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12. Januar 2006, 10:44 Uhr

Ali Agca frei

Blumen für den Attentäter

Von Alexander Schwabe

Papst-Attentäter Ali Agca ist frei. Die Hintergründe des Anschlags auf Johannes Paul II. vor 25 Jahren liegen noch immer im Dunkeln. Die Entlassung des Profikillers und dessen weiteres Schicksal könnten zu möglichen Hintermännern führen.

Hamburg - Als Mehmed Ali Agca um 8.30 Uhr deutscher Zeit in einem weißen Pkw das Tor des Hochsicherheitsgefängnisses im Istanbuler Stadtteil Kartal verlässt, fliegen bunte Blüten auf das davonfahrende Auto. Ein Empfang wie für einen Helden. "Er ist ein Freund der Familie. Wir lieben ihn", heißt es unter den Sympathisanten des Freigelassenen, "ein Vorbild für alle, die die türkische Nation lieben". Dutzende Polizisten bilden ein Spalier, um Hunderte begeisterte türkische Nationalisten zurückzuhalten, die sich vor dem Gefängnis versammelt haben, und die ungehinderte Abfahrt des Wagens zu ermöglichen.

Agca vor der Freilassung: Blumen für einen Helden
DPA

Agca vor der Freilassung: Blumen für einen Helden

Bei vielen Türken stößt die Haftentlassung auf Unverständnis und Ablehnung. Ein Mörder, der das Image der Türkei derart beschmutzt habe, sollte überhaupt nicht freikommen, so eine weitverbreitete Meinung. Die Familie des von Agca zwei Jahre vor dem Papstattentat auf offener Straße erschossenen Chefredakteurs der linksliberalen Tageszeitung "Milliyet" Abdi Ipekci hatte noch Einspruch erhoben gegen die Gerichtsentscheidung von vor einer Woche, Agca nach viereinhalb Jahren Gefängnisstrafe freizulassen.

"Agca ist nicht nur der Mörder meines Vaters, Abdi Ipekci. Ich sehe in ihm einen Mörder der Nation", schrieb Nukhet Ipekci, Tochter des erschossenen Journalisten, in einem Brief, der auf Seite eins von "Milliyet" veröffentlicht wurde. Er sei dafür verantwortlich, dass die Worte "türkisch" und "Mörder" zum Synonym geworden seien. Das Gericht wies den Einspruch der Familie zurück.

Vor fünf Jahren war Agca an die Türkei ausgeliefert worden, nachdem er in Italien - zu lebenslanger Gefängnisstrafe verurteilt - begnadigt worden war. Auch in der Türkei erwartete ihn wegen des Mordes an Ipekci und wegen Raubüberfalls eine lebenslange Haftstrafe. Wegen einer Amnestie wurde das Strafmaß auf zehn Jahre verkürzt. Wohl wegen guter Führung wurde Agca nach der Hälfte der Zeit entlassen, 25 Jahre nach dem Attentat auf den Papst.

Beistand der Mutter Gottes

Am 13. Mai 1981, einem Mittwoch, fährt Johannes Paul II. im offenen Wagen stehend während einer Generalaudienz durch die Pilgerschar. Plötzlich peitschen Schüsse über den Petersplatz in Rom. Der Papst bricht zusammen. Die Ärzte in der Gemelli-Klinik, in deren Operationssaal der Schwerverletzte wenige Minuten später liegt, und wo er auf polnisch flüsternd die Mutter Gottes um Beistand bittet, stellen drei Einschüsse im Körper des Pontifex fest.

Zwei Verletzungen stellen sich als relativ harmlos heraus: ein Streifschuss am rechten Unterarm und ein zertrümmerter Zeigefinger der linken Hand. Ein Geschoss aus der Neun-Millimeter-Browning jedoch durchschlug die Bauchdecke unterhalb des Nabels. Es zerfetzte mehrere Dünndarmschlingen und einen Teil des Dickdarms bevor es neben der Wirbelsäule am Rücken wieder austrat. Mit viel Glück überlebt der Papst.

Der Attentäter, so stellt sich schnell heraus, ist ein Bauernsohn aus Anatolien. Er hatte sich den Grauen Wölfen angeschlossen, einer Kampftruppe der neofaschistischen Partei der Nationalistischen Bewegung, die nach dem Militärputsch in der Türkei 1980 verboten wurde und seither im Untergrund agiert. Wegen der Ermordung Ipekcis war Agca bereits in der Türkei zum Tode verurteilt, jedoch von rechten Offizieren aus dem Istanbuler Militärgefängnis befreit und von Gesinnungsfreunden ins Ausland gebracht worden.

Psychopath oder Handlanger von Geheimdiensten?

Seine Vernehmung warf immer wieder neue Fragen auf. Wer ist Ali Agca? Ein politischer Wirrkopf? Ein Psychopath? Ein Handlanger des internationalen Terrorismus? Ein Instrument östlicher oder westlicher Geheimdienste? Im nur drei Tage dauernden Prozess in Rom wurde über entscheidende Fragen hinweggegangen: Wer hatte ihm einen falschen Pass und die Tatwaffe besorgt? Woher hatte er rund 100.000 Mark, die er für Reisen durch halb Europa ausgegeben hatte?

Was war der Inhalt eines Telefonats mit einem in Deutschland lebenden Aktivisten der Grauen Wölfe, den Agca wenige Tage vor dem Attentat anrief? Hatte er auf dem Petersplatz einen Komplizen? Ein US-Reporter hatte der Polizei ein Foto übergeben, auf dem ein junger Mann eilig davonrennend mit einem verdächtigen Gegenstand in der Hand - möglicherweise einer Pistole - zu sehen ist.

