Rente der toten Freundin kassiert Bittere Tomaten

Eine Frau aus Hessen vergräbt ihre tote Freundin im Garten und kassiert neun Jahre deren Rente. Wie eine Witwe zur eiskalten Betrügerin werden konnte.

Amtsgericht Alsfeld
Bert Bostelmann

Amtsgericht Alsfeld

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Als ihre Freundin starb, grub Marie-Luise S. auf ihrem Grundstück in der Friedhofstraße im hessischen Grebenhain ein Loch, legte die Leiche hinein, schüttete es zu und bepflanzte es mit Tomatensetzlingen.

Elf Jahre später schiebt sich Marie-Luise S. über einen Rollator gebeugt in Saal 1 des Amtsgerichts Alsfeld, einer Kleinstadt im Vogelsbergkreis zwischen Gießen und Bad Hersfeld. Eine Frau, 75, mit dichtem, aschblond-ergrautem Haar und kleinen müden Augen.

Diese Frau hat jahrelang den Tod ihrer Freundin verschwiegen, deren Rente und Pflegegeld kassiert und sich auf diesem Weg 135.653,90 Euro erschlichen. Die Obduktion der Leiche ergab keine Hinweise auf Fremdeinwirkung, sodass die Ermittler von einem natürlichen Tod ausgehen; das Vergraben im Garten ist eine Ordnungswidrigkeit, die verjährt ist. Angeklagt ist Marie-Luise S. wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Betrugs.

Das Gericht hatte zu klären, ob Marie-Luise S. die Verstorbene verscharrte, um sich zu bereichern, eine Art Freundeslohn für die jahrelange Pflege. Oder begrub sie ihre Freundin aus Panik, weil sie fürchtete, man würde sie für deren Tod verantwortlich machen, ohne an das Geld zu denken? Und wie ist es überhaupt möglich, Pflegegeld zu beziehen, wenn der Bedürftige seit Jahren nicht mehr am Leben ist?

Kammer in Alsfeld: Schöffin Kreuder, Richterin Knöß, Schöffe Pietsch
Bert Bostelmann

Kammer in Alsfeld: Schöffin Kreuder, Richterin Knöß, Schöffe Pietsch

Es ist die Geschichte eines Verbrechens aus Gelegenheit. Sie beginnt in den Siebzigern, als Marie-Luise S. aufhörte zu arbeiten, Bandscheibenvorfall. Sie war 31 Jahre alt. Sie habe Medizinisch-technische Assistentin (MTA) und Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA) gelernt, sagt sie, aber in diesen Berufen nie gearbeitet. Sie nahm, was kam: einen Job bei einer amerikanischen Pharmafirma in Fulda, wo ihre kranke Mutter lebte, die sie pflegen musste. Knapp 13 Jahre war sie dort beschäftigt.

1976 heiratete sie einen 15 Jahre älteren Mann, einen Beamten, der 1981 an Herzversagen starb. Da war die gemeinsame Tochter gerade zwei Jahre alt. Marie-Luise S. bekam Witwenrente, aber nicht das Haus. Das hatte der Ehemann nur dem Kind vererbt, ein Vermögensverwalter wurde bestellt.

Für Marie-Luise S. begann die finanzielle Talfahrt. Sie kam kaum über die Runden, immer wieder klingelte der Gerichtsvollzieher, der sich im Prozess noch gut an Marie-Luise S. erinnern kann. Doch es gab nichts zu pfänden, mehrfach leistete sie den Offenbarungseid. "Ich hab mich so durchgewurstelt", sagt Marie-Luise S.

Marie-Luise S. tut sich schwer, Einsicht zu zeigen

Über eine gemeinsame Bekannte lernte Marie-Luise S. 1989 Elise Weidmann kennen, die in einem Altenheim lebte, 65 Jahre alt, gesundheitlich angeschlagen, keine Angehörigen, mutterseelenallein. Marie-Luise S. holte sie zu sich. Ausgerechnet in ihrer prekären Situation, alleinerziehend, in finanzieller Not. Aus Nächstenliebe? Als Einnahmequelle?

