Judenverfolgung in Berlin Kindheit hinter Kellertüren

Sie lebten in ständiger Angst vor Denunziation: 7000 Juden - darunter viele Kinder - haben sich bis Kriegsende ausgerechnet in Berlin vor den Nazi-Schergen versteckt. Eine Ausstellung erinnert nicht nur an die Opfer, sondern auch an deren mutige Helfer.

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Berlin - Da ist die Stille, da ist die Dunkelheit. Kein Sonnenlicht, keine Spiele, kein Kindergeschrei. Nichts deutet an diesem 18. Mai 1943 darauf hin, dass Ruth Horn 13 Jahre alt geworden ist. Es ist keine gute Zeit für ein Mädchen, um seinen 13. Geburtstag zu feiern, vor allem dann, wenn es in der Hauptstadt des "Tausendjährigen Reiches" lebt und Jüdin ist. Doch Ruth Horn wird sich nicht beklagt, ihre Eltern nicht beschimpft haben. Denn sie weiß zu diesem Zeitpunkt, dass diese kleine, fensterlose Kammer ihr Leben retten könnte.


Der einzige Weg nach draußen ist eine Schiebetür, die durch einen riesigen Schrank führt. Der Bürstenfabrikant Otto Weidt hat das Möbelstück direkt vor den hintersten Raum seiner Berliner Werkstatt gestellt. Dort versteckt er Ruth, ihren vier Jahre älteren Bruder Max und deren Eltern vor den Nazis. Acht Monate lang verbergen sich die Horns hinter dem Schrank. Dann, eines Nachts, kommen die Männer in den Uniformen, mit den Maschinenpistolen und führen die Familie ab. Irgendwer hat ihr Versteck verraten. Sie werden zur Sammelstelle gebracht und nach Auschwitz transportiert. Keiner von ihnen wird das KZ überleben.

Es ist Herbst 1943 und es gehen viele Züge in die Vernichtungslager im Osten. Wer kann, ist längst ausgewandert, nach Übersee oder irgendwohin, wo es sicher ist. Wer jetzt noch da ist, muss sich verstecken - in dunklen, stickigen, fensterlosen Kammern oder in einer abgelegenen Gartenlaube.

Für manche waren die Helfer Vaterlandsverräter

Allein in Berlin sind es bis zu 7000 Juden, darunter viele Kinder, die ab Herbst 1941 wegen der beginnenden Deportationen und des Ausreiseverbots untertauchen. Nicht-jüdische Freunde oder wildfremde Menschen helfen ihnen dabei. Viele fallen in Berlin jedoch - so wie Anne Frank in Holland - Denunzianten zum Opfer. Nur etwa 1500 Berliner Juden überleben in ihren Verstecken. Im ganzen Reich werden 10.000 der 15.000 untergetauchten Juden von den Nazis ermordet.

"Für Familien war der Überlebenskampf in der Illegalität am schwersten", sagt Beate Kosmala von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und dem Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der TU Berlin. Wenig ist über die Schicksale der Juden bekannt, die trotz Nazi-Terrors in Berlin blieben. Denn über deren menschliche Schutzengel schwieg das auf einen vollkommenen Neubeginn versessene Nachkriegsdeutschland meist. Manchen galten diese Helden sogar als Vaterlandsverräter. "Viele reden bis heute nicht über das Erlebte", sagt Kosmala. Mancher fühlt sich noch immer an das Versprechen gebunden, unter keinen Umständen etwas über die Identität seines Beschützers zu verraten.

Deshalb hat das ZfA gemeinsam mit dem Anne Frank Zentrum die Ausstellung "Kinder im Versteck. Verfolgt. Untergetaucht. Gerettet? Berlin 1943 bis 1945" ins Leben gerufen. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse würdigte die Ausstellung bei der Eröffnung: "Erinnerung bedarf menschlicher Schicksale, nicht nur Zahlen und Fakten."

Die NS-Chefs in direkter Nachbarschaft

Das Schlimmste war für Werner Foß die Ungewissheit. "Du wachst jeden Tag auf und fragst dich, ob es heute vorbei sein kann." Der Berliner fand als 14-Jähriger mit seiner Familie von Dezember 1942 bis Kriegsende Zuflucht in der kleinen Wohnung einer älteren Frau in Berlin-Moabit.

Waldstraße 6 - dort entkam Foß dem Grauen. Sogar die wenigen Lebensmittel teilte Helene von Schell - eine überzeugte Christin - mit der vierköpfigen Familie. Heute steht Foß sichtlich bewegt vor den Schautafeln, die sein Leben und Leiden in einigen Fotos und Texten zusammenfassen. "Die Angst war nicht weit von uns zu Hause. Mehrere NS-Chefs wohnten in der Nähe." Doch niemand schöpfte Verdacht.

Helene von Schell erkrankte nach dem Krieg und wurde von Werner Foß' Eltern gepflegt. Werner Foß war zu dieser Zeit in Israel. Doch 1955 kehrte er nach Berlin zurück - nicht zuletzt, weil er seine Heimat auch mit Menschen wie von Schell verband. In Berlin lebt er bis heute.

Der Gestapo entwischt

Als der 13-jährige Zvi Aviram 1940 seine Bar Mitzvah in der elterlichen Wohnung in Prenzlauer Berg feierte, ahnte er nicht, dass es das letzte gemeinsame Familienfest sein würde. Kurz nach seinem 16. Geburtstag deportierten die Nazis seine Eltern nach Auschwitz. Ohne Geld und Lebensmittel blieb er zurück. Zunächst fand er bei einem deutschen Kommunisten Unterschlupf.

Das Versteck wurde verraten, Aviram festgenommen. Im Chaos der Silvesternacht 1943 konnte er jedoch aus der Sammelstelle an der Großen Hamburger Straße fliehen. Bis zum Kriegsende musste er sein Quartier mehrfach wechseln, die NS-Häscher immer dicht auf den Fersen. "Diese Menschen gingen ein großes Risiko für uns ein", sagt Aviram anerkennend. Meist verhängte die Nazi-Justiz Gefängnisstrafen. Der junge Soldat Stefan Hampel etwa, der wegen des Massenmordes an Juden desertierte und Kriegsgefangene und Juden zu verstecken half, wurde von einem Wehrmachtgericht zum Tode verurteilt.

Zur Ausstellungseröffnung ist Aviram extra aus Tel Aviv angereist, wo er seit 1948 lebt. Er erinnert sich: "Ich verlor alles, meine Eltern, meine Heimat, meine Freunde." Dennoch hegt er keinen Groll gegen Deutschland. "Diese Generation ist völlig anders. Sie geht offen mit der Vergangenheit um", sagt er, als er einem seiner vielen Zuhörer die Hand auf die Schulter legt.

Aviram wünscht sich für die Ausstellung im Anne Frank Zentrum das, was er früher am meisten fürchtete: Aufmerksamkeit. Das Schicksal der versteckten Kinder nie zu vergessen, das sei das Wichtigste.



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