Mordurteil gegen Ali B. Noch lange gefährlich

Lebenslange Freiheitsstrafe mit besonderer Schwere der Schuld: Für den Mord an der 14-jährigen Susanna bekommt Ali B. das härteste Urteil. Die Erfolgschancen einer Therapie sieht der Richter pessimistisch.

Ali B. vor Gericht: Das Urteil heißt lebenslang
Ronald Wittek/Getty Images

Ali B. vor Gericht: Das Urteil heißt lebenslang

Von , Wiesbaden


"Ich mache mir bis heute schwere Vorwürfe, ich kann mir das immer noch nicht verzeihen."

Diesen Satz hält Richter Jürgen Bonk zu Beginn seiner fast dreistündigen Urteilsbegründung lange in der Schwebe. Es ist ein Satz, wie man ihn von einem Täter erwarten würde, der zumindest leise Anzeichen des Bedauerns empfindet. Gesagt hat ihn aber nicht Ali B., der 22-jährige Mörder der 14-jährigen Susanna F. aus Mainz. Sondern deren Mutter.

Immer wieder wendet sich der Richter an Diana F., um ihr wenigstens ansatzweise das "diffuse Gefühl des mütterlichen Versagens" zu nehmen. Er zeichnet das Bild eines eher "schüchternen und stillen" Mädchens aus "komplett normalen bürgerlichen" Verhältnissen, das erste soziale Kontakte außerhalb schulischer und familiärer Kreise knüpfte - und dabei an jenen jungen Mann geriet, der nun vom Landgericht Wiesbaden zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Gleich beim ersten Ausflug mit einer Freundin ins benachbarte Wiesbaden lernte Susanna in einer McDonald's-Filiale eine Gruppe junger Flüchtlinge kennen, zu denen auch ein jüngerer Bruder von Ali B. gehörte. Susanna war "glücklich" über die neuen Freunde und teilte dieses Glück auch mit der Mutter, zu der sie eine "enge, innige und vertrauensvolle" Beziehung hatte.

Die gute Schülerin verliebte sich in den jüngeren Bruder, schwänzte häufiger die Schule, um mit der Clique aus Gleichaltrigen zu "chillen". Die Liebe war unerwidert, das Schwänzen flog auf. Die Mutter redete mit ihrer Tochter über beide Probleme. Und verbot ihr auch nicht die harmlosen Expeditionen ins Erwachsensein, die Ausflüge nach Wiesbaden.

Selbst Kumpels hatten kein gutes Gefühl bei ihm

Dort war es Ali B., der sich nach Aussage aller Zeugen und Auffassung des Gerichts mit maximalem "Manipulationsgeschick" an das Mädchen heranmachte. Vergeblich. Sexuell war Susanna so unerfahren wie altersgemäß desinteressiert. Auch konnte sie verbal sehr gut Grenzen ziehen. Vor Ali B. allerdings fürchtete sie sich. "Selbst die Jungs aus der Flüchtlingsgruppe", wendet sich der Richter an Ali B., "hatten kein gutes Gefühl bei Ihnen - und das sind keine Unschuldslämmer".

Nebenbei wischt der Richter die Strategie der Verteidigung vom Tisch, der Täter sei selbst ein Opfer zerrütteter Verhältnisse. Ali B. sei es im kurdischen Teil des Iraks auch laut eigener Aussage sehr gut gegangen. Als ältester Sohn unter acht Geschwistern sei er regelrecht "verhätschelt" worden und habe schon damals ein Leben "selbstbezogener Bedürfnisbefriedigung" geführt.

Nach frühem Abgang von der Schule arbeitete Ali B. drei Jahre in einer Zollstation, wo er Tee und Kaffee kochte. 2015 kam die Familie auf Betreiben der Mutter nach Deutschland mit seinen "deutlich anderen kulturellen Maßstäben", zu denen auch, so der Richter, vergleichsweise liberale, eben westlich geprägte "Regeln hinsichtlich des Umgangs der Geschlechter untereinander" gelten.