"Nicht, weil ich das wollte, sondern weil sie das wollte, weil sie raus wollte aus dem Heim", sagt Marie-Luise S. Sie habe Mitgefühl empfunden für die Freundin.

Das Schöffengericht wird später feststellen: Die Witwe tat es aus Berechnung. Marie-Luise S. hatte es auf Elise Weidmanns Geld abgesehen, sonst nichts. Ja, Elise Weidmann habe ihr "auch mal was gegeben", räumt Marie-Luise S. vor Gericht ein. Das habe sie in den gemeinsamen Lebensunterhalt gesteckt. Die Richterin will es genau wissen: "Hat Ihnen das Geld von Frau Weidmann das Leben erleichtert?" Marie-Luise S. sträubt sich, sie schnauft. "Ja." Zögern. "Vielleicht." Marie-Luise S. tut sich schwer, Einsicht zu zeigen.

Mehrmals zogen die Frauen um, in den Neunzigern lebten sie auf einem Reitergestüt in Lauterbach. Marie-Luise S. versorgte Pferde, drei davon gehörten ihr.

"Es war nicht menschenwürdig"

Elise Weidmann habe im Reitstübchen gelegen, sagt eine Zeugin. Mehr Sattelkammer als Quartier: Vorne die Sättel, hinten der Bollerofen und das Bett, in dem die pflegebedürftige Frau hilflos lag. Das sei keine Wohnung gewesen, so die Zeugin, sondern ein Stall, ohne Bad, mit einer winzigen Kochnische und einer Außentoilette. "Da ist man rein mit Mist an den Stiefeln. Es war nicht menschenwürdig." Ihre Eltern hätten das Gesundheitsamt informiert. Es geschah: nichts. Elise Weidmann habe versichert, es sei alles in Ordnung.

Tat sie das freiwillig? In Marie-Luise S.' Wohnung fanden Ermittler einen Brief, den Elise Weidmann bereits 1991 geschrieben haben soll, und den Staatsanwalt und Gericht als Hilferuf interpretieren: Sie wolle in ein Heim, weg von Marie-Luise S., wo es nur einmal in der Woche warmes Essen gebe, nie warmes Wasser und wo der Strom abgestellt werde, weil die Rechnungen nicht bezahlt wurden.

Angeklagte Marie-Luise S.
Bert Bostelmann

Angeklagte Marie-Luise S.

Es gebe auch Briefe, in denen Elise Weidmann geschrieben habe, Marie-Luise S. sei ihr "Ein und Alles", behauptet die Angeklagte. Doch diese habe sie vernichtet. "Was soll ich denn damit?"

2003 zogen die beiden Frauen nach Grebenhain, rund 30 Kilometer von Fulda entfernt. Elise Weidmann war bereits so schwach, dass sie Marie-Luise S. eine Kontovollmacht erteilte. Nach Überzeugung des Gerichts baute sich Marie-Luise S. nun ein System auf, in dem das immer stärker werdende Abhängigkeitsverhältnis ihren eigenen Lebensunterhalt sicherte.

In der Nacht auf den 24. Januar 2005 starb Elise Weidmann, 81 Jahre alt, und Marie-Luise S. wurde zur Betrügerin. Sie behielt den Tod der Freundin für sich, informierte keine Behörde und kassierte die Rente, sie hatte ja die Kontovollmacht. Wie aber ist es möglich, dass die Pflegeversicherung, die alle sechs Monate den Gesundheitszustand kontrollieren muss, Geld für die Pflege zahlt, obwohl die Betroffene längst tot ist?

"Man vermutet doch nicht, dass da jemand im Garten liegt"

Das ist möglich, wenn Leute wie Roland H. dafür zuständig sind. Der ehemalige Mitarbeiter der Diakoniestation gibt vor Gericht kleinlaut zu, mehrfach bei Elise Weidmann vorbeigeschaut zu haben, ohne diese - wie vorgeschrieben - je persönlich angetroffen zu haben. Er begnügte sich mit einem Tässchen Kaffee in Marie-Luise S.' Küche, füllte den notwendigen Nachweis über einen Beratungseinsatz aus für die Bewilligung für weitere sechs Monate Pflegegeld.

