Prozess gegen Alexander Falk "Schäbige Schadenfreude"

Alexander Falk ist vorbestraft, er saß im Gefängnis - aber gab er auch einen Mord in Auftrag? Der Prozess gegen den Stadtplan-Erben begann mit einer langen Rede des 50-Jährigen und einem irritierenden Tonmitschnitt.

Der Fall Alexander Falk beschäftigt aktuell die Richter des Frankfurter Landgerichts - schon der erste Prozesstag begann mit einer öffentlichkeitswirksamen Inszenierung
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Der Fall Alexander Falk beschäftigt aktuell die Richter des Frankfurter Landgerichts - schon der erste Prozesstag begann mit einer öffentlichkeitswirksamen Inszenierung

Von , Frankfurt am Main


Vor zwei Tagen noch fürchteten Alexander Falks Anwälte, ihr Mandant müsse in T-Shirt und kaputten Turnschuhen vor Gericht erscheinen. Ihr Antrag auf ein Hemd und ein Paar neue Schuhe für Falk war nicht genehmigt worden, sagen sie.

Um 8.56 Uhr dann steht der Erbe des größten deutschen Stadtplan-Unternehmens am Ende des Flurs in Trakt E des Landgerichts Frankfurt am Main - in einem grauen Hemd und braunen Lederschuhen. In der Vorführzelle, in der Inhaftierte im Gerichtsgebäude untergebracht werden, wenn keine Verhandlung gegen sie läuft, durfte sich Falk also doch noch umziehen.

Alexander Falk wartet, die Hände auf dem Rücken gefesselt, bis ihn zwei Justizwachtmeister wie ein Zirkuspferd in Saal 8 geleiten. Vorbei an den vielen Zuhörern, die auf Einlass warten. Es ist eine unnötige, öffentlichkeitswirksame Inszenierung.

Sollte der Schuss eine Warnung sein?

Falk ist angeklagt wegen Anstiftung zum Mord und zur gefährlichen Körperverletzung: Er soll Gestalten aus der Halbwelt beauftragt haben, den Frankfurter Rechtsanwalt Wolfgang J. umzubringen. Unbekannte schossen dem Juristen am 8. Februar 2010 in seinem Wohnort Frankfurt-Harheim in den linken Oberschenkel. Ein Vorgehen, das im Milieu gern als letzte Warnung verstanden wird.

Der Angeklagte Alexander Falk (Mitte) wartet zusammen mit seinen Verteidigern Daniel Wölky (links) und Björn Gercke auf den Beginn des Prozesses
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Der Angeklagte Alexander Falk (Mitte) wartet zusammen mit seinen Verteidigern Daniel Wölky (links) und Björn Gercke auf den Beginn des Prozesses

Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass Falk den Mann aus dem Weg haben wollte. Dieser hatte seit Jahren an einer Zivilklage gegen Falk gearbeitet. In deren Verlauf wurde ein zivilrechtlicher Arrestbefehl gegen Falk in Höhe von 30 Millionen Euro erlassen. Die Pfändungsmaßnahmen waren umfassend: Falks gesamte Bankkonten, Geschäftsanteile sowie Luxusgüter wurden beschlagnahmt. Aus Habgier und mit den Worten "Ich will nichts mehr von dem hören", soll Falk den Auftrag zum Mord erteilt haben. "Er soll eiskalt gemacht werden."

Falk redet frei und lange

Falk bestreitet die Vorwürfe. Zehn Minuten vor Beginn der Hauptverhandlung stellt er sich in Saal 8 vor die Kameras, die Hände gefaltet, und betont, er säße seit einem Jahr unschuldig in Untersuchungshaft. Mit seinen Anwälten werde er "massiv auf Aufklärung drängen".

Nach dem Verlesen der Anklage und einer Erklärung seines Verteidigers Björn Gercke erhebt sich Falk erneut. "Sie dürfen gern sitzen bleiben", sagt der Vorsitzende Richter Jörn Immerschmitt. "Ich würde gerne stehen, wenn ich darf", entgegnet Falk.

Dann spricht er mehr als eine Stunde lang frei - und schnell wird klar, warum es seinen Anwälten wichtig war, dass er in diesem Moment nicht in T-Shirt und Turnschuhen dasitzt als sei er auf seiner Lieblingsinsel Sylt gerade auf dem Weg zum Feinkostladen.

Seine Frau warnte ihn eindringlich

Falk schildert, wie er Ende 2000 seine Firma Ision Internet AG an das britische Telekommunikationsunternehmen Energis verkaufte. Damals geriet er in Verdacht, den Umsatz der Firma mit Scheingeschäften aufgepumpt und sie zu einem überhöhten Preis weiterverkauft zu haben. 2008 wurde er wegen versuchten gemeinschaftlichen Betruges und Bilanzfälschung zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt.

Vor Gericht beschreibt Falk ausführlich, wie er die Brüder B. kennenlernte, mit denen er Projekte plante, unter anderem den Bau eines Hotels am Bosporus. Er habe ihre kriminelle Energie gekannt, seine Frau habe ihn eindringlich gewarnt. Doch Falk ließ sich auf die Männer ein. Er beauftragte sie gar mit einem Datendiebstahl, um in einem Rechtsstreit seine Unschuld zu beweisen.

Ohne die Brüder B. säße Alexander Falk vermutlich nicht auf dieser Anklagebank.

Er sagt, er habe die Brüder unterschätzt. Eine solch professionelle Falle, in die sie ihn gelockt hätten, habe er ihnen nicht zugetraut.

