Johannes Paul II. Zwischen Leben und Tod

Millionen Gläubige bangen weltweit um das Leben Johannes Paul II. Eine italienische Nachrichtenagentur meldet nun, der Zustand des Todkranken habe sich auf kritischem Niveau stabilisiert. Kardinal Ruini, der im Falle des Papsttodes die Öffentlichkeit informieren müsste, zog sich am Morgen in sein Schlafzimmer zurück.


Petersplatz: Tausende von Gläubigen versammelten sich hier am Abend
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Petersplatz: Tausende von Gläubigen versammelten sich hier am Abend



Rom - Die kritischen Werte des todkranken Papstes haben sich nach einem Bericht der italienischen Nachrichtenagentur ADNKronos zunächst stabilisiert. Kardinal Camillo Ruini, der im Falle des Papsttodes die Öffentlichkeit informieren müsste, habe sich am frühen Samstagmorgen in sein Schlafzimmer zurückgezogen, sagte dessen Privatsekretär Don Nicola in einem Gespräch mit ADNKronos. Am Morgen harrten nach Angaben des italienischen Fernsehens noch etwa 1000 Gläubige aus.

"Diese Nacht öffnet Christus dem Papst die Tür", mit diesen Worten hat Erzbischof Angelo Comastri Katholiken in aller Welt auf den baldigen Tod ihres Kirchenoberhauptes vorbereitet. Italienischen Presseberichten zufolge hat Johannes Paul II. das Bewusstsein verloren - das wurde vom Vatikan nicht dementiert.

In Wadowice, der Heimatstadt des Papstes, bangen junge Ministranten um das Leben Johannes Paul II.
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In Wadowice, der Heimatstadt des Papstes, bangen junge Ministranten um das Leben Johannes Paul II.

Kardinal Joseph Ratzinger betrat kurz nach Mitternacht erneut den Vatikan. Nach offiziellen Angaben des Vatikans verschlechterte sich der Zustand des Pontifex dramatisch. Die Nachrichtenagentur ADNKronos meldete am Abend sogar den Hirntod. Der Vatikan widersprach dieser Darstellung. Der Papst sei im "Todeskampf", beschrieb Kardinal Javier Lozano Barragan laut Radio Vatikan den Zustand des Papstes.

Immer wieder sorgen Meldungen für Verwirrung: ADNKronos meldete ohne Quellenangabe, ein Monitor zeige keine Gehirnströme des Papstes mehr an. Aus dem Vatikan hieß es dazu, Johannes Paul II. sei gar nicht an ein solches Gerät angeschlossen.

Papstgemächer: Mit Bangen beobachten die Gläubigen die Fensterläden - nach dem Tod eines Papstes werden sie für gewöhnlich geschlossen
AFP

Papstgemächer: Mit Bangen beobachten die Gläubigen die Fensterläden - nach dem Tod eines Papstes werden sie für gewöhnlich geschlossen

Die engen Vertrauten des Papstes hatten sich am Abend um den Sterbenden versammelt. Der italienische Kardinal Camillo Ruini dankte dem Todkranken in einem Gottesdienst in der römischen Laterankirche, an der auch die Spitzen des italienischen Staates teilnahmen.

"Der Papst sieht und berührt schon den Herrn", sagte Ruini bei einer Messe für Johannes Paul II. in Rom. "Er scheidet still dahin", so der polnische Kardinal Andrzej Maria Deskur, ein enger Freund des Papstes. Seinem früheren Privatsekretär John Magee zufolge ist der Papst bereit zu sterben.

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Abschied: Gebete für den sterbenden Papst

Vatikansprecher Navarro-Valls hatte gestern um 19 Uhr vor der Presse erklärt: "Der allgemeine Zustand und der Zustand des Herz- und Atmungsapparates hat sich beim Heiligen Vater weiter verschlechtert. Die Ärzte verzeichnen eine neuerliche Zunahme des Blutdrucks, der Atem des Papstes ist flach geworden. Das klinische Bild zeigt ein Versagen des Kreislaufs und der Nieren. Die biologischen Parameter sind sehr beeinträchtigt. Der Heilige Vater vereinigt sich - mit sichtbarer Anteilnahme - im kontinuierlichen Gebet mit denen, die ihm beistehen."

Kardinal Ruini zelebriert am Abend eine Messe für Johannes Paul II.
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Kardinal Ruini zelebriert am Abend eine Messe für Johannes Paul II.

Am Nachmittag hatte Johannes Paul II. noch letzte Amtshandlungen vorgenommen. Im Vatikan ernannte er 17 Bischöfe, gleichzeitig nahm er den Rücktritt von sechs weiteren entgegen. Beobachter deuteten das als ein weiteres Zeichen für den baldigen Tod des 84-Jährigen. Italienische Fernsehsender berichteten außerdem, Kardinäle aus aller Welt seien auf dem Weg in den Vatikan. Wenn der Papst gestorben ist, wählt die Versammlung der Kardinäle einen Nachfolger.

Vatikansprecher Joaquín Navarro-Valls, der bei einer Pressekonferenz mit den Tränen kämpfte, sagte, obwohl Johannes Paul II. über seinen bedrohlichen Zustand informiert worden sei, habe er sich geweigert, nochmals in die römische Gemelli-Klinik zu gehen. "Päpste sterben nicht im Krankenhaus", heißt es in Rom zu dieser päpstlichen Tradition.



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