Die Spur führte nach Osten. Die US-Journalistin Claire Sterling veröffentlichte einen langen Artikel mit der These, das Papst-Attentat sei vom bulgarischen Staatssicherheitsdienst geplant worden. Ex-Außenminister Henry Kissinger sagte, er halte es für "ziemlich schlüssig", dass Bulgarien im Auftrag des damaligen KGB-Chefs und späteren Generalsekretärs der KPdSU, Jurij Andropow, handelten.

Mielke-IM in Rom

Ali Agca selbst schürte diese Spekulationen. Vor einem Verhör rief er italienischen Journalisten zu: "Ich habe die Tat zusammen mit Antonoff verübt. Der Anschlag war vom KGB organisiert." Der Bulgare Sergej Antonoff, Vize-Chef im römischen Büro der Balkan-Air, saß zu diesem Zeitpunkt wegen angeblicher Beteiligung am Mordanschlag auf den Papst in U-Haft. Sofia freilich, wies alle Anschuldigungen zurück und beschuldigte seinerseits westliche Geheimdienste unter Führung der CIA des Verbrechens. Unterstützung erhielten die Bulgaren nach Ansicht der für die Stasi-Aufarbeitung zuständigen Birthler-Behörde auch von Markus Wolfs "Hauptverwaltung Aufklärung". Das Mielke-Ministerium hatte in Rom eingeschleuste Inoffizielle Mitarbeiter entsprechend aktiv werden lassen.

Während seines Prozesses hatte Agca mehrfach beteuert, ohne Komplizen gehandelt zu haben. Später - nach langen Gesprächen mit einem katholischen Gefängniskaplan und zwei hohen Beamten des italienischen Geheimdiensts - gab er an, die Tat mit drei Bulgaren, darunter zwei Botschaftsangehörigen, geplant zu haben. Davon war er dann wiederum abgerückt.

Italienische Ermittler brachten auch die Entführung zweier 15-jähriger Mädchen immer wieder in Verbindung mit dem Fall Agca. Mirella Gregori, Tochter eines Barmanns, verschwand am 7. Mai 1983, sechs Wochen später, am 22. Juni, Emanuela Orlandi, Tochter eines Vatikan-Angestellten. Es wurde vermutet, sie seien entführt worden, um gegen Agca ausgetauscht zu werden. Bis heute sind sie verschwunden. Der Bruder Orlandis äußerte nun im italienischen Fernsehen die Hoffnung, nach Agcas Freilassung Hinweise auf den Verbleib seiner Schwester zu erhalten.

Warten auf eine neue Spur

Das weitere Schicksal Agcas nach seiner Freilassung könnte Hinweise über die Hintergründe des Anschlags auf den Papst geben: Vielleicht wird der Attentäter in Interviews neue Angaben machen, sollte er - wie von einigen befürchtet - umgebracht werden, könnte dies neue Spuren bringen, die möglicherweise zu den Auftraggebern des Mordversuchs auf dem Petersplatz führen.

Das italienische Wochenmagazin "Oggi" schrieb bereits: "Sobald er frei ist, ist Ali Agcas Leben in Gefahr". Als Kronzeugen für die These führt es Ferdinando Imposimato an, den ehemaligen Ermittlungsrichter im Fall Agca. Er gab gegenüber der Zeitschrift an, Agca wisse zu viel über "das Komplott" gegen Johannes Paul II. und die Entführung Emanuela Orlandis. Ermittler Imposimato hat dem Blatt zufolge während der Untersuchungen Hinweise dafür gefunden, dass das Attentat im "diabolischen Dreieck" zwischen Moskau, Sofia und Ost-Berlin geplant wurde. Etliche Personen, die heute in Regierungspositionen seien, sähen es nicht gerne, wenn Agca auspackte. Die Zeitschrift nennt in diesem Zusammenhang ausdrücklich den russischen Präsidenten Wladimir Putin, der in Ost-Berlin zum Zeitpunkt des Papst-Attentats für die Rekrutierung von Spionen gegen den Westen zuständig gewesen sei.

"Ich bin die Reinkarnation Jesu Christi"

Agca selbst gab sich die letzten Jahre geläutert. Sein Anwalt teilte gestern gar mit, sein Mandant wolle sich künftig für Demokratie und den Weltfrieden einsetzen und "allen die Hand in Frieden und Freundschaft reichen". Wann die angebliche Wandlung einsetzte, ist unklar. Als Agca 1985 - zwei Jahre nachdem ihm Papst Johannes Paul II. während eines Besuchs in seiner Zelle vergeben hatte - als Kronzeuge gegen die mutmaßlichen Hintermänner auftrat, sprach er ins Mikrofon: "Das Papst-Attentat ist an das dritte Geheimnis der Jungfrau von Fatima geknüpft. Ich bin die Reinkarnation von Jesus Christus. Ich kündige das Ende der Welt an."

Dem Vernehmen nach will Agca nun den Nachfolger Johannes Paul II., Benedikt XVI., treffen. Agcas Anwalt Mustafa Demirbag beschäftigt sich derweil mit anderen Fragen. Nach seiner Entlassung muss sich sein 48-jähriger Mandant beim türkischen Militär melden, weil er seine Wehrpflicht noch nicht erfüllt hat. Laut dem Anwalt ist Agca zwar gesund, doch hoffe er, untauglich geschrieben zu werden. Die vermeintliche Reinkarnation Jesu Christi beim türkischen Militär - eine seltsame Vorstellung.

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