Ausführlich geht Bonk auf das "menschenverachtende" Frauenbild des Ali B. ein, der von seinen beiden festen Freundinnen unbedingte Treue erwartete, während er selbst im Internet und im Alltag auf der Suche nach anderen Mädchen gewesen sei, namentlich Jungfrauen. Wer einen westlichen Lebensstil führte, galt bei ihm als "Schlampe".

Gegenüber seiner psychiatrischen Gutachterin, die ihm eine "dissoziale Persönlichkeitsstörung mit psychopathischen Zügen" attestierte, fiel der Satz: "Ich hab' doch nur ein Mädchen totgemacht." Dieser Umgang mit Frauen sei "weder im Irak noch in Deutschland gesellschaftlich akzeptiert oder toleriert", so der Richter.

Detailliert schildert Jürgen Bonk die "außergewöhnliche Intensität in Planung und Ausführung" der Tat am 22. Mai 2018. Ali B. hatte demnach bereits Wodka und Energy-Drinks getrunken, als er gegen 18.30 Uhr zur Gruppe stieß. Er wusste, dass Susanna in Gesellschaft seines jüngeren Bruders war. An diesem Abend isolierte er das Mädchen sukzessive und systematisch von seiner Bezugsgruppe - zuletzt auch von seinem jüngeren Bruder, dem Susanna vertraute.

Er würgte sie mehrere Minuten

Was nach Mitternacht geschah, kann die Kammer nur anhand der Aussagen des Täters, gerichtsmedizinischer Gutachten und einer Ortsbegehung rekonstruieren. Demnach führte Ali B. das verängstigte Mädchen an eine "uneinsichtige Stelle" unweit seiner Flüchtlingsunterkunft in Wiesbaden-Erbenheim und vergewaltigte es. Susanna, macht der Richter deutlich, war in diesem hoffnungslosen Szenario ohne jede Chance auf Gegenwehr. "Das Kind musste sich ohnmächtig fügen."

Danach, sagt der Richter an Ali B. gewandt, "wurde Ihnen klar, dass das jetzt ein richtig großes Problem wird". Möglicherweise drohte Susanna mit der Polizei. Ali B. nahm ihr das Smartphone ab und zwang sie zur Herausgabe ihrer PIN. Auch nach der Vergewaltigung war die 14-Jährige "vollkommen arglos" im Hinblick auf das Bevorstehende. "Und diese Bilder", so der Richter zu Ali B., "müssen in Ihrem Kopf eigentlich noch vorhanden sein".

Ali B. fiel Susanna von hinten an und würgte sie "mehrere Minuten", bis sie sich nicht mehr bewegte. Dann verscharrte er den Körper in einem flachen Loch. Zwei Wochen später wurde die Leiche gefunden.

Im Anschluss an diesen "Mord mit Heimtücke zur Verdeckung einer Straftat" gab sich der Täter im Chat mit der Mutter als Susanna aus, die angeblich mit einem Freund nach Paris durchgebrannt sei. Nach einer kurzen Flucht in den Irak wurde Ali B. gefasst und nach Deutschland ausgeliefert.

In seinem Urteil stellt das Gericht nun auch die besondere Schwere der Schuld fest - damit scheidet in der Regel eine Entlassung nach 15 Jahren aus. Eine anschließende Sicherungsverwahrung werde beizeiten geprüft. Ali B. nimmt das Urteil regungslos zur Kenntnis.

Hintergrund
Lebenslange Freiheitsstrafe

Die höchste Strafe, die ein Gericht in Deutschland verhängen kann. Bei Mord ist sie zwingend vorgeschrieben. Aber auch bei anderen besonders schlimmen Verbrechen, etwa Vergewaltigung mit Todesfolge, kann das Urteil "lebenslang" lauten. Im strengen Wortsinn wird der Täter damit endgültig eingesperrt. Mit Blick auf die Menschenwürde muss er aber eine konkrete Chance haben, später wieder freizukommen. Die lebenslange Freiheitsstrafe kann daher nach frühestens 15 Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden. Der Täter kommt aber nur frei, wenn man ihn dann als nicht mehr gefährlich ansieht. Dafür wird ein Gutachter hinzugezogen und das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung berücksichtigt.

