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Ein Kommissar und sein Fall 27 Jahre Selbstvorwürfe - weil er eine Bierflasche stehen ließ

1986 wird eine Frau in ihrer Wohnung brutal getötet. Für den jungen Ermittler Peter Schall ist es der erste Mordfall. Bei der Spurensicherung macht er einen Fehler, der sein Leben verändert.
aus DER SPIEGEL 3/2020

Die Ermittler fanden sie am 11. April 1986. Die 81-jährige Theodora B. lag rücklings in der Küche ihrer Wohnung in Erding bei München. Ihre Strumpfhose bis an die Knie gerollt, zwei Messer im Oberkörper. Peter Schall, 27 Jahre alt, Polizeistudent mit hervorragenden Zensuren, sollte die Spuren sichern. Schall träumte von einer Karriere in der Mordkommission, so berichtet er es heute. Theodora B. war seine erste Leiche. Gemeinsam mit einem Kollegen betrat Schall die Wohnung, ein "ordentliches Gerümpel", sagt er. Sie zogen im Uhrzeigersinn durch die Räume, notierten, was sie sahen: ein zerschlagenes Küchenfenster, durchwühlte Schränke, ein geleerter Geldbeutel auf dem Boden, zwei Tassen Kaffee auf dem Küchentisch. Schall bestrich die Gegenstände mit Quaste und Puder. Er fand Fingerabdrücke der Toten und ihres Sohnes Wolfgang B., 42. Außerdem sicherte er Fingerabdrücke einer unbekannten Person neben dem zerschlagenen Fenster. Die Szenerie habe gewirkt wie ein Raubmord, sagt Schall. Einbrecher, die töten, um keine Zeugen zu hinterlassen.

Nach zwei Tagen, sie seien fast fertig gewesen, sagt Schall, habe er hinter der Wohnzimmertür eine halb leere Flasche Bier gefunden. Helles, halber Liter. Schall ging zu seinem Kollegen: "Was meinst, sollen wir die Bierflasche mitnehmen?", fragte er ihn, so erinnert er sich. "Hast die Fingerabdrücke von der genommen?", fragte der. "Klar", sagte Schall, "superschöne." Sie ließen die Flasche am Tatort zurück.

Tage vergingen, kein Tatverdächtiger. Nachbarn hatten nichts bemerkt, bis auf einen, der sagte, er habe zwei südländische Jungs, vielleicht 15 Jahre alt, auf Fahrrädern in der Nähe vom Tatort gesehen. Dann erfuhren die Ermittler, dass ein benachbartes Kaufhaus der Toten zwei Millionen Mark für ihr Grundstück angeboten haben soll. "Da geriet der Sohn für uns in den Fokus", sagt Schall, "der Alleinerbe." Ein Sohn, der aus Habgier seine Mutter tötet und einen Einbruch vortäuscht, um von sich abzulenken. "So die Theorie", sagt Schall.

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