Jemen Steinmeier rechnet mit Chrobog-Freilassung bis Sonntag

Nach widersprüchlichen Meldungen über eine baldige Freilassung von Jürgen Chrobog und seiner Familie herrscht nun Zuversicht im Auswärtigen Amt. Nach Ansicht von Minister Steinmeier dürfte der ehemalige Staatssekretär bis Neujahr wieder frei sein.


Sanaa/Berlin - "Es braucht wie immer Zeit, Geduld und Nerven", sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier. "Aber ich bin mir sicher, dass wir noch vor Jahresende zu einem Abschluss kommen werden." Die Bundesregierung stehe in engstem Kontakt mit der Regierung in Jemen, um eine Freilassung des ehemaligen Staatssekretärs Jürgen Chrobog und seiner Familie zu erreichen. Auch nach Angaben des Gouverneurs der jemenitischen Provinz Schabwa, Abdallah al-Kadi, bewegen sich die Verhandlungen "in eine positive Richtung". Die Geiseln würden wie Gäste behandelt, aber auch als Druckmittel gegen die Regierung in Sanaa benutzt, sagte er der dpa. Ein Sprecher der Provinzverwaltung sagte, die Unterhändler hätten sich mit den Geiselnehmern in einigen Punkten einigen können, in anderen noch nicht. Er sei zuversichtlich, dass Chrobog, seine Frau und die drei Söhne bis Freitagmorgen freigelassen würden.

Nach Angaben der Geiselnehmer sind die Entführten "unversehrt und sicher." Den fünf Verschleppten werde nichts geschehen, außer wenn die Sicherheitskräfte versuchen sollten, diese gewaltsam zu befreien, sagte einer der Geiselnehmer telefonisch der Nachrichtenagentur dpa. Die Chrobog-Familie war gestern auf dem Weg von Aden nach Schabwa - rund 470 Kilometer östlich der Hauptstadt Sanaa - verschleppt worden.

Entführungsopfer Chrobog: "Wir sind zuversichtlich"
REUTERS

Entführungsopfer Chrobog: "Wir sind zuversichtlich"

Die jemenitischen Entführer des Ex-Diplomaten Jürgen Chrobog und seiner Familie haben offenbar mehrere Optionen zur Lösung des Geiseldramas vorgeschlagen. Das teilte Awadh Bin al-Wasir mit, einer der Stammesführer, die in dem Fall vermitteln. Nach den Worten Wasirs beziehen sich sämtliche Forderungen der Geiselnehmer auf eine örtliche Stammesfehde und richten sich an die jemenitischen Behörden.

Die Justiz solle entweder fünf inhaftierte Angehörige der Entführer freilassen oder aber den Prozess gegen die fünf Männer aus ihrer Heimatregion Schabwa an einen anderen Gerichtsort verlegen, sagte Wasir. Die Geiselnehmer vom Stamm Bin Dahha wären seinen Worten zufolge aber auch zufrieden, wenn neben ihren Angehörigen auch fünf Mitglieder des rivalisierenden Stammes al-Maraqscha festgenommen und vor Gericht gestellt würden. Die inhaftierten Bin-Dahha-Mitglieder sollen zwei Angehörige des Maraqscha-Clans getötet haben.

Die Zeitung "Jemen Observer" berichtete in ihrer Online-Ausgabe, die erste Runde der Freilassungsverhandlungen sei in den frühen Morgenstunden gescheitert. Der Vertreter der Entführer, der sich dem Blatt als Abu Baker Abu al-Khair vorgestellt habe, habe erklärt, das Verhandlungsteam der Regierung unter Leitung von Generalmajor Abu Baker Said Ali als Sondergesandter des Innenministeriums sei nicht in der Lage gewesen, den Entführern die Erfüllung ihrer Forderungen hinreichend sicher zuzusagen.

Das Auswärtige Amt in Berlin hatte auf diese Meldung zunächst betont reserviert reagiert und dringend mehr Zurückhaltung empfohlen. Sprecher Martin Jäger sagte auf Nachfrage: "Wir sind zuversichtlich, dass der Entführungsfall zu einem guten Ende gebracht werden kann. Es ist aber wenig hilfreich, sich jetzt vorschnell auf Zeitpunkte für einen Abschluss der Verhandlungen festzulegen. Die intensive Berichterstattung vor Ort im Jemen erleichtert die Verhandlungen nicht. Hier scheint aus unserer Sicht mehr Zurückhaltung angeraten." Zuvor hatten jemenitische Medien gemeldet, der Entführungsfall könne innerhalb von Stunden gelöst werden.

Steinmeier schaltete sich in den Entführungsfall ein und telefonierte mit seinem Amtskollegen im Jemen. Der Krisenstab im Auswärtigen Amt arbeitet unter Hochdruck. Die Behörden im Jemen wollen nach eigenen Angaben keine Waffengewalt in ihrem Bemühen um die Freilassung der Geiseln anwenden. Der Gouverneur der Provinz Schabwa, Ali al-Rassas, sagte, es sei eine Gruppe aus Stammesführern und Vertretern der Regierung eingesetzt worden, um mit den Geiselnehmern zu verhandeln.

Chrobog, der selbst im Auswärtigen Amts oft als Krisenmanager tätig war, seine Frau Magda und die drei erwachsenen Söhne waren gestern auf einer den Sicherheitsregeln entsprechend abgesicherten Privatreise in der östlichen Provinz Schabwa in die Gewalt Bewaffneter geraten. Der Chef des Reiseveranstalters Abu Talib Group in Sanaa teilte mit, er selbst habe über das Handy seines ebenfalls entführten Reiseleiters mit Chrobog gesprochen und sich vergewissert, dass es den Deutschen gut gehe. Unter den Entführten sind auch die beiden Fahrer des Konvois.

Hintergrund des Kidnappings ist offenbar eine blutige Stammesfehde. Die Entführer des Stammes bin Dahha verlangen nach jemenitischen Angaben die Freilassung von fünf inhaftierten Familienmitgliedern, denen wegen Tötung von zwei Mitgliedern des rivalisierenden Clan al-Maraqscha derzeit der Prozess gemacht werde. Die Dahha-Familie verlange von der Zentralregierung die unverzügliche Freilassung des Quintetts. Um den Druck auf Sanaa zu erhöhen, seien die Ausländer gefangen genommen worden. Es gilt allerdings als unwahrscheinlich, dass die Entführer gezielt den ehemaligen Spitzendiplomaten verschleppt haben.



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