"Ich bin so lange in der Gemeinde", sagt Roland H., "man vermutet doch nicht, dass da jemand im Garten liegt." Er habe immer geglaubt, was man ihm gesagt habe, etwa, dass Elise Weidmann unterwegs sei oder zu Besuch bei Verwandten in Österreich und Spanien. Eine bettlägerige Frau. Ja, das sei "wohl blauäugig" gewesen, sagt der Zeuge heute.

2009 wurde eine Kollegin von Roland H. erstmals misstrauisch, sie blieb hartnäckig. Da meldete Marie-Luise S. der Station: Elise Weidmann sei weggezogen. Die Pflegekasse bekam nun keine Bescheinigung mehr - aber zahlte weiterhin, insgesamt rund 55.000 Euro für eine Frau, die nicht mehr am Leben war.

Auch das Bundesausgleichsamt zahlte weiter eine Kriegsschadenrente für die im Krieg zerstörte Gastwirtschaft der Eltern. Jahr um Jahr musste Elise Weidmann auf den nötigen Formularen unterschreiben. 2005 fälschte Marie-Luise S. diese Unterschrift, gab sich als Elise Weidmann aus. Dann traute sie sich wohl nicht mehr, dennoch zahlte das Amt bis 2012 weiter, ohne Bestätigung. Insgesamt 74.313,08 Euro.

Man hat es Marie-Luise S. leicht gemacht, zu betrügen. Staatsanwalt Thomas Hauburger spricht von einem "Multiorganversagen" der zuständigen Einrichtungen. Er sei deshalb mit der Absicht in den Prozess gegangen, für Marie-Luise S. keine Haftstrafe zu fordern, sagt Hauburger in seinem Plädoyer und fordert am Ende doch zwei Jahre und zehn Monate Freiheitsstrafe. Er sei erstaunt, "wie man nur so kalt sein" könne. "Ich habe mich in Ihnen getäuscht, Frau S."

Staatsanwalt Thomas Hauburger
Bert Bostelmann

Staatsanwalt Thomas Hauburger

Staatsanwalt Hauburger hatte an einem Morgen im Juni 2014 mit zwei Vernehmungsbeamten bei Marie-Luise S. geklingelt und sie so lange befragt, bis sie ihm schließlich gestand, dass Elise Weidmann tot ist. Den Hinweis, dass die alleinstehende, seit 2003 extrem pflegebedürftige Frau nicht mehr am Leben sein könnte, hatte eine Gemeindemitarbeiterin gegeben.

Ihr inzwischen verstorbener Bruder habe einen Tag auf Elise Weidmann aufgepasst, behauptete Marie-Luise S. im Verhör, ausgerechnet da sei sie gestorben. Der Bruder sei in Panik geraten und habe die Frau vergraben. Er habe es ihr erst auf seinem Sterbebett gestanden, sagte Marie-Luise S. und führte den Staatsanwalt zu dem Grab im Garten. Dort fanden sie die Tote, skelettiert, verwest, eingehüllt in eine braune Wolldecke, über Beine und Kopf ein Plastiksack, dreifach mit Panzerband verklebt.

Auf der Dienststelle tischte Marie-Luise S. den Beamten andere Versionen auf. Eine ging so: Sie habe sich von der Panik ihres Bruders anstecken lassen und mit ihm gemeinsam Elise Weidmann vergraben. Ein schwer krebskranker, abgemagerter Mann und eine gehbehinderte Frau?

Das Gericht glaubt ihr nicht. Marie-Luise S. habe Unterstützung gehabt, das Begräbnis in der Nacht dirigiert - nur wer half ihr? Marie-Luise S. schweigt, sie gesteht nur das, was längst ermittelt wurde. Sie zeigt keinerlei Reue oder Bedauern. Die Vorsitzende und die Schöffen quittieren ihr Verhalten mit einer hohen Strafe: Wegen Betrugs im besonders schweren Fall soll Marie-Luise S. dreieinhalb Jahre in Haft: "Eine Gesamtfreiheitsstrafe zur Bewährung ist hier absolut abwegig und ausgeschlossen."

