Mordfall in Perugia Amanda Knox ist zurück in Italien

Eigentlich wollte Amanda Knox nie mehr nach Italien, wo sie erst wegen Mordes verurteilt, dann freigesprochen wurde. Doch nun weilt sie unter großem Medienrummel in Modena - und plant einen großen Auftritt.

Antonio Calanni / AP

Unauffällig, helle Jacke über dunklem T-Shirt, Rucksack an der Schulter, die Haare hochgesteckt, verlässt Amanda Knox am Donnerstagvormittag den Mailänder Flughafen Linate. Wären da nicht Polizisten um sie herum und Reporter, die sie mit Fragen bestürmen, sie ginge als Urlauberin oder Studentin durch, so schildert es die italienische Nachrichtenagentur Ansa. Aber die 31-jährige Amerikanerin kommt nicht zum Relaxen oder zum Lernen, sie kommt, um die Deutungshoheit über ihr Leben zurückzugewinnen.

Traumatisiert hatte sie Italien im Herbst 2011 nach fast vier Jahren Haft verlassen. Sie war wegen Mordes an der englischen Studentin Meredith Kercher ursprünglich zu 26 Jahren Gefängnis verurteilt worden, gemeinsam mit ihrem damaligen Verlobten - ehe ein Berufungsgericht sie freigesprochen hatte. Auch zu Hause in den USA litt sie lange noch an Angstattacken. Wenn sie nur die Stimmen italienischer Touristen hörte, geriet sie in Panik, wie sie in einem Interview erzählte: "Ich assoziiere diese Sprache mit Schmerz, und das mag ich nicht".

"Nie wieder" wollte sie in das Land ihres Grauens zurück. Jetzt ist sie wieder mittendrin. Am Samstag wird sie der Stargast beim "festivalgiustiziapenale" in Modena sein, einer Veranstaltung der Strafkammer Modena und dem "Italy Innocence Project" der Universität Rom, das unschuldig Verurteilten helfen soll. Dort will sie über ihre mediale Vereinnahmung berichten, so Strafkammer-Präsident Guido Sola, und mit Experten diskutieren.

Amanda Knox und Christopher Robinson bei der Konferenz in Modena
Elisabetta Baracchi/ANSA via AP

Amanda Knox und Christopher Robinson bei der Konferenz in Modena

Vorab hat sie über ihr "surreales" und "unfreiwilliges" Leben unter permanenter medialer Beobachtung einen Essay geschrieben, unter dem Titel "Your Content, My Life" (etwa: "Eure Schlagzeilen, mein Leben"). "Das Leben mancher Menschen", schreibt sie laut "USA Today" darin, "mag eine große Story liefern, aber es bleibt deren Leben". Sie sei von ihren Anklägern als sexverrückte femme fatale dargestellt worden" und die Medien hätten es dankbar aufgenommen. "Knox wurde ein Medienspektakel" doch es liege "an uns, solche unverantwortlichen Medien nicht mehr zu konsumieren". Inzwischen ist sie selbst in den Medienbetrieb eingestiegen und arbeitet als Journalistin.

Es begann alles in der Nacht zum 2. November 2007, da wird die 21-jährige englische Erasmus-Studentin Meredith Kercher in ihrer Wohnung in Perugia erst gefoltert, dann ermordet. Die polizeilichen Ermittlungen sind ein Fiasko, die juristischen Ermittlungen enden dürftig, aber der Staatsanwalt ist sicher: Amanda Knox, die sich die Wohnung mit dem Mordopfer teilte, habe die junge Engländerin getötet, gemeinsam mit ihrem italienischen Freund Raffaele Sollecito und Rudy Guede, einem Einwanderer von der Elfenbeinküste, der von kleinen Drogengeschäften lebt.

"Erwiesene Unschuld"

Während des Verfahrens belastet Knox erst diesen und jenen, verwickelt sich in Widersprüche, wird schließlich als Haupttäterin angeklagt. Sie habe eiskalt und aus "nichtigen Motiven" gemordet, weil sie einen Hass auf "diesen Unschuldsengel" Kercher in sich trug, so der Staatsanwalt damals. Die beiden Mitangeklagten seien mitgerissen worden.

Im Dezember 2009 werden Knox und Sollecito verurteilt, im Oktober 2011 spricht sie das Berufungsgericht frei. Ein Zellengenosse Guedes habe gesagt, der habe ihm offenbart, dass die beiden unschuldig seien. Zwei Tage später kehrt die Amerikanerin in die USA zurück, nach knapp vier Jahren im Gefängnis.

