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28. Juni 2006, 12:21 Uhr

Jubel in Paris

"Ein Frankreich, das siegen kann"

Von Kim Rahir, Paris

Paris jubiliert: Die Menschen tanzen, singen und hupen, die Zeitungen beschwören eine wieder belebte Liebe. Endlich, so freut sich das Fanvolk, hat die Nationalmannschaft zu alter Größe zurück gefunden. Monate und Jahre der Trübseligkeit scheinen wie weggewischt.

Paris - Endlich erlöst! Dies schien das Motto einer Fußballnacht voller Triumph und Freude auf der Prachtstraße Champs-Elysées im Herzen von Paris. Vorbei die Zweifel an einer mittelmäßigen, zu alten Nationalmannschaft, die lustlose Unentschieden herausspielte. Zwei Stunden lang hatten die Menschen sich überall in der Hauptstadt vor Fernsehern und Leinwänden in Bars und Cafés versammelt, bei jedem Tor dröhnten die Jubelschreie Hunderter Fans durch die leeren Straßen.

Nach dem Sieg strömten sie zu Tausenden auf die Champs-Elysées und tanzten und skandierten auf der Avenue, an deren Ende nicht umsonst der Triumphbogen steht, das Denkmal eines siegreichen Frankreichs. "Viele haben schon nicht mehr daran geglaubt, aber diese Mannschaft steht für Frankreich, wir sind stolz", ruft Sid Ali, ein junger Franzose algerischer Herkunft. Er sitzt im Fenster eines Autos, das inmitten Hunderter Fahrzeuge auf den Champs-Elysées feststeckt. Fußgänger tanzen und singen auf der Straße, kurz vor Mitternacht sind Zehntausende unterwegs. Sie schwenken französische Fahnen und skandieren "Zizou, Zizou" - den Spitznamen des Mittelfeldspielers Zinédine Zidane. Ein ohrenbetäubendes Hupkonzert dröhnt über die kilometerlange, mehrspurige Straße.

Junge Männer sausen im Laufschritt zwischen blockierten Autos Slalom, Paare tanzen Arm in Arm über die Pflastersteine und immer wieder werden die Namen der beliebtesten Spieler skandiert: "Ribéry, Ribéry". Fast wie 1998, als der Sieg der französischen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft weiße, maghrebinische und schwarze Franzosen für eine kurze Zeit im blau-weiß-roten Enthusiasmus der Republik vereinte, feiern auch in dieser Nacht Menschen unterschiedlicher Herkunft in seltener Eintracht den Sieg der Nationalelf.

"Brasilien können wir schaffen"

"Das ist schon komisch in Frankreich", sagt Grégory, der mit seiner Freundin auf den "Champs", wie es im Pariser Jargon heißt, feiert, "wie elf Männer so viele Menschen einfach glücklich machen können." Einige Jugendliche steigen im Freudentaumel auf geparkte Autos, kurz vor dem Place de l'Etoile sitzt ein junger Mann hoch oben auf einer Ampel und bestaunt das sporadische Feuerwerk rund um den Triumphbogen.

Auf dem Trottoir spazieren die Menschen, die etwas weniger heftig feiern, aber doch dabei sein wollen. Dutzende bleiben auf dem Randstein stehen und fotografieren die ausgelassenen Menschen mit ihren Telefonen. Der neunjährige Maxim hat mit seinem Vater Fußball geguckt und läuft jetzt in der fröhlichen Menge nach Hause. "Brasilien können wir schaffen", sagt der Vater mit Blick auf das Viertelfinale am Samstag, und dann lacht er.

Die Aussicht auf ein Viertelfinale gegen eine der stärksten Mannschaften des Turniers kann die Freude am Sieg nicht dämpfen. Die französische Elf hat gezeigt, dass sie einen Gegner in einem guten Fußballspiel schlagen kann, und die Erleichterung darüber ist auch in den Pressekommentaren spürbar. "Sie überstehen die nächste Runde vielleicht nicht", schreibt die Zeitung "L'Est Républicain" heute, "aber mit ihrem Sieg über Spanien haben sie uns endlich in Erinnerung gerufen, dass Frankreich überall auf der Höhe sein kann."

"Das wundervolle Gefühl von damals"

Monate und Jahre voller Pessimismus und Trübseligkeit scheinen wie weggewischt, noch im November zogen in den Pariser Vorstädten frustrierte Einwandererkinder brandschatzend durch die Straßen, jetzt feiern sie alle die Mannschaft, die "für einen Abend lang die Inkarnation eines Frankreichs wurde, das siegen kann", schreibt der "Parisien". In fast allen Zeitungskommentaren schwingt Nostalgie mit, die Erinnerung an gute alte Zeiten. "Nach sechs Jahren ist die alte Liebe, um die wir so geweint hatten, zurückgekehrt", heißt es bei "France Soir" mit einem Hinweis auf die Europameisterschaft im Jahr 2000. Und die Sportzeitung "L'Equipe" spricht von "diesem wundervollen Gefühl von damals".

Dieses Gefühl haben die Menschen eine Nacht lang voll ausgekostet. "Heute lieben wir die ganze Welt", freut sich der 18-jährige Sadok, der sowohl einen tunesischen als auch einen französischen Pass hat. "Wir haben ewig nur von der Krise geredet und von unseren Problemen", sagt Sami, der vor über 50 Jahren als Sohn algerischer Einwanderer im Süden Frankreichs geboren wurde. "So ein Sieg ist gut für die Menschen. Das hebt die Stimmung."

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