Afghanistan Britischer Soldat stach Zehnjährigen nieder

In Afghanistan hat ein britischer Gardist einen zehnjährigen Jungen schwer verletzt - offenbar ohne jeden Grund. Der Fall liegt zwei Jahre zurück, nun berichtet der "Guardian" erstmals darüber. Mit seinem Bajonett stach der Soldat in die Nieren des Kindes, es bekam dafür nur 800 Dollar Entschädigung.


Daniel Crook hatte an dem Morgen im März 2009 eine Handgranate in der Tasche - und Restalkohol im Blut. Der zehnjährige Ghulam Nabi hatte sich auf sein Rad geschwungen, um Joghurt zu kaufen. Als Crook den afghanischen Jungen bei seinem Militäreinsatz in Helmand traf, lag eine durchzechte Nacht, ein wahrer Wodka-Exzess hinter dem Gardisten. Nur wenige Stunden zuvor war er deshalb von einem Arzt behandelt worden.

Einen Arzt brauchte wenige Minuten später auch das Kind. Denn offenbar ohne jeden Grund ging Crook bei der Zufallsbegegnung plötzlich auf den Zehnjährigen los. Laut Staatsanwaltschaft soll der Soldat den Jungen aufgefordert haben, stehenzubleiben. Dieser soll Crook dann nach Schokolade gefragt haben, woraufhin er das Kind an der Schulter packte, sein Bajonett zückte - und mit der scharfen Waffe in Ghulams Taille stach.

Der bisher unbekannte Fall, von dem der britische "Guardian" nun berichtet, ist ein weiterer in einer Reihe von Vorkommnissen, bei denen britische Soldaten afghanische Zivilisten misshandelten oder verwundeten. Sechs solcher Anklagen gab es demnach seit März 2009 - der Fall Daniel Crook ist besonders brutal.

Nach der Tat wurde das Kind von seinem Vater ins Krankenhaus von Lashkar Gah gebracht. "Seine Klamotten waren blutüberströmt", zitiert die Zeitung den 72-Jährigen. In der Klinik konnten die Ärzte dem Jungen jedoch nicht helfen. Erst in Kandahar habe man sich um die Nierenverletzungen des Zehnjährigen kümmern können.

Während Ghulam um sein Leben rang, ging Crook zurück zu seiner Truppe und beichtete seine Tat. Nachdem er seine Waffen abgegeben hatte, legte man ihm Handschellen an, suspendierte ihn vom Dienst und verurteilte ihn zu einer 18-monatigen Haftstrafe.

Westliche Soldaten sind die "Feinde der Afghanen"

Warum Daniel Crook so unkontrolliert zustach? Er könne es nicht sagen, schreibt der "Guardian". Einem Kriegsrichter zufolge soll "die beträchtliche Menge an Alkohol in der Nacht" Auslöser für die Tat gewesen sein. Entschuldigt hat sich Crook bei dem Jungen bislang nicht.

Heute zeugt nicht nur eine große Wunde von dem brutalen Angriff - sondern auch Bitterkeit bei seinen Eltern, wie Vater Haji Shah Zada dem "Guardian" sagte. Aufgrund der schweren, bleibenden Verletzungen könne Ghulam Nabi auch eineinhalb Jahre nach der Tat nicht zur Schule gehen - den einen Kilometer langen Radweg schaffe er nicht. Seine Familie sei finanziell abgebrannt. "Wir haben 40.000 Dollar Entschädigung gefordert", zitiert ihn die Zeitung, "doch sie gaben uns nur 800 Dollar."

Shah Zada rechne es den Streitkräften aus dem Westen an, dass sie die Taliban aus seiner Heimatstadt vertrieben haben. Aber es steht noch etwas für ihn fest: "Die Ausländer sind die Feinde der Afghanen", sagt er. Warum sonst hätte Crook seinem unschuldigen Sohn das antun sollen? Die britische Armee müsse Afghanistan aufbauen, so Shah Zada, "und nicht ein Kind abstechen".

jus



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