Urteil im Fall Alessio Tödliche Beziehung

Norbert T. schlug den dreijährigen Alessio tot, nun muss er ins Gefängnis. Mit der Mutter des Jungen wollte er eine heile Familienwelt aufbauen - sie scheiterten an der Gewalt, die sie in der eigenen Kindheit erfahren hatten.

Norbert T. (Mitte) beim Prozessauftakt im September: Körperverletzung mit Todesfolge
DPA

Norbert T. (Mitte) beim Prozessauftakt im September: Körperverletzung mit Todesfolge

Von und


Im Jahr 2013 treffen auf einem Bauernhof im Schwarzwald zwei Menschen mit seelischen Narben aufeinander. Ein Mann und eine Frau, beide in der Kindheit von ihren Eltern schwer misshandelt und missbraucht. Die beiden werden ein Paar, das sich aneinander klammert in der Hoffnung, nun werde ihr Leben schöner. Die Frau bringt einen kleinen Sohn mit in die Beziehung, Alessio.

Knapp zwei Jahre später ist der Junge tot, erschlagen vom Stiefvater. Von einem Mann, der früher selbst ein Opfer war. Damals zerrte ihn seine Mutter häufig unter die Dusche, wo das eiskalte Wasser auf ihn niederprasselte. Sie stellte ihn in der Kälte nackt vor die Haustür, bis der Vater, ein Lkw-Fahrer, nach Hause kam. Sie verdrosch ihn mit dem Kochlöffel. Einmal ging sie mit dem Küchenmesser auf ihn los, sein Vater konnte gerade noch dazwischengehen. 1987 bekam die Mutter eine Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung, wegen gefährlicher Körperverletzung und Misshandlung Schutzbefohlener.

Nun ist der misshandelte Junge von früher verurteilt worden, weil er als Mann selbst zum Täter wurde: Das Landgericht Freiburg verhängte gegen Norbert T., 33, eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren und zwei Monaten, wegen Körperverletzung mit Todesfolge und Misshandlung.

Gleich zu Prozessbeginn hatte der Landwirt zugegeben, dem Sohn seiner Lebensgefährtin zwei, drei Faustschläge in den Bauch versetzt zu haben. Durch die Hiebe riss die Leber, mehr als 300 Milliliter Blut verteilten sich in der Bauchhöhle des Kindes. Alessio, drei Jahre und fünf Monate alt, starb auf der Liege einer Kinderarztpraxis in Titisee-Neustadt im Schwarzwald.

Seit Mitte September lief der Strafprozess vor dem Landgericht Freiburg, er ist ein Lehrstück über die zerstörerische Wirkung von Gewalt, die Menschen ein Leben lang prägt. Und darüber, wie sich Menschen mit einer solchen Biografie ähnliche Partner suchen. Die Mutter von Alessio wurde vom eigenen Vater missbraucht und auch geschlagen. So gravierend, dass er mehrere Jahre ins Gefängnis musste. Sie leidet an einer schweren Persönlichkeitsstörung, vor Gericht sagte sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus.

Die für Alessio tödliche Beziehung zwischen Norbert T. und Alessios Mutter begann, als die junge Frau eine Wohnung suchte. Auf dem Hof in Lenzkirch, den der Betriebshelfer Norbert T. übernommen hatte, war eine frei. Sie zog im April 2013 ein, vier Monate später war die junge Frau erneut schwanger. Alessios Halbschwester kam auf die Welt, das Elternpaar probte das Zusammenleben.

Er habe sich nach einer intakten Familie gesehnt, erzählte T. vor Gericht, so, wie er sie selbst nie gehabt hatte. Als Selbständiger mit eigenem Hof musste er jedoch bald erkennen, dass seine neue Lebensgefährtin die Probleme noch vergrößerte.

Manchmal schlug und trat er seine Tiere

Alessios Mutter litt unter ihrer Schwangerschaft, sie war nicht krankenversichert, hatte keinen Führerschein, war finanziell abhängig. Die Aufgaben wuchsen dem Landwirt über den Kopf, der Hof mit 140 Tieren, die eigene Familie. Um finanziell über die Runden zu kommen, arbeitete T. nebenbei vier Stunden pro Tag in einem Sägewerk und erledigte zusätzlich Hausmeisterdienste. Manchmal brach seine aufgestaute Wut durch, dann schlug und trat er seine Tiere, wenn sie nicht spurten.

