Westhauser-Retter Jeder Zentimeter erkämpft

Mit einem Freudenfest feiern die Helfer die Bergung des Forschers Johann Westhauser aus dem Riesending-Schacht. Zentimeter um Zentimeter erkämpften sie dieses Happy End - zum Schluss war die eigene Euphorie der größte Feind.

DPA

Aus Berchtesgaden berichtet


Johann Westhauser will sich bei jedem seiner Retter persönlich bedanken. "Auch, wenn es zwei Wochen dauert." Mit diesen Worten verabschiedete sich der Karlsruher Höhlenforscher im sogenannten Schockraum des Krankenhauses in Murnau von dem Mediziner, der ihn aus der Höhle bis hierher begleitet hatte. Notarzt Nico Petterich kann nicht sagen, wie es Westhauser momentan geht, welchen Befund Röntgenaufnahmen und CT ergeben haben. Aber: "Der Patient hat sich in den letzten Tagen auf dem Weg zur Oberfläche immer mehr stabilisiert."

Wie es aussieht, steht am Schluss der 11 Tage, 10 Stunden und 14 Minuten währenden Rettungsaktion in der Riesending-Höhle tatsächlich ein Happy End.

Die Helfer in der größten und längsten Höhle Deutschlands hätten sich keinen passenderen Tag für ihre Heldentat aussuchen können. Als sie am Donnerstagmittag den verletzen Forscher hoch oben auf dem Untersberg zurück ins Tageslicht trugen, feierte unten im Tal die Gemeinde Berchtesgaden das katholische Freudenfest Fronleichnahm. Gebirgsschützen feuerten Salutschüsse in den blau-weißen Himmel. Jungs führten ihre Lederhosen, Mädchen ihre Dirndl aus. Im Hofbräuhaus, das direkt gegenüber der Einsatzzentrale der Bergwacht liegt, servierten die Kellner mit dem Bier die neuesten Gerüchte zum Stand der Rettungsaktion.

Als am Vortag die Nachricht vom schnellen Aufstieg des Hilfstrupps die Runde machte, stand den Mitgliedern der Bergwacht Bayern bereits die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Roland Ampenberger, der Sprecher der Rettungsteams, strahlte, als er auf der Pressekonferenz am Mittwochabend das baldige Ende des Einsatzes unter Tage ankündigte. Seine Wangen glühten. Es konnte ihm gar nicht schnell genug gehen.

Doch seine von Euphorie geprägte Prognose, dass es bereits gegen 22 Uhr soweit sein könnte, erfüllte sich nicht. Erst am Donnerstagmittag näherte sich das Rettungsteam dem Ausgang der Höhle.

Kampf gegen den "Rettungskollaps"

Besonders die letzte Passage war noch einmal eine Herausforderung für die Helfer. Auf einen 180 Meter tiefen Sacht folgten zwei weitere senkrecht abfallende Hänge, die durch eine nur wenige Zentimeter breite Engstelle verbunden sind. Die Gefahr von Steinschlägen ist hier groß. "Um einen Folgeunfall zu verhindern, wollten wir die letzte Phase besonders diszipliniert gestalten" sagt Bergwacht-Chef Klemens Reindl. Es galt, einen sogenannten Rettungskollaps zu verhindern - einen durch Vorfreude ausgelösten Spannungsabfall in der Konzentration der Helfer.

Als es dann endlich soweit war, sei das ein Gefühl "wie Weihnachten und Ostern zugleich" gewesen. Auf dem Plateau des Untersbergs wurde der mit einer Spezialsonnenbrille gegen das helle Tageslicht geschützte Westhauser von rund hundert Helfern in Empfang genommen. Die Trage, in der er fixiert lag, wanderte die 200 Meter vom Höhlenausgang zum Notarzt-Helikopter von Hand zu Hand.

