Amokläufer Cho Seung-Hui Wie ein Einzelgänger zum Massenmörder wurde

Er schrieb morbide Theaterstücke, machte anderen Studenten Angst, eine Professorin warnte sogar vor ihm: Immer mehr Details über den Amokschützen von Blacksburg werden enthüllt. Kommilitonen und Lehrkräfte zeichnen ein düsteres Psychogramm von Cho Seung-Hui - der offenbar seine Tat im Internet ankündigte.


Blacksburg - Cho Seung-Hui: Einzelgänger, Massenmörder. 1996 kam der gebürtige Südkoreaner in die USA, lebte zuletzt in Centreville im US-Bundesstaat Virginia - und in einem Wohnheim auf dem Campus der Virginia Tech University, in Harper Hall. Er studierte Englisch im Hauptfach. Und er richtete das schlimmste Massaker auf einem Uni-Campus in der Geschichte der USA an.

Zehntausende Menschen nahmen bei einer großen Trauerfeier einen Tag nach der Tat Abschied von den Opfern des Massakers - mit Wut und tröstenden Worten des US-Präsidenten. Und alle fragten sich: Welches Motiv hatte der Massenmörder?

Wirklich gekannt hat Cho Seung-Hui offensichtlich kaum jemand. Selbst seine Zimmergenossen im Wohnheim, die fast ein Jahr lang nur ein paar Meter entfernt von ihm schliefen, wissen wenig über Cho Seung-Hui zu berichten. "Ich kannte ihn nicht gut", sagte Zimmernachbar Joe Aust, 19, der "New York Times". Cho habe kaum gesprochen. Ein weiterer Bewohner in der Studenten-WG, Karan Grewal, bezeichnete ihn als Eigenbrötler, der allein beim Essen in der Mensa saß und alle Versuche abblockte, eine Freundschaft aufzubauen. Mit einer Freundin oder Kumpels wollen sie ihn nie gesehen haben.

Cho sei oft fort gewesen. Wenn er im Wohnheim war, habe er meist am Computer gesessen und Musik heruntergeladen, sagte Aust der "New York Times". Rock, Country, Pop, nichts Auffälliges. Den PC hätten die Fahnder nun mitgenommen. "Oft, wenn ich in unser Zimmer kam, saß er einfach nur da, an seinem Schreibtisch, und starrte ins Leere." Cho habe immer einsilbige Antworten gegeben und kein Gespräch zugelassen. Gruselig sei die Stille manchmal gewesen. Für gefährlich hatten die Mitbewohner Cho nicht gehalten. Nur für seltsam.

Professorin bat den Attentäter, sich helfen zu lassen

Einige Kommilitonen allerdings sagen nun, Cho sei ihnen schon früher unheimlich gewesen. Ein ehemaliger Student namens Ian MacFarlane hat zwei Theaterstücke ins Internet gestellt, die Cho im vorigen Jahr in einem Englischkurs geschrieben haben soll. Es geht um den Wunsch, einen Lehrer und einen Stiefvater zu töten. "Wie aus einem Alptraum" seien die Stücke gewesen, voller verquerer makaberer Gewalt mit Waffen. Niemand aus der Klasse habe sich getraut, seine Meinung zu Chos Werken zu sagen, selbst Lehrkräfte hätten sich zurückgehalten. Auch andere Kommilitonen nannten Chos Stücke "morbid" und "grotesk".

Englisch-Professorin Lucinda Roy war laut "Washington Post" über Cho so besorgt, dass sie die Universitätspolizei und die Verwaltung warnte. Weil er aber keine direkten Drohungen ausstieß, habe die Universitätsspitze bei allem Verständnis für Roys Warnungen keine Chance gesehen, gegen ihn vorzugehen. Sie habe Cho aus der Klasse genommen, ihm Einzelunterricht gegeben und immer wieder gesagt: "Bitte geh in eine Beratung, ich werde dich dort hinbringen." Der Student sei deprimiert gewesen. Das hätten auch seine "sehr verärgerten" Stücke gezeigt, sagte Roy dem Sender NBC. Aber Cho wollte sich der Professorin zufolge nicht helfen lassen.

Spekulationen über ein Beziehungsdrama

Gestern Morgen um 5.30 Uhr begegnete Karan Grewal seinem Mitbewohner Cho ein letztes Mal. Cho sei, wie üblich in T-Shirt und Boxershorts, ins Bad gegangen und habe sein Morgenritual vollzogen, sagte Grewal der "Los Angeles Times": "Eincremen, Kontaktlinsen einsetzen, Medikamente nehmen". Grewal legte sich nach einer durchlernten Nacht schlafen, Cho blieb wach.

Der gestrige Tag, der 16. April 2007, ist der vielleicht am besten dokumentierte im Leben des 23-Jährigen. An diesem Tag zückte er zwei Waffen und schoss sich durch den Campus seiner Uni. 32 Studenten und Lehrkräfte sind tot, etliche weitere verletzt. Schließlich feuerte er sich selbst in den Kopf.

Bloß, warum? Was trieb den 23-Jährigen zum Massenmord?

