Prozess um vernachlässigtes Kind Junge stirbt an Darmverschluss - Eltern stehen vor Gericht

In Nordrhein-Westfalen starb ein Fünfjähriger - offenbar weil seine Eltern ihn nicht zum Arzt brachten. Einem Zeugen zufolge wurde das Kind schon zuvor vernachlässigt.

Die Eltern des fünfjährigen Nico sind wegen Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen angeklagt.
Ralf Roeger/DPA

Die Eltern des fünfjährigen Nico sind wegen Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen angeklagt.


Vor dem Landgericht Aachen hat der Prozess gegen die Eltern eines Fünfjährigen begonnen, der an den Folgen eines Darmverschlusses gestorben war. Die Staatsanwaltschaft wirft Vater und Mutter Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen vor. Die Angeklagten schwiegen am ersten Verhandlungstag zu den Vorwürfen.

Ein Polizist schilderte seinen ersten Eindruck von dem toten Jungen. "Das war ein erbärmliches Bild. Das Kind war unterernährt, verwahrlost, die Fußnägel verwachsen und die Fingernägel dreckig", sagte er.

Kind litt an erheblichen Schmerzen

Der für sein Alter als klein und schmächtig beschriebene Nico hatte Angaben der Staatsanwaltschaft zufolge schon früher unter Verstopfung gelitten. Anfang November 2017 war es demnach besonders schlimm. Das Kind hatte laut Anklage erhebliche Schmerzen und übergab sich. Mit einem minimalen Eingriff hätte das Leben des Kindes gerettet werden können.

In einer ersten Vernehmung bei der Polizei hatte die Mutter die Beschwerden ihres Kindes als nicht so schlimm beschrieben. An seinem Todestag sei dem Jungen morgens so unwohl gewesen, dass er nicht in den Kindergarten gegangen sei.

Erst nach dem gemeinsamen Abendessen habe er gesagt, "dass er ein bisschen Bauchschmerzen hatte", sagte die Frau demnach. Der Vater und die ältere Schwester von Nico seien früh schlafen gegangen. Die Mutter blieb demnach mit dem kranken Kind auf dem Sofa und guckte Fernsehen. Der Junge wurde laut ihrer Polizeiaussage ruhig. "Der Junge hat sich vorher vor Schmerzen gewunden. Haben sich Sie nicht gewundert?", fragte der Polizist laut Protokoll. Sie habe ihm vorher ein Schmerzmittel für Kinder gegeben, sagte die Mutter.

"Die hätten Hilfe gebraucht"

Die Mutter will in jener Nacht auf Toilette gegangen sein. Als sie zurückgekommen sei, habe der Junge nicht mehr geatmet.

Bei der Obduktion der Leiche fanden Gerichtsmediziner Spuren von Amphetamin, einem Schmerzmittel für Erwachsene sowie den Wirkstoff eines Medikaments, das für die ältere Tochter vorgesehen war. Die Mutter und der Drogen konsumierende Vater hatten dafür laut Vernehmungsprotokoll keine Erklärung. Bei der Wohnungsdurchsuchung seien die Polizisten auf ein Chaos getroffen: "Was ich da gesehen habe, war unbeschreiblich, sagte eine Beamter. "Chaos ist schon untertrieben. Die hätten Hilfe gebraucht."

Ein besorgter Nachbar soll demzufolge erfolglos beim Kinderarzt von Nico angerufen haben. "Der Nachbar sagte, Nico sei sehr vernachlässigt worden. Der Junge weine oft, weil er nicht auf Toilette gehen konnte", sagte die Sprechstundenhilfe vor Gericht. Der Arzt unternahm nach eigenen Angaben nichts.

bbr/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.