Raffgierig und selbstsüchtig

Marie-Luise S. nimmt das Urteil regungslos auf, ebenso die Begründung der Richterin Kathrin Knöß, die Marie-Luise S. als "sehr findige, aufgeklärte Frau" bezeichnet, raffgierig und selbstsüchtig. Eine, die Elise Weidmann "nicht aus mitmenschlichen, fürsorglichen Gründen", sondern aus purem Profit zu sich holte. Nach der Devise: "Die hat keine Angehörigen, aber ein vernünftiges Einkommen."

Elise Weidmann, eine hilfsbedürftige Frau, die nicht nur abhängig war von Marie-Luise S., sondern ihr regelrecht ausgeliefert. "Und nach jahrelanger Pflege sollte Schluss sein mit dem Geld?", ruft die Richterin: "Nein, haben Sie sich gedacht, Frau S.: Die verbuddeln wir im Garten!"

Es war ein Verfahren, das in wenigen Stunden hätte verhandelt werden können, Richterin Knöß aber zog es in die Länge und sparte nicht mit emotionalen, makabren Bemerkungen. Ihren Übereifer begründete sie so: Das Gericht wolle mit der detaillierten Aufklärung des Falls Elise Weidmann, die "so schändlich, bäuchlings verscharrt wurde, ohne ein vernünftiges Begräbnis", die letzte Ehre erweisen. Ist das die Aufgabe eines Gerichts?

Ob Marie-Luise S. in all den neun Jahren Skrupel hatte oder Sorge, aufzufliegen, bleibt ungeklärt. Sicher ist nur, dass sie für sich selbst ein ordentliches Begräbnis sicherstellen wollte. Über das Konto ihrer verscharrten Mitbewohnerin schloss sie dafür eine Sterbeversicherung ab.

Ob sie die Tomaten, die sie auf dem Grab ihrer Freundin gezogen hatte, gegessen habe, will die Richterin wissen. Sie möge keine Tomaten, sagt Marie-Luise S., sie habe sie an Nachbarn verschenkt.



insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
eimsbusher 09.04.2016
1.
Ich habe für diesen Betrug jedenfalls weitaus mehr Verständnis als für die Boni-Ritter von VW und sonstigen Aktiengesellschaften.
pb-sonntag 09.04.2016
2.
Das wirft eher ein Schlaglicht auf die wahre Situation der Rentner hier in Deutschland. Ich heiße das Verhalten nicht gut, aber wie groß muß die Not der Frau gewesen sein, dass sie zu derart drastischen Mitteln griff. Jetzt wird aber lieber die moralische Keule geschwungen.
sojetztja 09.04.2016
3.
>Es war ein Verfahren, das in wenigen Stunden hätte >verhandelt werden können, Richterin Knöß aber zog es >in die Länge und sparte nicht mit emotionalen, >makabren Bemerkungen. Ähnliches ließe sich auch über diesen Artikel sagen...
observerlbg 09.04.2016
4. Und wieviele vergleichbare Fälle...
...gibt es wohl noch in Europa? Millionen? Wie sagte Lenin noch? Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Aber wir sind ja alle soooo ehrlich. Nur die da Oben sind die Verbrecher (siehe Post #1).
aschu0959 09.04.2016
5. Eiskalte Betrügerin
Schon dieser Begriff ist eine Schande! Eins der reichsten Länder der Welt läßt eigene Bürger im Stich (ob "schuldhaft" oder unschuldig ist egal) und zwingt sie zum Betrügen ! Gleichzeitig werden Konzerne mit Milliardengewinnen subventioniert u./o. von der Steuer verschont, weil sie sich armrechnen dürfen oder das Geld an irgendwelche Briefkästen outsourcen, während Erben, Aktionäre und andere Superreiche ihre Vermögen steuersparend und straffrei ins Ausland schaffen können. Und die Politiker laden Habenichtse ein, die die Sozial-kassen belasten, den Wohnraum verknappen und die Billigstlohnarbeit (um nicht zu sagen Sklaverei) verschärfen. Ich kann nicht soviel fressen wie ich kot.... könnte!
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