Im März 2013 hebt das Kassationsgericht, die letzte Instanz, angerufen von der Familie des Opfers und der Staatsanwaltschaft, den Freispruch auf. Der Prozess soll neu aufgerollt werden. Im März 2015 spricht der Oberste Gerichtshof Italiens Sollecito und Knox endgültig vom Vorwurf des Mordes frei, "wegen erwiesener Unschuld". Knox wird wegen Verleumdung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt - eine Strafe, die sie bereits abgesessen hat. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte stellt fest, dass Italiens Justiz Rechte der Angeklagten - etwa durch Verweigerung eines Dolmetschers und eines Anwalts bei den Verhören - eklatant verletzt habe.

Knox polarisiert noch immer

Am Ende sitzt nur Guede, der "Mittäter" aus Afrika, in der Zelle. Mit wem zusammen er das Verbrechen begangen haben soll, bleibt offen.

Die Öffentlichkeit, die Medien, das Netz reagieren 2015 genauso wie heute: Amanda Knox' Geschichte und Person polarisieren. Sie zieht Helfer und Beschützer an, die ganz sicher sind, so wie Knox könne keine Mörderin aussehen, die junge Frau müsse ein Opfer von Justiz, Neid und Verleumdung sein.

Bei anderen weckt dasselbe Gesicht - das "mit den Eisaugen" - geradezu hasserfüllte Emotionen. "Italien will dich nicht", kommentiert jemand ihre Reise nach Modena auf der Knox-Instagram-Seite, "krieche dorthin zurück, wo du hergekommen bist und lass die Familie von Meredith in Frieden". Ein anderer zürnt: "Du hast einen unschuldigen Schwarzen in den Knast geschickt, während du in Freiheit lebst".

Knox im Gerichtssaal, ein Archivfoto von 2011
REUTERS

Knox im Gerichtssaal, ein Archivfoto von 2011

Auch Giuliano Mignini, der Staatsanwalt beim Berufungsprozess in Perugia, zeigt sich "überrascht" über den Italienbesuch seiner Ex-Angeklagten und ihre Kritik: Entweder sie habe das letztinstanzliche Gerichtsurteil - jenes, das ihren endgültigen Freispruch entschied - nicht kapiert oder nicht gelesen. Da werde auf den Seiten 45 bis 49 klar beschrieben, dass sie zum Zeitpunkt des Mordes am Tatort gewesen sei und Blutflecken des Opfers an sich hatte.

Andere nehmen ihr übel, dass sie mit ihrem Buch ("Zeit, gehört zu werden") Millionen verdient habe. Aber von den etwa 4 Millionen Dollar, die ein US-Verlag dafür gezahlt haben soll, ging wohl der größte Teil an Anwälte. Auch die PR-Berater, die den Kontakt zu bezahlten Interviews bei den großen US-Sendern herstellten, haben Geld kassiert.

Aufarbeitung oder Geltungsdrang

Überhaupt haben viele an der Tragödie verdient: Es gibt einen Film und etliche Bücher. Eines vom Mitangeklagten Sollecito, zum Beispiel, (Titel: "Honor Bound - Meine Reise mit Amanda Knox in die Hölle und zurück") und sogar eines vom Vater des Opfers, John Kercher ("Meredith - Der Mord an unserer Tochter und die herzzerreißende Suche nach der Wahrheit"). Kercher attackiert darin den "Fastberühmtheitsstatus" von Amanda Knox, wogegen das Opfer, seine Tochter, fast in Vergessenheit geraten sei.

Das wird Amanda Knox wohl auch künftig kaum passieren, dafür sorgt nicht zuletzt sie selbst. Die aktuelle Medienumgebung, schreibt sie in ihrem Essay zur Italienreise, "lässt einem zwei Optionen: Alles privat zu halten oder sich den Medien gänzlich zu offenbaren, als Stoff für andere". Sie habe sich deshalb entschieden, Teile ihres Lebens medial zu offenbaren.

Dazu passt das jüngst publizierte Video. Es zeigt den Heiratsantrag ihres langjährigen Freundes Christopher Robinson, der dazu einen selbstgebastelten Meteoriten im Garten des Paares landen lässt, mit Musik aus dem Film "E.T.".



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.