Prozessauftakt gegen Stadtplan-Erben Der Fall Falk

Von seinem Vater erbte er das Stadtplan-Imperium - dann landete Alexander Falk wegen Betrugs und Bilanzfälschung im Gefängnis. In Frankfurt beginnt ein neuer Prozess gegen ihn. Gab er einen Mord in Auftrag?

Er wollte mehr als nur Erbe sein - doch die Geschäfte von Alexander Falk führten ihn ins Gefängnis
Christian Charisius/ DPA

Er wollte mehr als nur Erbe sein - doch die Geschäfte von Alexander Falk führten ihn ins Gefängnis

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Kurz vor dem Zenit seiner unternehmerischen Karriere sprach Alexander Falk vom Goldrausch. Er sei derjenige, der das Werkzeug für diesen Goldrausch verkaufe. 70 Prozent seiner Umsätze mache er mit Firmen der sogenannten alten Ökonomie, mit Banken und Versicherungen. "Wir verkaufen denen die Spitzhacken und die Spaten, damit sie Gold schürfen können", sagte Falk damals. "Für uns ist aber gar nicht wichtig, ob sie Gold finden oder nicht. Für uns ist nur wichtig, dass sie diese Werkzeuge kaufen."

Das war im Jahr 2000.

Vier Jahre zuvor hatte der Sohn des Falk-Stadtplan-Verlegers Gerhard Falk mit seinen Geschwistern die ererbten Anteile des Unternehmens an die Bertelsmann AG verkauft und verschiedene Internetfirmen-Firmen erworben. Ein neuer Markt entstand, die New Economy, der große Internetboom.

Ging es darum, einen Gegenspieler zu töten?

Vor dem Landgericht Frankfurt geht es ab Mittwoch in gewisser Weise auch um Werkzeug, in menschlicher Gestalt. Es geht darum herauszufinden, ob Alexander Falk jemanden angestiftet hat, einen angeblichen Gegenspieler zu töten.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft soll Falk im Jahr 2009 in einem Hamburger Restaurant einem Mittelsmann einen Umschlag voll Bargeld übergeben und ihn mit der Tötung des Rechtsanwaltes Wolfgang J. beauftragt haben. Im Jahr darauf, am 8. Februar 2010, sollen Unbekannte Wolfgang J. vor seinem Zuhause in Frankfurt-Harheim aufgelauert und auf ihn geschossen haben: Der gezielte Schuss in den linken Oberschenkel könnte ein Warnschuss gewesen sein oder der Versuch, eine Schlagader zu treffen und den Juristen umzubringen.

Doch warum hätte Falk das tun sollen?

Das Ende des Goldrauschs

Wenige Monate, nachdem er in einem Fernsehinterview über den Goldrausch, für den er das Werkzeug beschaffe, schwadroniert hatte, verkaufte Falk seine Firma Ision Internet AG für 812 Millionen Euro an das britische Telekommunikationsunternehmen Energis. Die Firma wurde jedoch zahlungsunfähig und zog vor Gericht: Falk soll den Umsatz der Firma mit Scheingeschäften aufgepumpt und sie zu einem überhöhten Preis weiterverkauft haben. Im Mai 2008 wurde Falk wegen versuchten gemeinschaftlichen Betruges und Bilanzfälschung zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Mit 157 Verhandlungstagen galt dieser Prozess als einer der längsten in der Geschichte der Hamburger Justiz.

Wolfgang J., der Frankfurter Rechtsanwalt, soll ab 2003 an einer Zivilklage gegen Falk gearbeitet haben. In deren Verlauf wurde laut Anklage ein zivilrechtlicher Arrestbefehl gegen Falk in Höhe von 30 Millionen Euro erlassen und durch Pfändungsmaßnahmen vollstreckt: Seine gesamten Bankkonten, Geschäftsanteile sowie Luxusgüter wurden beschlagnahmt.

Der Anschlag auf den Rechtsanwalt hatte für Schlagzeilen gesorgt. Über die Fernsehsendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" hatten Ermittler nach einem Tatverdächtigen gefahndet, der Arbeitgeber des Opfers hatte eine Belohnung von 100.000 Euro ausgesetzt für Hinweise, die zur Aufklärung des Verbrechens beitragen.

