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Verräter im Namen Gottes Judas und seine Jünger

Lange verschollene Seiten des "Evangelium des Judas" zeigen: Einige frühchristliche Sekten feierten Sexorgien, andere verehrten Sodom und Gomorra.
Von Mathias Schreiber und Matthias Schulz
aus DER SPIEGEL 16/2009
Foto: SigifredoLeal

Dieser Text stammt aus der Reihe SPIEGEL+ Bestseller. Er erschien zuerst in SPIEGEL 16/2009.

Genf, ein unterirdisches Papyruslabor: Grelles Licht fällt auf eine Glasplatte. Der Augsburger Kirchengeschichtler Gregor Wurst beugt sich über uralte bräunliche Textfragmente.

Die Tinte, wahrscheinlich Saft von Granatäpfeln, ist verblasst. Als Schreibmaterial diente das breitgeklopfte Mark einer Sumpfpflanze, die vor rund 1700 Jahren am Ufer des Nils wuchs. Vorsichtig nimmt der Forscher eines der brüchigen Blätter, koptische Buchstaben stehen darauf. Sie lauten: "Das Evangelium des Judas".

Es war eine Sensation, als dieses mysteriöse Manuskript erstmals der Öffentlichkeit zugänglich wurde. Von einer "Gegenbibel" war gar die Rede. Der Neutestamentler Bart Ehrman aus North Carolina spricht von der "wichtigsten archäologischen Entdeckung der vergangenen 60 Jahre".

Nur gerüchteweise war das Werk aus den Schriften der Kirchenväter bekannt. Nun machen sich die Forscher daran, das lange verschollene Dokument vollständig zu entziffern.

Was für eine verblüffende Geschichte wird da berichtet: Ausgerechnet Judas, der im Garten Gethsemane das Urdrama der christlichen Überlieferung in Gang setzte, tritt hier als Held auf.

Verhaftung, Kreuzigung, Auferstehung - das Ostergeschehen wäre ohne diesen Bösewicht unmöglich gewesen. Ohne Judas, den Finsterling, gäbe es keinen strahlenden Helden Jesus. Ohne seinen Verrat würde heute wohl die ganze christliche Kirche nicht existieren.

30 Silberlinge, so erzählt die Bibel, bekommt der Spitzel als Blutgeld. Die Summe entsprach etwa dem zeitgenössischen Preis für einen Sklaven, ein relativ bescheidener Lohn, der die Untat nur umso verwerflicher erscheinen lässt.

Immer wieder hat sich der Klerus über dieses Thema ereifert. Verpackt als Krimi vollzieht sich im Garten Gethsemane jener Schlüsselmoment, der die eigentliche Passion erst ins Rollen brachte. Seither ist Judas Iskarioth der Inbegriff von Habgier und Undankbarkeit.

Und er wurde ja gebraucht, dieser Horrorbote des Satans. Der Schuft, der Sündenbock, der vom Teufel Besessene, der hässliche Betrüger - das ist es, wonach ein Publikum verlangt, das die Schieflage einer Welt begreifen möchte, deren Schöpfer doch alles so gut gemeint hat.

Von Anfang an haben die Kirchenväter diese Verkörperung des Bösen geradezu mit Wollust ausgestaltet. "Als großes Beispiel der Gottlosigkeit ging Judas durch diese Welt", schrieb bereits im 2. Jahrhundert Papias von Hierapolis. "Von seinem ganzen Körper floss Eiter herab neben Würmern, die ihn schon bei den natürlichsten Bedürfnissen quälten."

Unzählige Bücher wurden seither über Judas verfasst, Bilder stellten ihn als hässlichen Buckligen dar. In Dantes Versepos "Die göttliche Komödie" nimmt Luzifer die Gestalt eines dreiköpfigen, sechsäugigen, ekelhaft triefenden und Blut spuckenden Ungeheuers an, um die Judas-Seele zu zermalmen.

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