Adenauer-Attentäter im Interview "Wir wollten ihn nicht umbringen"

Im März 1952 schickt Elieser Sudit ein Paket an Bundeskanzler Konrad Adenauer. Darin: eine Bombe. Den Auftrag hatte ihm Menachem Begin erteilt, wie der Israeli in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL behauptet. Im ersten Interview, das Sudit einem deutschen Medium gab, schildert er Details des Attentats.

SPIEGEL: Sie haben im März 1952 eine Briefbombe in einem Brockhausband versteckt und diesen an den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer geschickt. Warum wollten Sie ihn umbringen?

Sudit: Wir wollten Adenauer nicht umbringen. Es war klar, dass ihn das Buch nicht erreichen würde. Welcher Regierungschef öffnet schon seine eigene Post?

SPIEGEL: Die Bombe tötete stattdessen einen Sprengmeister der Münchner Polizei.

Sudit: Das war ein Unfall. Ich habe nicht im Traum daran gedacht, dass jemand den Band mit der Bombe öffnen würde. Das Paket war doch verdächtig. Die Polizei hat ja auch sofort einen Sprengmeister geholt, als sie sah, dass es an Adenauer adressiert war.

SPIEGEL: Deutsche Ermittler sagten, der Sprengsatz sei nicht zu entschärfen gewesen.

Sudit: Das ist nicht korrekt. Die Bomben, die ich an die deutsche Verhandlungsdelegation in Holland verschickt habe, konnten auch entschärft werden.

SPIEGEL: Der Sprengmeister hinterließ drei Kinder.

Sudit: Sein Tod tat mir damals schon furchtbar leid. Ich kann mir bis heute nicht erklären, warum er das Paket geöffnet hat. Ich hatte um das Buch noch ein Band geknotet...

SPIEGEL: ...das geht aus den Ermittlungsakten nicht hervor...

Sudit: ...spätestens als er das sah, war doch klar, dass es sich nicht um eine normale Büchersendung handelte. Er hätte das Buch röntgen lassen können. Dann hätte er alles gesehen: Zwei Federn, Batterien usw.

SPIEGEL: Sie behaupten, der damalige israelische Oppositionsführer Menachem Begin habe Ihnen den Auftrag zu der Aktion gegeben.

Sudit: Begin war dagegen, dass die Deutschen sich vom Staat Israel ihre Sühne erkauften.

SPIEGEL: Und deshalb befürwortete er einen Anschlag?

Sudit: Er wollte Krach machen. Er wollte der Welt unsere Wut über die Wiedergutmachungsverhandlungen demonstrieren. Und er wollte zeigen, dass wir es ernst meinen.

SPIEGEL: Aber Begin hoffte damals auf eine große politische Karriere. Mit den Bomben setzte er das doch aufs Spiel.

Sudit: Auslöser war das brutale Vorgehen der Polizei, als im Januar 1952 Begins Anhänger vor der Knesset gegen die Aufnahme der Verhandlungen mit den Deutschen demonstrierten. Da verlor er die Fassung. Er war ein ruhiger Mensch, aber wenn es um die Deutschen ging, war es damit vorbei.

SPIEGEL: Wie kamen Sie ins Spiel?

Sudit: Ich habe Begin, meinen ehemaligen Kommandeur bei der Irgun, immer sehr verehrt. Als ich im Radio davon hörte, wie empört er über den Polizeieinsatz war, habe ich meinen Schwiegervater gebeten, ein Treffen zu arrangieren. Er war mit Begin befreundet. Ich habe Begin dann in dessen Haus in Tel Aviv besucht. Das war ein Vier-Augen-Treffen. Er war zu allem bereit, was die Verhandlungen stoppen würde.

SPIEGEL: War bei diesem Treffen noch jemand dabei?

Sudit: Nein, es hat dann aber noch zwei weitere Zusammenkünfte mit Begin gegeben. Da nahmen auch die Knesset-Abgeordneten Jochanan Bader und Chaim Landau sowie der ehemalige Geheimdienstchef der Irgun, Abba Scherzer, teil.

SPIEGEL: Die sind alle tot und können Ihre Geschichte nicht bezeugen.

Sudit: Von denen, die mit mir zusammen die Aktion planten, lebt keiner mehr.

SPIEGEL: Von wem stammte die Idee mit den Briefbomben?

Sudit: Das haben Landau und ich vorgeschlagen. Für mich waren allerdings die Verhandlungen mit den Deutschen nicht das Hauptmotiv. Ich habe das alles getan, weil Begin mich zu den Waffen gerufen hat.

SPIEGEL: Worum ging es bei den weiteren Treffen?

Sudit: Wir besprachen die Planung. Ich sollte in Paris die Bomben vorbereiten. Landau übernahm es, die Adressenaufkleber zu beschaffen und die Bekennerschreiben aufzusetzen und nach Paris zu bringen. Jakob Hewel sollte die Bombe für Adenauer in München aufgeben. Begin gab mir einen Scheck über 1000 Dollar, den ich in der Schweiz einlösen sollte.

SPIEGEL: Begins persönlicher Sekretär, Jochanan Kadischai, behauptet, er habe von der Geschichte nichts gewusst.

Sudit: Wie auch? Er ist erst in den sechziger Jahren zu Begin gestoßen. Viele von Begins Vertrauten haben Angst, dass sein Bild in den Schmutz gezogen wird. Aber ich sage die Wahrheit.

SPIEGEL: Hatten Sie nach den Anschlägen mit Begin weiteren Kontakt?

Sudit: Ich bin ja in Frankreich verhaftet worden. Begin kam dann im Rahmen einer Europa-Reise auch nach Paris. Er hat mir einen Anwalt besorgt und über ihn Geld schicken lassen.

SPIEGEL: Waren die Anschläge Ihre einzigen Attentate gegen Deutsche?

Sudit: Ja, aber ich gehörte zu einem Kommando, das 1965 für den Mossad in Montevideo Herbert Cukurs liquidierte, den sogenannten Henker von Riga, ein Lette. Der hat während des Krieges Tausende von Juden umgebracht.

SPIEGEL: Sie haben Ihre Erinnerungen Anfang der neunziger Jahre aufgezeichnet und sie dann mehreren Verlagen angeboten.

Sudit: Ich wollte ein bisschen Geld verdienen. Das hat leider nicht geklappt. Niemand war damals in Israel daran interessiert.

Das Interview führte Christoph Schult