Besondere Schwere der Schuld

Die vorzeitige Entlassung auf Bewährung nach 15 Jahren scheidet in der Regel aus, wenn das Gericht im Urteil die "besondere Schwere der Schuld" festgestellt hat. Die Richter müssen hierzu Tat und Persönlichkeit des Täters würdigen. Sie prüfen, ob Umstände vorliegen, die das Aussetzen der lebenslangen Freiheitsstrafe nach 15 Jahren unangemessen erscheinen lassen. Das können etwa ein besonders brutales Vorgehen, sadistische Motive des Täters oder die Ermordung mehrerer Menschen durch eine Tat sein. Wird die besonders schwere Schuld festgestellt, muss die Strafvollstreckungskammer nach 15 Jahren die weitere Mindesthaftdauer festlegen. Auch in diesem Fall kommt der Verurteilte erst dann frei, wenn er nicht mehr als gefährlich gilt - vorausgesetzt, er selbst will freikommen.

Sicherungsverwahrung

Unter bestimmten Voraussetzungen kann das Gericht neben einer Freiheitsstrafe anschließende Sicherungsverwahrung anordnen. Sie kommt sowohl bei lebenslangem als auch bei kürzerem Freiheitsentzug in Betracht. Dies dient allein dem Schutz der Allgemeinheit vor gefährlichen Tätern. Sicherungsverwahrte müssen getrennt von den Gefangenen untergebracht werden. Sie haben bessere Alltagsbedingungen und werden intensiv betreut. Es wird regelmäßig geprüft, ob die Unterbringung noch erforderlich ist.

Die Anordnung der Sicherungsverwahrung neben einer lebenslangen Freiheitsstrafe wirkt eigentlich überflüssig. Denn solange der Täter gefährlich ist, muss er im Gefängnis bleiben. Und ist er nicht mehr gefährlich, kommt er nicht in Sicherungsverwahrung, sondern nach frühestens 15 Jahren auf Bewährung frei. Die Entscheidung ist trotzdem nicht sinnlos: Dem Täter muss dann schon im Gefängnis eine umfassende therapeutische Betreuung angeboten werden. Außerdem kann er nach seiner möglichen Entlassung länger und intensiver überwacht werden.

Sonderfall bei Heranwachsenden

Wer bei einer Straftat schon volljährig, aber noch nicht 21 Jahre alt war, muss sich als sogenannter Heranwachsender in einem Jugendstrafverfahren verantworten. Stellt das Gericht fest, dass der Täter in seiner Entwicklung einem Jugendlichen gleichstand, kann es höchstens zehn Jahre Jugendstrafe verhängen, bei einem Mord und besonders schwerer Schuld bis zu 15 Jahre. Wenn die Richter keine Reifeverzögerung sehen, wenden sie normales Erwachsenenstrafrecht an. Selbst dann dürfen sie den Täter bei Mord statt zu lebenslanger Freiheitsstrafe zu zehn bis fünfzehn Jahren verurteilen. Sicherungsverwahrung darf bei Heranwachsenden nicht neben der Strafe angeordnet werden, das Gericht darf sich diese lediglich "vorbehalten". Die eigentliche Entscheidung wird dann erst kurz vor Ende des Strafvollzugs getroffen.

Mit Blick auf die verschärfte gesellschaftliche Debatte nach der Tat und auf den Täter unterstreicht der Richter, der Fall habe "nichts zu tun mit Ihrer Nationalität und auch nichts mit Ihrem Flüchtlingsstatus", nichts mit der Religion oder kulturellen Herkunft: "Ihr Verhalten ist auf Ihre Persönlichkeit zurückzuführen."

Die Möglichkeit einer Therapie sei "mit großem Pessimismus zu betrachten", mit weiteren Taten "höchstwahrscheinlich zu rechnen". Der eklatante "Empathiemangel" des Täters sei "in jeder Sekunde des Hauptverfahrens zutage getreten". Es könne auch künftig "jeden treffen, der in den Fokus Ihrer Bedürfnisbefriedigung gerät".

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