Streit über Gedenkstein Familie von NS-Kriegsverbrecher darf Scheingrab behalten

Das leere Grab für Nazi-General Alfred Jodl löst in Bayern Empörung aus: Erst wurde ein Künstler wegen einer Protestaktion verurteilt, nun hat sich ein Nachfahre Jodls vor Gericht durchgesetzt.
Grab von Generaloberst Jodl auf der Fraueninsel im Chiemsee (Archivbild)

Grab von Generaloberst Jodl auf der Fraueninsel im Chiemsee (Archivbild)

Foto: Angelika Warmuth/DPA

Fast 73 Jahre ist es her, dass der Wehrmachtsgeneral Alfred Jodl als verurteilter Hauptkriegsverbrecher hingerichtet wurde. Der Umgang mit dem Andenken an den überzeugten Nationalsozialisten erhitzt allerdings noch immer die Gemüter im bayerischen Chiemgau - denn dort erinnert bis heute ein Grabstein an Jodl.

Beigesetzt sind auf dem Friedhof auf der Fraueninsel im Chiemsee allerdings nur Jodls Ehefrauen. Die Asche des Kriegsverbrechers, der in den Nürnberger Prozessen zum Tod durch den Strang verurteilt worden war, verstreuten alliierte Soldaten in einem Seitenarm der Isar. Denn ein Grab, so die Befürchtung, hätte eine Pilgerstätte für Rechtsextreme schaffen können.

Dennoch erinnert seit Jahrzehnten ein Scheingrab an Jodl, in Form eines Eisernen Kreuzes und mit Nennung seines militärischen Rangs. Das erregt seit Langem Empörung und löste mehrere Rechtsstreitigkeiten aus. In einem aktuellen Fall hat das Verwaltungsgericht München nun zugunsten des Großneffen Jodls entschieden, dass der umstrittene Grabstein weitere 20 Jahre stehen bleiben darf.

Der Grabstein war zum Politikum geworden, nachdem in den vergangenen Jahren Protestaktionen eines Künstlers Aufsehen erregt hatten. Wolfram Kastner klebte ein Schild an das Steinkreuz ("Keine Ehre dem Kriegsverbrecher"), brach den Buchstaben J aus Jodls Namen heraus ("Odl" ist ein Dialektausdruck für Gülle) und bemalte das Grab mit roter Farbe. Ende 2018 verurteilte ihn ein Gericht dazu, die Reinigungskosten über rund 4000 Euro zu übernehmen.

Aktionskünstler Kastner mit einem Foto des rot angemalten Scheingrabs Jodls (Archivbild)

Aktionskünstler Kastner mit einem Foto des rot angemalten Scheingrabs Jodls (Archivbild)

Foto: Matthias Balk/DPA

Kastner bezeichnete das Grab als "unerträglichen Missstand" und fragwürdiges "Ehrenmal" - nur wenige Meter von der berühmten Herreninsel entfernt, wo 1948 das Grundgesetz auf den Weg gebracht wurde. "Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem verurteilte Kriegsverbrecher geehrt werden", sagte er im Dezember dem SPIEGEL (mehr über den Fall erfahren Sie hier).

In der Tat hatte Jodl erheblichen Anteil an Gräueln während der NS-Diktatur: Im Zweiten Weltkrieg war er Chef des Wehrmachtführungsstabs im Oberkommando der Wehrmacht. Als einer der engsten Berater Adolf Hitlers in Fragen der Gesamtkriegsführung trug er somit eine Mitverantwortung für den Vernichtungskrieg in Osteuropa und den sogenannten Kommissarbefehl, wonach gefangene Kommissare der Roten Armee zu erschießen waren. Auch an den Deportationen der europäischen Juden war Jodl beteiligt.

Alfred Jodl (während der Nürnberger Prozesse im November 1945)

Alfred Jodl (während der Nürnberger Prozesse im November 1945)

Foto: ASSOCIATED PRESS

Die strittige Grabinschrift auf der Fraueninsel wird derzeit von einer hochgewachsenen Thuje bedeckt. Im vergangenen Herbst hatte es nach einer gütlichen Einigung mittels eines Vergleichs ausgesehen, den das Gericht vorgeschlagen hatte: Demzufolge hätte Jodls Großneffe den Namen und die Lebensdaten des Kriegsverbrechers mit einer Platte dauerhaft überdeckt und auf weitere Beisetzungen von Familienangehörigen dort verzichtet.

Die Gemeinde sollte im Gegenzug das Grabnutzungsrecht für zehn Jahre verlängern - mit einer Option auf weitere zehn Jahre, sollte auf dem Friedhof bis dahin kein Platzmangel herrschen. Die Gemeinde widerrief diesen Vergleich jedoch vor wenigen Monaten: Sie bestand auf der vollständigen Entfernung des Grabes, unter anderem unter Verweis auf Platzmangel auf dem Friedhof.

Dazu kommt es nach dem jetzigen Urteil des Verwaltungsgerichts, Aktenzeichen M 12 K 18.1936, aber wohl nicht. Bei dem Grabmal handle es sich "nicht um ein Denkmal, sondern um ein Familiengrab mit einem gewöhnlichen Grabstein, wie er auf zahlreichen Friedhöfen zu finden ist", entschieden die Richter. Von Platzmangel auf dem Inselfriedhof könne keine Rede sein, das habe ein Ortstermin gezeigt.

Fraueninsel im Chiemsee (Blick vom Ufer in Seebruck)

Fraueninsel im Chiemsee (Blick vom Ufer in Seebruck)

Foto: Andreas Gebert/REUTERS

Auch die Gefahr, dass am Jodl-Grab künftig weitere Protestaktionen oder Neonazi-Aufmärsche zu erwarten seien, verneint das Gericht: "Störungen durch Herrn Kastner hätte die Beklagte bereits in der Vergangenheit durch Erlass eines Hausverbots entgegenwirken können." Rechtsgerichtete Aktionen hätte es bislang nicht am Grab gegeben, abgesehen von "einer einmaligen Aktion von fünf NPD-Anhängern". Insgesamt, so das Gericht, gebe es "mildere Mittel zur Unterbindung derartiger Störungen".

Ob der Streit nun beendet ist, entscheidet sich der Münchner "Abendzeitung" zufolge  bei der nächsten Gemeinderatssitzung: Dann müsse entschieden werden, ob es vor Gericht in die nächste Instanz gehe. Aktionskünstler Kastner forderte das Gremium dazu laut Bayerischem Rundfunk  mit Nachdruck auf: "damit der braune Mist endlich verschwindet."


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, Jodl habe als Chef des Oberkommandos der Wehrmacht den "Kommissarbefehl" selbst unterzeichnet. Das ist so nicht korrekt, wir haben die Passage über seine Rolle in der NS-Diktatur präzisiert.

mxw
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