Aachen Junge stirbt an Darmverschluss - Mutter zu Freiheitsstrafe verurteilt

Eine Mutter ging mit ihrem Sohn nicht zum Arzt, obwohl der unter heftigen Bauchschmerzen litt. Das Kind starb. Nun wurde die Frau verurteilt, der Vater des Jungen jedoch freigesprochen.

Die Angeklagten sitzen im Landgericht Aachen
Ralf Roeger/DPA

Die Angeklagten sitzen im Landgericht Aachen


Im Fall des qualvollen Todes durch Darmverschluss eines Fünfjährigen hat das Landgericht Aachen die Mutter zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Die 34-Jährige habe sich der Körperverletzung mit Todesfolge schuldig gemacht, stellten die Richter fest. Der ebenfalls angeklagte Vater wurde freigesprochen.

Spätestens als ein Medikament gegen Verstopfung nicht half, hätte die Mutter mit dem Kind zum Arzt gehen müssen, sagte der Vorsitzende Richter Roland Klösgen. Der Bauch des Jungen sei am Todestag aufgebläht und grün gewesen, jede Berührung habe dem Kind wehgetan.

"Sie erkannte die lebensbedrohliche Situation und dass das Kind möglicherweise verstirbt", sagte Klösgen über die Angeklagte. Vielleicht habe sie die Hoffnung gehabt, mit einem Schmerzmittel die Zeit bis zum nächsten Tag überbrücken zu können, um dann mit dem Kind zum Arzt zu gehen. Eine Erklärung für das Leiden ihres Kindes hatten die Eltern nicht gegeben. Sie schwiegen an allen Verhandlungstagen.

Die Anklage hatte vier Jahre und neun Monate Haft für die Frau gefordert. Nachdem das Kind zehn Tage lang keinen Stuhlgang gehabt habe, hätte die Mutter Anfang November 2017 die bedrohliche Situation erkennen müssen, sagte Staatsanwalt Boris Petersdorf.

"Die Mutter war überfordert"

Der Junge hatte dem Gericht zufolge schon früher Darmprobleme. Nachdem der Junge im Herbst 2017 tagelang nicht auf Toilette gehen konnte und Beschwerden hatte, gab die Mutter ihm ein Medikament. Nach einer kurzen Besserung habe sich die Situation am zweiten Tag danach zugespitzt. "Dem Tod des Nico ging ein mindestens 24-stündiger Kampf mit (...) nicht auszuhaltenden Schmerzen einher", sagte Petersdorf. Der Tod des Jungen wäre sogar noch am Nachmittag vermeidbar gewesen, als nach Angaben des Rechtsmediziners schon der "sichtbare Verfall des Kindes" einsetzte.

"Die Mutter war mit der Pflege und Sorge ihrer Kinder überfordert", sagte er. "Nico zeigte Zeichen der Unterernährung, alle Zähne waren bis zur Zahnwurzel mit Karies befallen, die Nägel waren krallenartig." Die Überforderung wertete das Gericht strafmindernd. Der Hilferuf eines Nachbarn beim Kinderarzt versandete. Eine anonyme Meldung beim Kinderamt wegen Kindeswohlgefährdung 2013 hatte keine Konsequenzen.

Der Verteidiger der Mutter sprach von einem "schicksalhaften Geschehen" in dem Fehlinterpretationen und Nicht-Wissen um die lebensbedrohlichen Zusammenhänge eine Rolle gespielt hätten. Er plädierte auf Freispruch.

Der Vater will nichts von dem Zustand des Jungen mitbekommen haben. Nach der Arbeit sei er wegen Durchfalls direkt ins Bett gegangen, hatte er bei der Polizei ausgesagt. "Die Kammer geht sicher davon aus, dass das eine Lüge ist", sagte Klösgen. Die Richter konnten das jedoch nicht beweisen.

Die Mutter habe den Abend mit dem schwerkranken Kind vor dem Fernseher auf der Couch verbracht. Nach Einschätzung des Gerichts könnte sie geschlafen haben, als Nico starb.

bbr/dpa



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