Und dann der tiefe Fall

Jahrelang tat sich nichts in dem Fall. Bis sich im August vor zwei Jahren ein Mann beim Landeskriminalamt Hamburg (LKA) meldete, der behauptet, er sei dabei gewesen, als Falk den Mord an Wolfgang J. in Auftrag gegeben habe. Außerdem habe er einen Tonmitschnitt von einem Treffen in Istanbul, bei dem Falk den tödlichen Auftrag eingeräumt haben soll.

Für die Fahnder ein Volltreffer. Ein Jahr lang liefen die Ermittlungen gegen Falk im Geheimen, bis dieser im vergangenen September in seiner Firma an der Palmaille in Hamburg-Altona festgenommen wurde. Seither sitzt er in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft stützt ihre Anklage auf zwei Belastungsbeweise: auf die Aussage jenes Informanten und auf die achtminütige Tonaufnahme.

Die Hauptverhandlung vor dem Frankfurter Landgericht wird wohl ein Spektakel werden: Der tiefe Fall des Alexander Falk, der als Vorzeigespross der Hamburger High Society galt. Der in Blankenese aufwuchs, in vornehmen Kreisen verkehrte und als selbstständiger Diplomkaufmann nicht nur der Sohn des Großen Falk sein, sondern eigene Erfolge schaffen wollte. Schon als junger Geschäftsmann jonglierte der Junior mit Millionen.

"Sascha", wie ihn enge Freunde nennen, besticht durch eloquentes, souverän-entschlossenes Auftreten. Wohlgesinnte Weggefährten beschreiben ihn als kultiviert und scharfsinnig, weniger Wohlgesinnte als hochmütig und großmäulig. Er heiratete in eine wohlhabende Familie ein, ist Vater von fünf Kindern, ein leidenschaftlicher Surfer und Segler, der an internationalen Regatten teilnimmt und mehrere Villen sowie ein Anwesen in Südafrika besaß. Seine Inszenierung als Shootingstar des Neuen Marktes zelebrierte er stolz, es scheint ihm bis heute gleich, was andere über ihn sagen und denken.

Falk hat Topanwälte an seiner Seite

Für das bevorstehende Verfahren hat Falk Topanwälte engagiert, den Kölner Strafverteidiger Björn Gercke und seinen Kanzleikollegen Daniel Wölky sowie den Presserechtsanwalt Ralf Höcker. Sie halten mit ihrer Verteidigerstrategie nicht hinterm Berg: Sie wollen beide Hauptbeweismittel auseinandernehmen.

Der Kronzeuge der Anklage sei "ein Hochkrimineller", mehrfach und einschlägig vorbestraft, zudem ein V-Mann des LKA Hamburg, sagt Höcker. Der Mann habe die Falks nachweislich jahrelang erpresst und sie an der Haustür oder beim Joggen an der Alster abgepasst; er habe einen früheren Anwalt Falks belästigt und bedroht. All das, weil er Geld hätte haben wollen. Mit einem Gutachten des Kieler Universitätsprofessors Günter Köhnken, einem der erfahrensten Rechtspsychologen der Republik, wollen Falks Verteidiger die Aussage des wichtigsten Belastungszeugen zum Wanken bringen.

Mit einem weiteren Gutachten wollen sie vor Gericht nachweisen, dass das belastende Tonaufnahme manipuliert wurde. Zwar sei Falk darauf zu hören, wie er sich über den Anschlag auf Wolfgang J. äußere, aber keineswegs beweise es einen Mordauftrag.

"Es ist nichts wert", sagt Höcker und sein Kollege Gercke geht noch weiter: "Die Aufnahme ist vielmehr ein starkes Indiz für eine Entlastung." Wäre Falk der Auftraggeber eines Mordes, wäre zu erwarten, dass er sich entsprechend frustriert äußert, dass das Opfer überlebt habe. Tatsächlich aber zeige sich Falk zwar menschenverachtend und voller Häme, aber keineswegs als Initiator eines Verbrechens. "Dieses manipulierte Gespräch wurde nur geführt, um Herrn Falk eine Falle zu stellen", sagt Gercke. Emotional sei die Tonaufnahme aber natürlich eine Katastrophe.

Das weiß auch Falk. Er wird dennoch selbstsicher am Mittwochmorgen Saal 10 des Frankfurter Landgerichts betreten. Er wurde erzogen, keine Schwäche zu zeigen. Und er weiß, er muss nicht seine Unschuld beweisen, sondern das Gericht seine Schuld.



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