Japans nukleare Katastrophe Flüchtlinge kehren in Sperrzone zurück

Sie sorgen sich um ihre Angehörigen, um Haus und Hof, um ihr Vieh: Anwohner aus der Evakuierungszone um das Kernkraftwerk Fukushima I kehren wieder in ihre Dörfer zurück, trotz eindringlicher Warnungen der Regierung. Viele haben das Sperrgebiet vermutlich gar nicht erst verlassen.

Geigerzähler in Iitate: Im Grenzgebiet der Evakuierungszone
REUTERS/ Greenpeace

Geigerzähler in Iitate: Im Grenzgebiet der Evakuierungszone


Hamburg - Seit Beginn der atomaren Katastrophe diskutieren Sicherheitsexperten über die Evakuierungszone um das havarierte AKW Fukushima. Reichen die von der japanischen Regierung angeordneten 20 Kilometer? Muss die Zone auf 40 Kilometer erweitert werden, wie Greenpeace fordert? Oder gar auf 80 Kilometer, wie die US-Regierung empfiehlt?

Diese Fragen scheinen für einige Anwohner in der Präfektur Fukushima mittlerweile Nebensache zu sein. Denn trotz der weiter kritischen Lage im AKW, trotz offizieller Meldungen über eine Kernschmelze, trotz Warnungen vor verseuchtem Trinkwasser, trotz erster Plutonium-Funde in unmittelbarer Nähe des Meilers kehren viele Menschen in die Gefahrenzone zurück. Vor allem ältere Anwohner sorgten sich um ihre Häuser und wollten nicht länger in Notunterkünften bleiben, berichtete der Nachrichtensender NHK am Montag unter Berufung auf Meldungen aus den Kommunen.

Demnach seien tagsüber wieder häufiger Autos auf den Straßen zu sehen, nachts seien vermehrt Häuser beleuchtet. Die Präfektur Fukushima habe daher bei der Regierung um eine bessere Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten gebeten, berichtet NHK. Das hatte zuvor auch der Bürgermeister der Stadt Minamisoma vehement eingefordert.

"Bitte habe Sie noch Geduld"

Die Regierung rief die Anwohner dringend auf, nicht in ihre Häuser im 20-Kilometer-Evakuierungsradius um das AKW zurückzukehren. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Umkreis von 20 Kilometern um das Kraftwerk kontaminiert ist", sagte Regierungssprecher Yukio Edano laut der Nachrichtenagentur Kyodo. Für die Gesundheit bestehe ein "großes Risiko". Anwohner sollten die Zone nicht betreten, bevor die Regierung grünes Licht gebe.

Doch daran halten sich offenbar längst nicht alle Menschen. "Wir haben Informationen erhalten, dass einige Personen in das Gebiet zurückgekehrt sind", sagte Edano laut einem Bericht der Tageszeitung "Asahi". Polizei und Feuerwehrleute betreten die Evakuierungszone demnach nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen, mit Schutzanzügen und Geigerzählern. Für die Anwohner sei das Risiko zu hoch. "Bitte haben Sie noch Geduld", appellierte Edano.

Detaillierte Daten, wie viele Menschen sich in der Evakuierungszone aufhalten, gibt es nicht. Japanischen Zeitungsberichten zufolge ist die Zahl jedoch groß. Denn zu den Rückkehrern kommen vermutlich Dutzende, die das Sperrgebiet nie verlassen haben. "Asahi" berichtet in diesem Zusammenhang unter Berufung auf die betroffenen Kommunen von mindestens 60 Personen.

"Ich habe Angst, aber ich muss das hier durchstehen"

Die meisten von ihnen seien Landwirte oder Menschen mit pflegebedürftigen Angehörigen. Dem Bericht zufolge versuchen Rettungskräfte, die Menschen zum Verlassen der Evakuierungszone zu überreden. Doch eine rechtliche Befugnis haben sie nicht.

Die Tageszeitung "Mainichi" berichtete bereits am Samstag von einem 60-jährigen Landwirt, der gemeinsam mit seiner 57-jährigen Frau in Iitate ausharrt, einem Dorf etwa 40 Kilometer nordwestlich des havarierten Kraftwerks. Die Hälfte der Bewohner aus Iitate sei inzwischen geflohen. "Ich habe Angst und bin nicht sicher, ob es okay ist, zu bleiben. Aber ich kann meine Kühe nicht zurücklassen", wird der Landwirt zitiert. Ein 53-Jähriger aus dem Ort verweist unter anderem auf seine bettlägerige Mutter: "Ich habe Angst vor den Strahlen, aber ich muss das hier durchstehen."

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Die Menschen in Iitate leben im Grenzbereich der Evakuierungszone. Zunächst war den Menschen in einem Umkreis von 20 bis 30 Kilometern um das Unglücks-AKW lediglich empfohlen worden, in ihren Häusern zu bleiben. Ende vergangener Woche riet die Regierung den Bewohnern der äußeren Zone dann, das Gebiet freiwillig zu räumen. Als Grund gaben die Behörden an, dass die Versorgung der Menschen immer schwieriger werde.

