Jemen Ausländer häufig Opfer von Entführern

Touristen, Studenten, Entwicklungshelfer: Ausländische Besucher sind im Jemen von jeher der Gefahr von Entführungen ausgesetzt. Bisher verschleppten Stammeskrieger vor allem Reisende, die sich mit dem eigenen Fahrzeug auf die Pisten des Hinterlandes wagten.


Kairo - Im Juni 2001 wurde der deutsche Arabistikstudent Carl Christian Hoernecke im Zentrum der Hauptstadt Sanaa von Stammeskriegern verschleppt. Die anschließenden Verhandlungen verliefen kompliziert: Zunächst musste die Regierung unter Präsident Ali Abdallah Saleh die Scheichs der Umgebung für eine Vermittlungsmission gewinnen. Wegen des Konflikts zwischen Regierungssoldaten und Stammeskriegern dauerte es dann mehrere Tage, bis die Verhandlungen überhaupt beginnen konnten. Schließlich kam der 22-Jährige wieder auf freien Fuß. Die meisten in Sanaa lebenden Deutschen wissen um die Gefahr, der sie ausgesetzt sind, und versuchen, vorsichtig zu sein.

Experten zufolge gelten die ausländischen Geiseln den Stämmen als eine Art Tauschware, die sie benutzen, wenn ihnen die Regierung etwa den Bau einer Schule verweigert oder sie sich auf andere Art und Weise ungerecht behandelt fühlen.

Einen tödlichen Ausgang hat bisher nur eine einzige Geiselnahme im Jemen genommen. Im Dezember 1998 kamen vier Touristen, drei Briten und ein Australier, ums Leben. Damals waren die Entführer jedoch Angehörige einer muslimischen Extremisten-Organisation und keine Stammeskrieger. Einige Gebiete des südarabischen Landes - Heimat der Familie des Terroristenführers Osama bin Laden - gelten bei US-Terrorismusexperten seit Jahren als Rückzugsgebiete für Islamisten.

Das Auswärtige Amt in Berlin mahnt in seinen Sicherheitshinweisen für Touristen zur Vorsicht bei Reisen im Jemen. Es bestehe ein allgemeines Risiko terroristischer Anschläge gegen westliche Interessen, heißt es auf der Internetseite des AA. Die jemenitische Regierung bemühe sich seit früheren Anschlägen "mit Nachdruck und gutem Erfolg", die Bevölkerung wie auch Touristen und andere Ausländer vor Gewaltakten zu schützen.

Dass derartige Ereignisse jedoch weiterhin grundsätzlich im ganzen Lande, auch in den Städten, stattfinden können, zeigten zwei Vorkommnisse im Süden der Provinz Shabwa im August sowie zwei kurzzeitige Entführungen von jeweils zwei Touristen bei der Stadt Marib im November und Dezember dieses Jahres. In allen Fällen seien Ausländer von einem Stamm festgehalten worden, um von der Regierung Gegenleistungen zu erpressen. Das Auswärtige Amt empfiehlt, Reisen im Jemen immer durch eine Reiseagentur organisieren zu lassen oder in Kooperation mit zuverlässigen und erfahrenen jemenitischen Partnern zu unternehmen. Von Einzelreisen durch das Land wird dringend abgeraten.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.