Unten im Tal wird sich kaum einer der vergnügten Biergartenbesucher eine Vorstellung davon gemacht haben, wie hart die gute Nachricht von der Rettung des Höhlenforschers in den letzten zwölf Tagen Zentimeter für Zentimeter erkämpft worden war. Von einem "Riesenkraftakt" und einer "Mammutaufgabe ohne Beispiel in der Geschichte der Bayerischen Bergrettung" sprach Reindl. Der Chef der österreichischen Rettungstrupps wiederum beschrieb die Schicht im Riesending-Schacht so: "Arbeit, Arbeit, schwitzen, frieren." Ein Moment habe sich ihm besonders eingebrannt: Als nach der geglückten Rettungsaktion "die stärksten Kerle den Tränen nahe waren".

Insgesamt 202 Höhlenretter waren die letzten zwölf Tage unter der Oberfläche im Einsatz. Hinzu kamen noch Einsatzkräfte des Roten Kreuzes, der Polizei und der Bundeswehr. "90 Prozent der Höhlenretter-Ausrüstung der Bergwacht Bayern war in den letzten zwölf Tagen im Riesending verbaut," sagte Innenminister Joachim Herrmann. Er will das Riesending nun mit einer Klappe verschließen lassen. Die Gefahr, dass Schaulustige und höhlenunerfahrene Touristen nach all dem Medienrummel den Einstieg in die Höhle wagen könnten, sei zu groß.

Zur Stunde findet ein Fest für alle Helfer im Hofbräuhaus Berchtesgaden statt. Riesige Schüsseln mit Brezeln, Kartoffelsalat und Krautsalat stehen auf den Tischen. Eine Blaskapelle spielt auf. Doch Bergwachtsprecher Ampenberger betont: "Unser Einsatz ist erst dann beendet, wenn alle Helfer sicher wieder im Tal bei ihren Familien sind". Bald soll es soweit sein.

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
Mach999 19.06.2014
1.
Was kostet der Krautsalat, und wer bezahlt ihn?
eiskoenig 19.06.2014
2. Wahnsinn im positiven Sinne
Einen herzlichen Glückwunsch den Helfern und Helferinnen! Fantastisch was Ihr da fertig gebracht habt!!!!
Jaerven 19.06.2014
3. Gut
Zitat von sysopDPAMit einem Freudenfest feiern die Helfer die Bergung des Forschers Johann Westhauser aus dem Riesending-Schacht. Zentimeter um Zentimeter erkämpften sie dieses Happy End - zum Schluss war die eigene Euphorie der größte Feind. http://www.spiegel.de/panorama/johann-westhauser-retter-berichten-von-harter-arbeit-in-riesending-a-976258.html
Die Leute haben allen Grund zum Feiern. Egal was es kostet ;-)
Emal 19.06.2014
4. Das haben sich die Helfer verdient
Danke für den mutigen Einsatz und gute Besserung für Hr. Westhauser! Und wer jetzt wieder rumheult, dass niemand zahlen soll, bloß nichts von den eigenen Steuer-/Beitragsgelderanteil "verschwendet" werden soll, für den hab ich ein schönes Sprichwort: "Geht in den Wald, sterben. Aber bitte leise."
unifersahlscheni 19.06.2014
5. Danke für die ...
Zitat von sysopDPAMit einem Freudenfest feiern die Helfer die Bergung des Forschers Johann Westhauser aus dem Riesending-Schacht. Zentimeter um Zentimeter erkämpften sie dieses Happy End - zum Schluss war die eigene Euphorie der größte Feind. http://www.spiegel.de/panorama/johann-westhauser-retter-berichten-von-harter-arbeit-in-riesending-a-976258.html
... Super Rettungsaktion, an Weihnachten werde ich an diesen Augenblick zurückdenken, an die vielen Menschen, Rettern, Ehrenamtlichen, die sich nicht zu schade waren, ihr eigenes Leben für einen verunglückten Kameraden auf`s Spiel zu setzen... ... Europaweit, DANKE. DANKE. DANKE.
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