Jens Spahn will Zugang zu Psychotherapie erschweren: Das ist einfach Irrsinn!

Völlig inakzeptabler Plan.
Foto: dpa/Kay Nietfeld

Dieser Beitrag wurde am 19.12.2018 auf bento.de veröffentlicht.

Hey Jens Spahn,

ich habe von Ihren tollen Plänen gehört, dass zukünftig nur noch speziell ausgebildete Experten entscheiden, wer in Deutschland eine Psychotherapie bekommt. Toll, denkt man da zunächst, endlich eine Anlaufstelle, damit Therapieplätze schneller vergeben werden. Die Wahrheit ist aber: Das ist vollkommen inakzeptabel.

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Wissen Sie, wenn man depressiv ist oder eine andere psychische Krankheit hat, dann ist das Überleben ohnehin schon sehr schwierig. 

Duschen? Eine große Herausforderung. Zur Arbeit gehen? Oft unmöglich. Freude empfinden? Haha ja, das letzte Mal vor sechs Monaten vielleicht.

Oft schleichen sich solche Erkrankungen langsam an und zeigen sich mitunter oft erst einmal in psychosomatischen Problemen. Der Rücken tut weh, aber der Orthopäde findet nix. Das Herz rast, aber das EKG ist okay. Schlafen geht nicht mehr, obwohl man dauernd müde ist. 

Die meisten Menschen denken dann erst einmal: Aha, ich hab etwas mit dem Rücken. Auch, wenn keiner die Ursache findet. Da MUSS etwas sein. Sie gehen wieder zurück zum Hausarzt und der überlegt sich, was es sonst noch sein könnte.

In den allerwenigsten Fällen gehen Menschen zum Doktor und sagen: "Guten Tag, mein Name ist Schmidt, ich habe eine mittelgradige depressive Episode ohne psychotische Symptome." Sie wissen nicht, was sie haben. Sie haben Angst, sie sind verunsichert, sie fühlen sich beschissen.

Irgendwann ist klar: Es könnte etwas Psychisches sein. Dann bekommt man eine Überweisung und ruft vier Millionen Therapeuten an, von denen zwei zurückrufen und sagen, dass sie keine Termine bis 2023 haben. Einer sagt: Okay, komm vorbei.

Anschließend kommt der beste Teil: Man geht zu einem Therapeuten und hat 50 Minuten Zeit, ihm zu erklären, warum es einem so mies geht. Das, lieber Jens Spahn, ist sehr, sehr schwer. Und es tut weh. 

Es gelingt nur, wenn man dem Therapeuten ein bisschen vertraut.

Wenn es nicht gelingt, versucht man es bei jemand anderem. Man gibt nicht auf, weil man nicht aufgeben darf. Nach sehr vielen Kraftakten, oder vielleicht auch gleich beim ersten, hat man ihn oder sie gefunden: den Menschen, der einem vielleicht helfen kann.

Es ist schwer, dafür Worte zu finden. Wie findet man Worte für etwas, das eigentlich unbeschreiblich ist? Wie sagt man, dass einen die Monster im Kopf sprachlos machen? Wie beschreibt man die Panik?

Lieber Herr Spahn, nicht grundlos haben fast 160.000 Menschen eine Petition gegen ihren Vorschlag unterschrieben. Was Sie offenbar nicht verstehen, ist, dass zu alldem Vertrauen gehört. Vertrauen in den Hausarzt, Vertrauen zum Psychiater, Vertrauen zum Therapeuten. 

Und dann soll man das Ganze vor einer weiteren, fremden Person erneut leisten? Die fremd bleibt, weil sie eben nur diese eine Beurteilung macht? Und diese Person entscheidet dann darüber, ob man eine Therapie bekommt – oder nicht? 

Was Sie vorhaben, Jens Spahn, ist Diskrimminierung psychisch Kranker. Sie fordern, dass der Kranke belegen (!) und argumentieren (!) muss, dass er krank ist. Etwas, das die meisten psychisch kranken Menschen gar nicht leisten können.

Sie entmündigen Psychotherapeuten, die nachweislich sehr zutreffend beurteilen können, wer Hilfe braucht, und wer nicht. Sie zwingen Menschen in ein System, das ihnen unnötig Steine in den Weg legt, wo sie doch selber schon versteinert sind und dringend Hilfe brauchen.

Ihr Vorschlag zeigt, dass Sie Leid und Not psychisch Kranker weder nachempfinden können, noch begreifen, wie schwierig es ohnehin schon ist, gesellschaftlich nicht stigmatisiert zu werden. 

Ich bin unglaublich dankbar dafür, dass meine Hausärztin damals erkannte, was los war, und mich direkt an einen Therapeuten verwies, der mir helfen konnte. 

Nett von Ihnen, dass Sie noch einmal drüber nachdenken wollen (Spiegel Online). Allein: Solch ein Vorschlag, solche eine Idee, setzt trotzdem ein Bild von psychisch Kranken in die Welt, das es eigentlich niemals hätte geben dürfen. Und das zum Glück auch seit vielen Jahr bekämpft wird. 

Statt  zu sagen "Ich akzeptiere, wenn gesagt wird, die Regelung im Gesetzentwurf, die ist noch nicht so, dass alles passt", sollten Sie sich lieber entschuldigen, diesen Vorschlag überhaupt gemacht zu haben. Und gemeinsam mit Ärztinnen und Ärzten, Therapeutinnen und Therapeuten und Patientenvertretenden eine Lösung finden, die für alle gut ist.

Ich bin dankbar dafür, dass mein Therapeut mich als Ganzes wahrgenommen hat und wir zusammen nach und nach Worte fanden für das, was in mir vorgeht. Niemals hätte ich mich in so einer Situation überwinden können, das alles in einem kurzen Gespräch einer weiteren wildfremden Person argumentativ zu erläutern.

Wer sich ein Gesundheitssystem wünscht, das psychisch Kranke wie Nummern behandelt, wie "spezielle Fälle für Spezialisten", der wünscht sich ein unmenschliches System und eines, in dem niemandem geholfen ist, aber alle leiden. Das, lieber Jens Spahn, ist wahrer Irrsinn.

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