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Ärztepfusch: Halbgötter in Weiß vor Gericht

Foto: Mark Keppler/ ASSOCIATED PRESS

Ärztepfusch "Das schreit zum Himmel"

Ein Arzt, der Patienten ohne Grund Organe entfernte, kommt nach Informationen des SPIEGEL wohl mit einer geringen Strafe davon. Hinterbliebene sind empört - weil der Mediziner schon bald wieder operieren könnte.

Zumindest in einem Punkt gibt es keine Zweifel mehr: Arnold Pier, 54, war ein übler Kurpfuscher. Der ehemalige Chefarzt und Inhaber der Sankt Antonius Klinik in Wegberg bei Mönchengladbach operierte bei Patienten laut Gutachten Organe heraus, die gar nicht krank waren. Er verordnete Giftkuren, die Unsinn waren. Und er traktierte Wunden mit frisch gepresstem Zitronensaft, angeblich zur Desinfektion.

Wegen dieser Taten wird das Landgericht Mönchengladbach nach Informationen des SPIEGEL Pier an diesem Montag wegen Körperverletzung, teilweise mit Todesfolge verurteilen. Die Staatsanwaltschaft hat vier Jahre Gefängnis beantragt. Die Richter werden diesem Strafmaß weitgehend zustimmen, sie wollen die Strafe um bis zu einem Jahr reduzieren, weil das Verfahren so lang dauerte.

Am Ende werden für Pier folglich als Strafe vielleicht nur ein paar Monate im offenen Vollzug übrig bleiben - als Vergeltung für einen Arzt, der einige Menschenleben auf dem Gewissen hat. Das Urteil wird erneut eine Debatte entfachen über die Frage: Wie gerecht ist die Justiz, wenn sie Pfusch in Kliniken ahnden soll? Und sind Gerichte in der Lage, das Leid der Medizinopfer zu mildern? Oder verschlimmern sie sogar den Hass?

Im Fall der Klinik Wegberg sind die Hoffnungen vieler Geschädigter und Hinterbliebener auf Aufklärung und Sühne jedenfalls schwer enttäuscht worden. Sie können nicht verstehen, dass Pier womöglich schon bald wieder als Arzt tätig werden kann.

Ohne Grund 67 Zentimeter Dünndarm herausoperiert

Pier war ursprünglich wegen 69 Straftaten, darunter sieben Todesfällen, angeklagt. Er habe seine Patienten "körperlich misshandelt", so die Staatsanwaltschaft.

In den meisten Fällen, die dann vor Gericht zur Sprache kamen, gab es kaum Zweifel an den schlimmen Zuständen in seinem Krankenhaus. Nur in der Frage, wie dies rechtlich zu bewerten, wichen die Juristen voneinander ab. Nach 37 Prozesstagen waren aus den schweren Beschuldigungen aus der Sicht des Anklägers oft "minderschwere Fälle" geworden.

So hatte der Ärztliche Direktor etwa bei der Patientin Anneliese K. ohne Grund 67 Zentimeter Dünndarm herausoperiert und eine nicht notwendige Chemotherapie angeordnet. Es sei aber nicht erkennbar, ob Pier "diese Fehler vorsätzlich begangen" habe, meinte das Gericht in einem rechtlichen Hinweis. Deshalb komme lediglich eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung in Frage.

Die Behandlung mit Zitronensaft sehen die Richter zwar als gefährliche Körperverletzung. Laut einem Papier mit rechtlichen Hinweisen messen sie dieser bizarren Methode in der Gesamtschau der Fälle aber keine große Bedeutung bei.

Wenn ein Leben durch die Schuld eines Täters im weißen Kittel verloren geht, verliert es offenbar an Wert. Der Gesetzgeber, sagt der anklagende Oberstaatsanwalt Lothar Gathen, habe beim Paragrafen zur Körperverletzung mit Todesfolge an einen ganz anderen Personenkreis gedacht: an Schläger, Täter die vorsätzlich zuschlagen, die billigend den Tod ihres Opfers in Kauf nehmen. Bei Pier ginge es nicht um derartige "Rohheitsdelikte", erklärt Gathen, der Angeklagte habe den Patienten helfen wollen. Warum aber Pier so fürchterlich viel misslang, und warum er sich viel zu viel zutraute, konnte das Gericht nicht aufklären.

Geschacher um das Strafmaß

Dass man Pier nicht mehr alle Taten nachweisen konnte, erklärt Ankläger Gathen mit dem Gedächtnisverlust vieler Zeugen fest; die Amnesie sei bei den Ärzten der Sankt Antonius Klinik noch ausgeprägter gewesen als beim Pflegepersonal. Ehemalige Mitarbeiter fürchten jedenfalls bis heute den Zorn ihres Chefs. Pier behauptet dagegen jetzt, er habe "vom ersten Tag der Ermittlungen" an zur Aufklärung beigetragen.

Eigentlich wäre das Verfahren wohl noch mindestens ein Jahr gelaufen, und der Mann hätte eine Strafe von sechs bis acht Jahren zu erwarten gehabt. Doch Anfang März gab es eine Einigung: Sollte Pier ein Geständnis ablegen, könne das Verfahren schnell vom Tisch sein. Jahrelang hatte Pier alle Vorwürfe abgestritten, nun sagte er mit einem Mal, er habe sich übernommen, "meine Fehler tun mir aufrichtig leid".