Und seinen kleinen Ziehsohn? Alessios Körper war häufig von blauen Flecken übersät, mehrfach hatten Ärzte auf die Gefahr hingewiesen, in der sich die Kinder befanden. Mediziner der Universitätsklinik Freiburg hatten im August 2014 sogar Strafanzeige erstattet.

Den ursprünglichen Vorwurf, T. habe Alessio über längere Zeit misshandelt, ließ die Staatsanwaltschaft jedoch im Lauf des Prozesses fallen. Norbert T. räumte eine Ohrfeige im Sommer 2014 ein und die tödlichen Faustschläge im Januar 2015.

Einige Zeugen beschrieben vor Gericht, dass Alessio sich vor dem Ziehvater ängstigte, der Fahrlehrer der Mutter etwa, Freunde der Mutter. Norbert T.s Freunde, seine Cousinen, eine davon als Dorfhelferin auf dem Hof eingespannt, erinnern sich hingegen an Momente, in denen Alessio die Nähe von T. suchte, ihn imitierte, bewunderte, vermisste.

Keiner der Zeugen im Prozess hat Ziehvater oder Mutter dabei beobachtet, wie sie Alessio schlugen. Norbert T. sagte vor Gericht: "Es kann nur einer von uns beiden gewesen sein."

"Aua, aua"

Am 16. Januar dann der Endpunkt des Dramas: Alessios Mutter sollte an diesem Tag aus der Klinik, wo sie wegen ihrer psychischen Probleme untergebracht war, zurück auf den Hof kommen. Doch am Morgen rief sie an, sie würde noch in der Klinik bleiben. Norbert T. war mit den Kindern weiterhin allein, so wie in den Wochen zuvor. Mit Wissen des Jugendamtes, dessen Mitarbeiter die Abwesenheit der Mutter als Entlastung für Norbert T. werteten.

Sie verkannten die Lage völlig. Alessio, so erzählte es T., sei eine Treppe hinuntergestürzt. Das Kind sei dabei nackt gewesen, weil es sich zuvor eingekotet habe. Als Alessio auf dem Boden gelegen sei, habe er blaue Flecken am Kind gesehen und sei in Panik geraten. Mehrmals schlug er mit wuchtigen Faustschlägen auf das Kind ein.

Obwohl Alessio sich vor Schmerzen krümmte, "aua, aua" wimmerte, säuberte T. den Jungen zuerst und zog ihn an, dann räumte er noch auf. Er rief die Cousine an, die das Jugendamt zeitweise als Helferin bestellt hatte, und seine Großmutter, die ihm riet, medizinische Hilfe zu suchen. Dann erst fuhr er das schwer verletzte Kind zum Arzt.

Norbert T. habe am 16. Januar in einer "stark affektiv aufgeladenen Situation" zugeschlagen, analysierte der Sachverständige Klaus Foerster, Professor für forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Tübingen. 13 Stunden lang hatte er mit T. vor dem Prozess über dessen Leben gesprochen. T. sei an jenem 16. Januar "massiv enttäuscht" gewesen, "Ärger und Wut waren mitführend bei der Tat", so Foerster.

Detailliert habe ihm Norbert T. beschrieben, wie er die unkontrollierten Ausbrüche der eigenen Mutter erlebt habe. Den Transfer, dass Alessio Ähnliches erleiden musste, habe T. jedoch nicht erbracht. "Er war reduziert empathisch, aber sicher nicht gefühllos", sagte Foerster. Gerade er hätte wissen müssen, wie sich Gewalt anfühlt. Doch die Gemengelage auf dem Bauernhof und die Biografien des Paares hätten zu einer "fatalen Interaktion" geführt, so der Psychiater.

Mögliche Versäumnisse des Jugendamtes durch eine Verletzung der Sorgfaltspflicht sind Gegenstand eines weiteren Ermittlungsverfahrens, ebenso läuft ein Verfahren gegen die Mutter, die sich durch ihre Aussagen selbst belastete. Der Hof im Schwarzwald steht zum Verkauf, die Halbschwester Alessios ist in einer Pflegefamilie untergebracht, die Mutter in einer psychiatrischen Einrichtung.

Von dort schickt sie Norbert T. Briefe ins Gefängnis, so berichtete er vor Gericht. Sie schreibe, dass sie ihn liebe, ihn brauche. T. kann sich keine gemeinsame Zukunft mehr vorstellen. Er sagte vor Gericht: "Das, was passiert ist, ist so schlimm, das wird immer zwischen uns stehen."

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.