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16. Dezember 2008, 08:57 Uhr

Amnesty-Bericht

Taser-Einsätze forderten Hunderte Tote

Harsche Kritik an Elektroschockern: Laut Amnesty International kamen in den vergangenen acht Jahren 334 Menschen bei Taser-Einsätzen der US-Polizei ums Leben. Die Verwendung der potentiell tödlichen Waffen müsse rigoros beschränkt werden, fordern die Menschenrechtler.

Hamburg - "Nicht-tödliche Waffen" oder auch "weiche Waffen" werden Taser in den Vereinigten Staaten genannt. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International warnt nun aber vor den tödlichen Gefahren der Elektroschocker. "Die Elektroschocker sollten - wenn überhaupt - nur als letztes Mittel eingesetzt werden", sagte Mathias John, Rüstungsexperte von Amnesty Deutschland am Dienstag. Ein Problem solcher Einsätze sei das "hohe Missbrauchsrisiko". Auf Knopfdruck könnten den Opfern "fast ohne Spuren wieder und wieder starke Schmerzen verursacht werden".

Amnesty zufolge starben zwischen 2001 und August 2008 in den USA 334 Menschen in Zusammenhang mit Taser-Einsätzen. Die Studie der Menschenrechtsorganisation stützt sich auf 98 Autopsien und kommt zu dem Schluss, dass 90 Prozent der nach einem Taser-Einsatz Verstorbenen nicht bewaffnet waren und von ihnen häufig keine unmittelbare Bedrohung ausging.

In manchen Fällen wurde ein weiterer Elektroschock verabreicht, weil die Zielperson nach dem ersten Einsatz gelähmt war und nicht auf Anweisungen reagiert hatte. Der Vorwurf der Menschenrechtler: Die US-Polizei habe Taser auch gegen Kinder, schwangere Frauen und Menschen mit Altersdemenz eingesetzt.

In mindestens sechs Todesfällen wurde ein Taser gegen Menschen mit neurologischen Problemen eingesetzt: so beispielsweise gegen einen Arzt, der nach einem Autounfall einen epileptischen Anfall erlitt. Er starb nach mehreren Elektroschocks, nachdem er, verwirrt und benommen, den Befehlen der Polizisten nicht nachkam.

Es sei besorgniserregend, dass solche Waffen überhaupt eingesetzt würden, ohne dass es vorher umfassende und unabhängige Untersuchungen über die möglichen Auswirkungen gegeben habe, sagte Rüstungsexperte John. Dies gelte auch für Deutschland, wo die Polizei Taser in mehreren Bundesländern einsetze.

Bei einem Taser werden ähnlich wie bei einer Pistole Elektroden an einer langen Schnur abgefeuert, die am Körper des Getroffenen haften bleiben. Über die Kabelverbindung wird dann der Strom übertragen. Die Waffen setzen eine Ladung von 50.000 Volt frei. Dadurch wird das Nervensystem beeinträchtigt und der Gegner für mehrere Sekunden bewegungsunfähig gemacht.

Die Taser-Einsätze konnten in 50 Fällen als direkte oder indirekte Todesursache ausgemacht werden. In den meisten der untersuchten 334 Todesfälle hätten allerdings auch Faktoren wie Drogen eine Rolle gespielt, hieß es.

ala/AFP/dpa

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