Bei dem Geschacher um das Strafmaß wird ihm das Gericht wohl ein Jahr wegen der "überlangen Verfahrensdauer" anrechnen. Das ist sehr großzügig, weil Pier selbst viel zu dem zähen Verlauf beitrug. Seine Anwälte stellten Anträge zur Befangenheit der Richter und der Schöffen. Er ließ Gutachten über Gutachten anfertigen, die seine Unschuld beweisen und die obskure Behandlung mit Zitronensaft auch noch als medizinische Innovation darstellen sollten.

Es gibt viele Medizinopfer und Angehörige, die unter Verfahrensverzögerungen leiden, nicht nur im Fall Pier. Der 21-jährige Björn Kindermann etwa war wegen Selbstmordgefährdung in die westfälische Landesklinik für Psychiatrie in Lengerich eingeliefert worden, wo er sich am 2. Januar 2003 das Leben nahm. Die Staatsanwaltschaft Münster stellte erhebliche Mängel fest. Doch das Gericht ließ die Anklage zunächst nicht zu, später wurde sie ins Amtsgericht Tecklenburg geschoben.

Betroffene fühlen sich vor Gericht ein zweites Mal als Leidtragende

Wieder gingen Jahre ins Land, bis zwei renommierte Psychiater ihren Kollegen massive Fehler nachwiesen. Der Tod, hieß es dort, sei "mit Sicherheit zu verhindern" gewesen. Doch der Richterin waren die Verfehlungen zu geringfügig, zudem sei ein öffentliches Interesse nicht gegeben. Sie stellte das Verfahren gegen den Chefarzt der Klinik im November vergangenen Jahres ein, der Assistenzarzt sollte 2500 Euro bezahlen. Björns Mutter war fassungslos: "Das stinkt nicht nur zum Himmel, sondern weit darüber hinaus."

Für Angehörige der Pier-Opfer, die bisweilen unter Tränen den Prozess verfolgten, kommt nach dem Deal erschwerend hinzu, dass sie nun wohl niemals erfahren werden, warum ihre Mutter, ihr Onkel oder ihre Schwester unter grausamen Schmerzen sterben mussten.

Die Betroffenen haben deshalb nicht selten das Gefühl, vor Gericht ein zweites Mal zu Leidtragenden zu werden - so wie es den Opfern der Ärztin Mechthild Bach aus Langenhagen ging. Die Doktorin war angeklagt, mindestens 16 Menschen mit Schmerz- und Betäubungsmitteln getötet zu haben. Das Landgericht Hannover hatte im Januar angekündigt, die Ärztin wegen der zahlreichen Behandlungsfehler womöglich gar wegen Mordes zu verurteilen. Daraufhin beging Bach Selbstmord.

Die Hinterbliebenen ihrer ehemaligen Patienten empfanden es als Hohn, als anschließend die Kirche Bach von jeder Schuld frei sprach. Auf der Trauerfeier sagte die hannoversche Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann, die Ärztin habe "acht Jahre am Pranger gestanden". Sie sei "öffentlich seziert" worden und schließlich der "brutalen medialen Vermarktung" erlegen. Für die mutmaßlichen Opfer der Ärztin fand die Bischöfin kein Wort.

Durch und durch ärztliches Ideal

Der Essener Star-Operateur Christoph Broelsch, 65, Arzt und Freund des verstorbenen Bundespräsidenten Johannes Rau, verhöhnte gar die Staatsanwälte, die gegen ihn ermittelten, weil er schwerkranke Patienten und ihre Angehörige zu Geldspenden genötigt haben soll: Die Vorwürfe gegen ihn hätten das "Niveau von Karl May-Geschichten". Der Vorsitzende Richter des Essener Landgerichts bescheinigte dem Organtransplanteur "fehlendes Unrechtsbewusstsein" und verhängte drei Jahre Gefängnis. Staatsanwaltschaft und Verteidigung legten Revision ein, der Fall liegt nun beim Bundesgerichtshof.

Auch Piers Anwalt sagte über seinen Mandanten, er habe ein durch und durch ärztliches Ideal. Pier sei beseelt davon, Arzt zu sein. Und er wird es wohl auch bald wieder sein dürfen. Die Staatsanwaltschaft forderte, Pier die Approbation für fünf Jahre zu entziehen.

Danach kann er theoretisch wieder an den OP-Tisch. Die Architektin Dany Molz hat ihm die Sankt Antonius Klinik abgekauft, sie ist nun Geschäftsführerin. Die junge Frau und Pier sollen miteinander gut befreundet sein. Die Frage, ob sie eine Rückkehr von Pier nach dem Verbüßen der Freiheitsstrafe ausschließt, mochte Molz dem SPIEGEL nicht beantworten.

"Mit einer Strafe von vier Jahren können wir noch leben", sagt Gerhard Lenzen, dessen Mutter Pier ohne Grund das Bauchfell entfernte, "aber wir hätten uns gewünscht, dass dieser Mann nie wieder auf Patienten los gelassen wird."

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