule. "Die Menschen sind komplett erschöpft - körperlich und mental", sagt der Direktor der Schule. Es gebe nicht genug Lebensmittel für drei Mahlzeiten am Tag, die Hygiene sei mangelhaft. Es gebe zehn provisorische Toiletten und einige Löcher mit Holz-Konstruktionen darüber. "Das reicht nicht für die gut 1800 Menschen hier."

Gegen 6 Uhr abends wird es stockfinster, die Menschen zünden Kerzen an, die sie aus einem nahe gelegenen Tempel bekommen haben. Am Eingang hängt eine handgeschriebene Liste mit den Namen der Flüchtlinge, die hier untergekommen sind. Immer wieder kommen Menschen in die Notunterkunft, um nach Verwandten und Freunden zu suchen - meist vergeblich.

Keiichi Shirai fuhr mit seinem Fahrrad zum Rathaus Rikuzentakata, wo ebenfalls eine Liste mit Vermissten hängt. Für die 15 Kilometer musste der 77-Jährige vier Stunden radeln. Der Rentner sucht seinen Schwiegersohn, der bei einer Baufirma angestellt ist, und seinen Enkel, der auf ein Gymnasium geht, wie die Zeitung "Sankei" berichtet. Shirai habe gehört, dass zwei Schüler beim Schwimmen gerettet worden seien. Er fragt einen Beamten nach ihnen - und wird enttäuscht: Die beiden Geretteten waren Mädchen.

Die Namen auf der Liste sind mit O oder X markiert. Die Geretteten bekommen ein O, die Verstorbenen ein X. 150 der 1400 Namen sind mit O markiert, 40 mit X. Die Namen von Shirais Sohn und Enkel stehen nicht auf der Liste.

"500 Tage, um alle Leichen einzuäschern"

In Ishinomaki werden sogar die Toten zu einem drängenden Problem. "Wir haben nur ein Krematorium, in dem wir vielleicht 18 Leichen pro Tag verbrennen können", sagte der stellvertretende Bürgermeister Etsuro Kitamura dem "Guardian". Er schätze, dass von den rund 160.000 Einwohnern 10.000 durch den Tsunami ums Leben gekommen seien. "Es würde 500 Tage dauern, all diese Leichen einzuäschern." Schulen wurden zu Leichenhallen umfunktioniert, aber trotz der kühlen Temperaturen können die Toten dort nicht unbegrenzt aufbewahrt werden. Die Kommune denkt nun über Massenbegräbnisse nach.

Die Zahl der Toten und Vermissten ist inzwischen auf mehr als 11.000 gestiegen. Offiziell wurden laut Polizei am Mittwoch mehr als 7500 Menschen als vermisst. Die Zahl der bestätigten Toten lag bei 3676, verletzt wurden demnach 1990 Menschen. Der Polizeichef der besonders stark beschädigten Präfektur Miyagi hatte am Sonntag erklärt, allein in dieser Region rechne er mit 10.000 Toten.

Es ist schwierig, Hilfsgüter in die Region zu bringen. Tausende japanische Soldaten arbeiten zwar daran, die zerstörten Straßen von Schutt und Trümmern zu säubern. "Sie sind effizient und können eine Menge wegschaffen", sagte der Fotograf Piotr Onak, der in der Krisenregion unterwegs war. Allerdings ist es schwierig, Nahrungsmittel und Wasser heranzufahren. Das Benzin ist knapp.

Mitten in einem heftigen Schneesturm landete ein US-Transportflugzeug mit elf Mitgliedern der Marineinfanterie auf der stark zerstörten Landebahn von Matsuschima, rund 28 Kilometer nördlich von Sendai. Wie das "Wall Street Journal" berichtete, brachten die Helfer 20.000 Flaschen Wasser und wurden von japanischen Soldaten beim Verteilen unterstützt.

In Ishinomaki bringen laut "Guardian" Hubschrauber Lebensmittel in das nahe der Stadt gelegenes Fußballstadion. Doch: "Was bisher hier ankommt, reicht bei weitem nicht", sagte Kitamura der Zeitung. Da die Menschen ihre Häuser verloren hätten, würden sie lange hier in den Notunterkünften bleiben.

Eine Banane und eine Kugel Reis am Tag

"Meine vier Kinder und ich haben solchen Hunger", sagte Hiroko Kodo dem "Guardian". "Wir bekommen eine Banane und eine Kugel Reis am Tag", so die Pflegeleiterin eines Altenheims. Sie gehört zu den knapp 40.000 Menschen, die in den 106 Notunterkünften in Ishinomaki untergekommen sind.

Doch es gibt auch Momente der Hoffnung. Durch die Turnhalle des Gymnasiums von Otsuchi ertönte am Mittwochmorgen ein lauter Ruf. "Ist mein Enkel da?", rief Hideo Abe, 76, wie die japanische Zeitung "Sankei" berichtet. Nach einigen Sekunden streckte sich aus dem Meer von Wolldecken eine Hand nach oben. Die Augen von Abe und seiner Frau Mitsu, 75, füllten sich mit Tränen - ihr Enkel Daisuke Kurosawa, 25, lächelte ihnen entgegen.

Das Haus der Abes steht an einem Berg und hat den Tsunami unversehrt überstanden. Das Ehepaar machte sich aber Sorgen um seinen Sohn, der in Kamaishi wohnt, sowie den Enkel. Die Abes stiegen also ins Auto und suchten in mehreren Notunterkünften nach den beiden. Am Montag fanden sie bereits ihren Sohn in Kamaishi - und nun auch den Enkel.

Auch die Helfer brauchen Lichtblicke, um nicht zu verzweifeln. Fünf Tage nach der Katastrophe konnten sie in Ishinomaki eine 70-jährige Frau aus den Trümmern ihres umgestürzten Hauses retten. Sai Abe war laut "Daily Telegraph" völlig unterkühlt, ansonsten aber unverletzt. "Ich bin so dankbar und glücklich, wie damals, als mein Sohn geboren wurde", sagte Abe laut "Sankei". Der erste Schluck Wasser habe "unheimlich gut geschmeckt." Während des Erdbebens hatte sich die Frau geweigert, ihr Haus zu verlassen. Es hielt stand. Eine Stunde später wurde es von einer Tsunami-Welle getroffen und komplett zerstört.

Auch in anderen Orten wurden vereinzelt Überlebende gefunden - aber an Tag sechs nach dem Beben und dem Tsunami schwindet die Hoffnung. Vor allem die Wetterberichte stimmen pessimistisch: Meteorologen sagten für Donnerstag voraus, dass die Temperaturen weiter fallen würden - auf bis zu minus fünf Grad.

Mitarbeit: Yasuko Mimuro

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