Doch in den Notunterkünften außerhalb der Evakuierungszone ist die Situation nicht unbedingt besser. Die Menschen seien erschöpft und wollten wieder nach Hause, sagte die Provinzregierung von Fukushima dem NHK-Bericht zufolge.

Unterdessen erschütterten weitere Beben die Katastrophenregion. Am Montagmorgen bebte die Erde nach japanischen Angaben mit einer Stärke von 6,5. Die US-Erdbebenwarte stufte die Stärke des Erdstoßes dagegen auf 5,1 zurück. Kurz danach gab es ein weiteres Nachbeben. Die Region war am 11. März von einem verheerenden Erdbeben der Stärke 9 sowie einem Tsunami schwer zerstört worden. Mehr als 11.000 Menschen starben, über 17.000 Menschen gelten als vermisst. Noch immer hausen 190.000 Menschen in Notunterkünften, wie NHK meldete.

hut/rkv/dpa

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
el3ktro 28.03.2011
1. .
So zynisch es klingt, aber solange die Strahlendosis nicht direkt tödlich ist, ist es zumindest für ältere Personen egal, ob sie verstrahlt werden. Es ist ja nicht so das man bei der Strahlung die in der Evakuierungszone herrscht gleich tot umkippt, es wird lediglich die Wahrscheinlichkeit erhöht, irgendwann Krebs zu bekommen. Ab einem bestimmten Lebensalter ist dieses Risiko aber egal, da man - wie gesagt es klingt zynisch - sowieso nicht mehr allzu lange lebt. Bei jungen Menschen oder gar Kindern ist das natürlich etwas völlig anderes, die sollte man unbedingt fern halten.
Newspeak, 28.03.2011
2. ...
"Dem Bericht zufolge versuchen Rettungskräfte, die Menschen zum Verlassen der Evakuierungszone zu überreden. Doch eine rechtliche Befugnis haben sie nicht." Was macht die japanische Regierung überhaupt? Eine solche Zone muß man zwangsweise evakuieren, das ergibt sich schon aus der Verpflichtung des Staates das Leben seiner Bürger zu schützen. Wozu braucht man den denn sonst? Für mich versagen die Japaner gerade auf ganzer Linie. Und zwar genau wegen ihrer so vielgerühmten autoritätsgläubigen und zurückhaltenden Mentalität. Japan muß echt zuschauen, daß es in der Moderne ankommt, da hatte ein gestriger SPON-Kommentator absolut recht.
unente, 28.03.2011
3. Alles auf eigenes Risiko?
Zitat von el3ktroSo zynisch es klingt, aber solange die Strahlendosis nicht direkt tödlich ist, ist es zumindest für ältere Personen egal, ob sie verstrahlt werden. Es ist ja nicht so das man bei der Strahlung die in der Evakuierungszone herrscht gleich tot umkippt, es wird lediglich die Wahrscheinlichkeit erhöht, irgendwann Krebs zu bekommen. Ab einem bestimmten Lebensalter ist dieses Risiko aber egal, da man - wie gesagt es klingt zynisch - sowieso nicht mehr allzu lange lebt. Bei jungen Menschen oder gar Kindern ist das natürlich etwas völlig anderes, die sollte man unbedingt fern halten.
Wie sollen die versorgt werden oder sich selbst versorgen? Haben die noch Anspruch auf soziale Krankenleistungen? Müssen sich andere Menschen in das Risikogebiet begeben, wenn diese Menschen Hilfe brauchen - oder lässt man die dann einfach dort liegen? Zumindest sollten sich solche Rückkehrer mit der Möglichkeit anfreunden, dass ihre Entscheidung ein hohes Risiko birgt und die entsprechenden Konsequenzen ziehen wollen.
Medienkritiker 28.03.2011
4. bekanntes Sydrom
Das kennen wir doch bereits aus Tschernobyl! alte Menschen lassen sich nicht vertreiben aus ihrem vertrauten Gefilden. Ich kann das durchaus verstehen, schließlich sind Perspektiven für die Zukunft für diese Gruppe passe`. Wozu also ALLES aufgeben? ein paar Jahre weniger Lebenszeit ist da eher sekundär!
j.schiffmann 28.03.2011
5. ...
Zitat von sysopSie sorgen sich um ihre Angehörigen, um Haus und Hof, um ihr Vieh: Anwohner aus der*Evakuierungszone um das Kernkraftwerk Fukushima I kehren wieder in ihre Dörfer zurück, trotz eindringlicher Warnungen der Regierung.*Viele haben das Sperrgebiet vermutlich gar nicht erst verlassen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,753570,00.html
Der wird die Kühe, bzw. dessen Fleisch eh nie in den Handel bringen können. Die Leute müssen doch irgendwie entschädigt werden...
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