Vor zwei Jahren meldete sich ein Mann beim Landeskriminalamt Hamburg und behauptete, er sei dabei gewesen, als Falk den Mord an Wolfgang J. in Auftrag gegeben habe. Der Mann ist ein enger Freund der Brüder B.

Eine Tonaufnahme aus Istanbul

Falk nimmt sich Zeit vor Gericht für Details. Er sitze in Untersuchungshaft für eine Tat, die er nicht begangen habe, sagt er mehrmals. "Eine Tat, die ich nicht einmal gedacht habe."

Aber darüber gefreut hat er sich.

Und um 11.43 Uhr können das auch alle Prozessbeteiligten im Saal hören. Der Vorsitzende lässt eine Tonaufnahme abspielen - acht Minuten und sieben Sekunden lang. Sie ist eines der wichtigsten Beweismittel in dem Verfahren gegen Alexander Falk: Sie soll belegen, dass Falk in den Anschlag auf den Frankfurter Rechtsanwalt eingeweiht war und ihn in Auftrag gab. Aufgenommen wurde der Mitschnitt am 28. Juni 2010 in einem Café in Istanbul, als sich Falk mit Geschäftspartnern traf, darunter die Brüder B.

"Der hat die Botschaft schon verstanden"

Einer von ihnen fragt Falk, so ist es zu hören, wo er denn gewesen sei, als er von dem Überfall auf Wolfgang J. gehört habe. Er habe gemütlich an seinem Schreibtisch in Südafrika gesessen, sagt Falk, der sich von Januar bis Anfang Juni 2010 samt Familie auf seinem dortigen Anwesen aufhielt.

Er habe "echt gejubelt", sagt Falk auf der Aufnahme. "War sehr geil." Es sei die "einzig richtige Konsequenz" gewesen, "dem ins Bein zu ballern". "Der hat die Botschaft schon verstanden." Falk spricht von "feigen Anwaltsbazillen" und davon, welch "große Freude" ihm die Neuigkeit bereitet habe.

Eine Tonaufnahme aus einem Café in Istanbul ist eines des wichtigsten Beweismittel im Verfahren gegen Alexander Falk
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Eine Tonaufnahme aus einem Café in Istanbul ist eines des wichtigsten Beweismittel im Verfahren gegen Alexander Falk

Es gibt da nichts schönzureden.

"Das ist schäbigste Schadenfreude", sagt deshalb sein Anwalt Gercke freimütig vor Gericht. Aber die "völlig aus dem Zusammenhang gerissene Aufnahme" belege keinen Auftrag zu einer Körperverletzung oder gar einem Mord.

Zudem habe Falk gar kein Motiv.

In besagtem Zeitraum - zwischen Herbst 2009 und Frühjahr 2010 - habe es keine neuen zivilrechtlichen Arrestbefehle mehr gegeben. Falk habe keinerlei Hass- oder Rachegedanken gegen den verletzten Anwalt gehabt, sagt Gercke.

"Das war keine Glanzleistung"

Auch Falk versucht nicht, sich herauszureden: "Das war keine Glanzleistung."

Aber: "Einen Auftrag zur Gewalttätigkeit - Schuss oder Ohrfeige - gegen Herrn J. hat es nicht gegeben. Das war nicht mein Interesse." Wolfgang J. sei außerdem nicht mit ihm "auf Augenhöhe" gewesen, sagt Falk. Auch insofern ergebe ein möglicher Auftrag zu einem Verbrechen keinen Sinn. So sieht es zumindest der Angeklagte.

Falk rangierte als Multimillionär zeitweise auf Platz 83 der Liste der reichsten Deutschen. Er schildert, wie die Brüder B. und ihr Kumpel ihn mit der Tonaufnahme erpressten. Wie das Drohszenario zunahm. Wie sie zuletzt drei Millionen Euro forderten und wie er, laut Selbstauskunft kein ängstlicher Mensch, große Sorge um seine Frau und seine Kinder hatte. Die Familie engagierte Personenschutz, Objektschutz und installierte eine neue Videoanlage auf dem Anwesen. Zur Polizei ging Alexander Falk nicht.

Falk ist gut präpariert

Sein damaliger Anwalt habe ihm davon abgeraten, sagt Falk. Auch habe seine Frau schon vor seiner geschäftlichen Achterbahn Probleme damit gehabt, in der Öffentlichkeit zu stehen. Erst recht nach dem Betrugsverfahren im Zuge des Ision-Verkaufs. Es klingt so, als habe er seiner Familie die große Show ersparen wollen.

Dafür hat er sich für dieses Verfahren gut präpariert. Der Presserechtsanwalt Ralf Höcker sitzt mit seinem Kollegen Niklas Fischer im Publikum, um für Falk den anwesenden Pressevertretern und Gerichtsbesuchern Fragen zu beantworten.

Falk sagt, er vermisse seine Frau und seine Kinder. "Wer uns kennt, weiß, wie eng und innig unser Familienleben ist." Er habe seiner Frau, die selbst Juristin ist und neben Björn Gercke und Daniel Wölky offiziell zum Verteidigerteam gehört, und anderen Angehörigen empfohlen, dem Prozess fernzubleiben. "Es ist schon so hart genug."

Der erste Verhandlungstag in diesem spektakulären Verfahren hat gezeigt: Der Millionenerbe will mit allen Mitteln versuchen, eine weitere Freiheitsstrafe abzuwenden.

Einen feigen Anschlag in Auftrag zu geben, widerspreche allem, was ihm wichtig sei, sagt Falk am Ende seiner Rede. "Das entspricht nicht meiner Erziehung, meinen Werten, meinem Sportsgeist."

Er könne gut austeilen, sagt Falk. "Aber ich kann einen harten Schlag auch sportlich nehmen."



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