Jolo SPIEGEL-Korrespondent wurde angeblich gesehen

Der verschleppte SPIEGEL-Redakteur Andreas Lorenz ist bei der Entführung durch philippinische Rebellen offenbar verletzt worden. Lorenz wird angeblich in einem Lager der Gruppe Abu Sayyaf festgehalten. Doch das wird von den Rebellen bestritten.


Jolo/Hamburg - Das Lager der militanten Moslemrebellen liegt nach Angaben von Geheimdienstberichten der Polizei nahe der Ortschaft Patikul auf der südphilippinischen Insel Jolo. Dort wurde Lorenz angeblich am Montag gesehen. Ein Sprecher von Abu Sayyaf sagte dagegen, man habe nichts mit der Entführung zu tun.

Augenzeugen berichteten, einer der Kidnapper habe Lorenz mit einer Pistole auf den Kopf geschlagen, als dieser sich weigerte, aus seinem Auto zu steigen. "Über seine Stirn lief Blut, aber er hat nicht das Bewusstsein verloren", berichtete ein Begleiter.

Der Journalist hatte sich nach Informationen von Polizeichef Candido Casimiro in einem Café im Zentrum der Inselhauptstadt mit vier der Rebellen getroffen, um ein Interview mit den 20 Geiseln zu vereinbaren. Anschließend sei er mit ihnen in den Dschungel gefahren, wo ihn plötzlich dutzende von Abu-Sayyaf-Mitgliedern mit vorgehaltener Waffe gezwungen hätten, in ein anderes Fahrzeug umzusteigen, berichtete sein Fahrer Yakub Paradji.

SPIEGEL-Sprecher Heinz P. Lohfeldt sagte, es gebe noch keine Lösegeld-Forderunger der Entführer. Zwei weitere Korrespondenten seien auf die Philippinen geschickt worden. Das Auswärtige Amt berief eine Krisensitzung ein.

Lorenz gehört zu den erfahrensten Reportern des SPIEGEL
REUTERS

Lorenz gehört zu den erfahrensten Reportern des SPIEGEL

Am Sonntagmorgen hatte der 48-jährige Lorenz noch mit seiner Frau in Berlin telefoniert und ihr versichert, dass er die Stadt Jolo nicht verlassen wolle. Er hatte geplant, sich mit einem Kontaktmann zu treffen, der ihm Tonbänder mit Aufnahmen der von den Abu-Sayyaf-Rebellen entführten deutschen Familie Wallert übergeben wollte. Lorenz wollte dem Telefonat zufolge ausdrücklich nicht in das Camp der Rebellen fahren. Ein weiteres für Sonntagnachmittag verabredetes Telefonat ist nicht zu Stande gekommen. Mehrere Mitarbeiter des SPIEGEL werden schnellstmöglich in die südostasiatische Region reisen, um mehr über das Schicksal des Kollegen in Erfahrung zu bringen. Lorenz war für den SPIEGEL in den vergangenen Jahren unter anderem als Korrespondent in China, Südostasien und Moskau unterwegs.

Lorenz war bereits vor einem Monat gemeinsam mit anderen deutschen Journalisten im Urwald kurzzeitig von Abu-Sayyaf-Mitgliedern als Geisel genommen worden. Die Reporter waren erst gegen ein Lösegeld von 25.000 US-Dollar wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Andreas Lorenz war danach abgereist, nach der Freilassung einer malaysischen Geisel am vergangenen Freitag aber nach Jolo zurückgekehrt.



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