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06. April 2016, 06:52 Uhr

Amnesty-Jahresbericht zu Hinrichtungen

Der Staat als Henker

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2015 wurden laut Amnesty International so viele Menschen exekutiert wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr - vor allem in China, Iran, Pakistan und Saudi-Arabien. Aber es gibt auch gute Nachrichten.

Sie wurden geköpft, gehängt, erschossen oder bekamen die Giftspritze: Mehr als 1600 Menschen sind im vergangenen Jahr von Staaten hingerichtet worden - und damit über 50 Prozent mehr als noch im Jahr davor. Das geht aus dem Jahresbericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zu Hinrichtungen und Todesurteilen hervor.

Auf 77 Seiten dokumentiert die Organisation, wo auf der Welt sich Länder zum Richter über Leben und Tod machen:

Die gestiegene Zahl der Hinrichtungen bezeichnete Amnesty-Experte Oliver Hendrich als "Besorgnis erregend und verstörend". Viele Todesurteile wurden nach Prozessen verhängt, die rechtsstaatlichen Kriterien nicht genügten. Im Irak wurden Geständnisse vor Prozessbeginn im Fernsehen gezeigt. Zahlreiche Urteile basierten auf erfolterten Aussagen, etwa in Bahrain, Nordkorea und Saudi-Arabien.

Viele Länder reagieren mit Hinrichtungen auf "tatsächliche oder vermeintliche Bedrohungen der staatlichen und öffentlichen Sicherheit", heißt es in dem Bericht. Auch wollten Staaten mit Exekutionen Terroristen abschrecken - obwohl die erhoffte Abschreckungswirkung nicht belegt sei.

Keine Zahlen aus China

Die Daten in dem Report stammen von Behörden, Angehörigen von Hingerichteten, Anwälten, Medienberichten und Bürgerrechtsorganisationen. Die Zahlen sollten als Minimalangaben verstanden werden - als Menge der verifizierten Exekutionen.

Nicht nur deshalb liefert der Bericht allenfalls ein lückenhaftes Bild. Aus Ländern wie Syrien gibt es keine zuverlässigen Berichte. Und China behandelt die Zahl der Hinrichtungen seit geraumer Zeit als Staatsgeheimnis. Belastbare, öffentlich verfügbare Zahlen gibt es deshalb nicht.

"Wir vermuten, dass China wieder mehr Hinrichtungen ausführen ließ als der gesamte Rest der Welt zusammen", sage Hendrich. Dies würde bedeuten, dass es im vergangenen Jahr weltweit mehr als 3200 Exekutionen gab. Andere Experten gehen von schätzungsweise 2400 Hinrichtungen in China aus - dies würde eine Mindestzahl von weltweit 4000 Hinrichtungen bedeuten.

Amnesty-Generalsekretär Silal Shetty sagte, China prüfe derzeit, welche Vergehen mit dem Tod bestraft werden sollten. Es gebe daher einen "kleinen Hoffnungsschimmer", dass die Zahl der Hinrichtungen sinken werde.

Todesstrafe in 140 Ländern de facto abgeschafft

Für Gegner der Todesstrafe mag der Report ernüchternd klingen. Aber Amnesty vermerkt auch positive Entwicklungen. Die Zahl der Länder, die die Todesstrafe abgeschafft haben, stieg im vergangenen Jahr auf den Rekordwert von 102. Neu hinzu kamen die Republik Kongo, Fiji, Madagaskar und Surinam.

Nimmt man die Länder hinzu, die seit zehn Jahren niemanden mehr hingerichtet haben, ist die Todesstrafe de facto sogar in 140 Ländern abgeschafft. Rund zwei Drittel aller Länder weltweit faktisch ohne Todesstrafe - das ist bemerkenswert.

1977 war die Todesstrafe dem Bericht zufolge nur in 16 Ländern abgeschafft, 15 Jahre später in 60. Zugleich ist seit 1996 die Zahl der Länder, die Leute hingerichtet haben, gesunken: von 39 auf 25.

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Mit Material von dpa

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