Abhörskandal Zeitung soll Angehörige von toten Soldaten bespitzelt haben

Die Abhöraffäre in England weitet sich aus. Auch die Familien von gefallenen britischen Soldaten könnten vom Boulevardblatt "News of the World" bespitzelt worden sein. Bei einem Privatdetektiv der Zeitung wurden verdächtige Adressen und Telefonnummern entdeckt.

Boulevard-Blatt "News of the World": Im Zentrum des Spitzelskandals
AP

Boulevard-Blatt "News of the World": Im Zentrum des Spitzelskandals


London - Prominente und Entführungsopfer soll die britische Boulevardzeitung "News of the World" abgehört haben, nun werden neue Vorwürfe erhoben. Möglicherweise sind auch die Angehörigen von im Einsatz getöteten britischen Soldaten bespitzelt worden. Dies berichteten die Zeitungen "The Telegraph" und "Guardian" übereinstimmend am Donnerstag.

Den Berichten zufolge verfügte der Privatdetektiv Glenn Mulcaire, der im Mittelpunkt des Skandals steht, über die persönlichen Daten der Hinterbliebenen von Soldaten, die im Irak oder in Afghanistan gefallen waren. Mulcaire arbeitete auf Honorarbasis für die britische Boulevardzeitung und hat wegen des Skandals, der seit 2006 schwelt, bereits eine Gefängnisstrafe abgesessen.

Die Witwe eines getöteten britischen Soldaten berichtete im "Guardian", sie habe am Mittwoch den Anruf einer Zeitung erhalten. Darin sei ihr mitgeteilt worden, dass sowohl ihr Telefon, als auch das Gerät ihrer Anwältin abgehört worden sein könnten. Welches Blatt die Frau kontaktiert hat, ist derzeit nicht bekannt.

Die Rechtsanwältin erklärte, ihre Mandantin sei zwar "schockiert und beunruhigt". Bisher seien jedoch offenbar keine Informationen aus vertraulichen Telefongesprächen an die Öffentlichkeit gelangt.

Aus dem britischen Verteidigungsministerium hieß es, die Affäre sei eine Angelegenheit der Polizeiermittler und man werde sich vorerst nicht weiter dazu äußern. Der Verlag News International des Medienunternehmers Rupert Murdoch, zu dem "News of the World" gehört, zeigte sich "absolut entsetzt", sollten sich die Berichte bewahrheiten.

Seit Jahren sorgen die mutmaßlichen Praktiken der "News of the World" in Großbritannien für Aufsehen und Entrüstung. Das Blatt soll unter anderem die Telefone von Prominenten wie Schauspielerin Sienna Miller und Mitgliedern des Königshauses angezapft haben, um so an Storys über ihr Privatleben zu kommen. Miller erstritt im Juni 2011 eine Abfindung von 100.000 Pfund von der Zeitung.

Nachrichten von der Mailbox gelöscht?

In den vergangenen Tagen waren neue Einzelheiten ans Licht gekommen. Journalisten der Zeitung könnten demnach auch Telefongespräche von Angehörigen der Opfer der Terroranschläge auf die Londoner U-Bahn 2005 abgehört haben. Graham Foulkes, dessen Sohn David bei den Anschlägen ums Leben kam, sagte der BBC, die Vorstellung, dass seine Anrufe mitgehört worden seien, sei "einfach entsetzlich". Nach Polizeiangaben könnten auch die Handys der Eltern von zwei im Jahr 2002 im ostenglischen Soham ermordeten zehnjährigen Mädchen angezapft worden sein.

Zuvor war bereits bekannt geworden, dass im Auftrag der Zeitung 2002 auch das Handy eines verschwundenen und später ermordeten Mädchens geknackt wurde. Journalisten des Blattes hörten die Mailbox der 13-jährigen Milly ab, auf der Eltern und Verwandte immer verzweifeltere Nachrichten hinterließen.

Möglicherweise haben die Journalisten sogar Nachrichten von der Mailbox gelöscht, um Platz für neue zu schaffen. Die Eltern und die Polizei hatten dies damals als Zeichen gewertet, dass das verschwundene Mädchen noch am Leben sei. Die Leiche des Kindes wurde sechs Monate später in einem Wald gefunden.

Cameron verlangt gründliche Untersuchung

Premierminister David Cameron hatte am Mittwoch Untersuchungen der Vorwürfe gefordert. Medienmogul Murdoch nannte Vorgänge "bedauerlich und nicht akzeptabel" und kündigte an, sein Unternehmen werde bei den Ermittlungen "vollständig und proaktiv" mit der Polizei zusammenarbeiten.

Die oppositionelle Labour-Partei forderte inzwischen den Rücktritt der Chefin von News International, Rebekah Brooks. Sie war zur Zeit der Abhöraktionen Chefredakteurin bei "News of the World". Nach übereinstimmenden Berichten vom Donnerstag steht die Festnahme von fünf Mitarbeitern von "News of the World" wegen des Abhörskandals kurz bevor.

Nach Informationen der "Daily Mail" soll sich Brooks in den Wochen der Berichterstattung rund um den Fall der getöteten Milly im Urlaub befunden haben. Auch während der Kindermorde in Soham 2002, über die die "News of the World" ausführlich berichtet hatte, will die damalige Chefredakteurin offenbar außer Landes gewesen sein.

jok/dapd

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