Es könne sich um ein Beziehungsdrama handeln, lauten erste Vermutungen. Sein erstes Opfer im Wohnheim West Ambler Johnston war eine Frau, angeblich seine Freundin. Nach Angaben von US-Nachrichtenagenturen handelte es sich um Emily Hilscher, 18 (siehe Fotostrecke unten). Bestätigt ist das allerdings offiziell noch nicht. Das zweite Opfer, Ryan Clark, war mit seinen 22 Jahren der Wohnheimsälteste, er sei der Frau zur Hilfe geeilt berichteten Augenzeugen der "New York Times". Auch dazu schweigt die Polizei. Die Website oddculture.com berichtet indes, Cho habe offenbar eine Romanze zwischen Hilscher und Clarke vermutet. Cho und Hilscher seien nicht mehr zusammen gewesen, das habe Cho nicht verkraftet. Auch dies ist allerdings nur Hörensagen.

Was wiederum gegen eine Kurzschlussreaktion spricht - möglicherweise ausgelöst durch Beziehungsstress oder Liebeskummer: Die erste Waffe, eine 9-Millimeter-Glock, kaufte er schon am 13. März. Die zweite, eine Walther P-22, dann in der vergangenen Woche. Das deutet darauf hin, dass er die Tat seit längerem geplant hat.

Nach den ersten Schüssen um 7.15 Uhr im Wohnheim West Ambler Johnston rannte Cho Seung-Hui zurück in sein Wohnheimzimmer, habe Waffen und Munition aufgefüllt. Dann sei er in Richtung des Lehrgebäudes Norris Hall gelaufen, berichtet ABC News. In seinem Zimmer soll er eine Botschaft hinterlassen haben. Eine "verstörende Nachricht", wie ABC News seine ungenannte Quelle zitiert. Gehetzt habe er in dem Schreiben gegen "reiche Kinder, Lotterleben, Scharlatane". "Ihr habt mich gezwungen, das zu tun."

Im Internet soll er die Tat angekündigt haben

Die "Los Angeles Times" berichtet, Cho habe sich vor dem Angriff sogar die Zeit genommen, in einem Forum auf der Website der Uni eine Nachricht zu posten. "Ich werde heute Leute an der vtech (Virginia Tech, Anm. d. Red.) umbringen", habe Cho geschrieben.

Die neusten Gerüchte: Er habe Medikamente gegen Depressionen geschluckt, sei zunehmend aggressiv geworden. Die "Chicago Tribune" berichtete, Cho sei in letzter Zeit durch seltsames Verhalten aufgefallen. Er sei "aggressiv und verwirrt" aufgetreten, habe Frauen nachgestellt und in einem Wohnheim Feuer gelegt, erfuhr die Zeitung von Ermittlern. Die Polizei schweigt offiziell bislang dazu. Einen Strafzettel wegen zu schnellen Fahrens allerdings haben die Beamten laut "L.A. Times" in den Akten.

Fest steht: Zwei Stunden nach den ersten Morden metzelte Cho in Norris Hall 30 Menschen nieder.

Im Vorlesungstrakt für Ingenieurfächer wütete er in mindestens vier Seminarräumen, schoss wild um sich. Gegen 9.45 Uhr fielen dort die ersten Schüsse. Die Türen der Norris Hall versperrte der Täter von innen mit Ketten.

Auch auf der Treppe fanden Polizeikräfte Leichen. Ein behandelnder Arzt aus einem der regionalen Krankenhäuser sagte CNN, alle Opfer hätten mindestens drei Schusswunden gehabt. Er nannte die Verletzungen "beträchtlich".

Der mutmaßliche Täter selbst tötete sich in einem der Seminarräume. Anhand der Fingerabdrücke auf den Waffen und Einreise-Unterlagen wurde Cho Seung-Hui überführt.

Nach Polizeiangaben verwendete der Amokläufer eine 9-Millimeter-Pistole des Herstellers Glock und eine Walther vom Kaliber .22. In Chos Rucksack wurde eine Quittung über den Kauf einer 9-Millimeter-Handfeuerwaffe gefunden. 571 Dollar soll die Waffe inklusive Munition gekostet haben. Laut "Chicago Tribune" besorgte sich Cho die Schusswaffen erst kurz vor der Tat. Die Neun-Millimeter-Pistole habe er sich erst am Freitag gekauft, berichtete ABC. Wenig später habe er sich eine 22-Millimeter-Waffe zugelegt. In seinem Rucksack habe sich weitere Munition befunden.

Die Patrone vom Kaliber 9 Millimeter Parabellum gilt als weltweit am weitesten verbreitete Pistolenmunition. Sie wurde 1902 von den Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken (DWM) eingeführt. Halbautomatische Pistolen und Maschinenpistolen des Kalibers 9 Millimeter gehören zur Standardausrüstung von Polizei- und Militäreinheiten weltweit. Munition vom Kaliber .22 (5,6 Millimeter) wird auch als Kleinkalibermunition bezeichnet. Sie findet oft in Wettkampfwaffen und bei der Kleintierjagd Verwendung. Trotz seines kleinen Durchmessers kann das Geschoss auf kurze Distanz aber auch größere Tiere und Menschen töten.

Nach Augenzeugenberichten stürmte der Schütze in einen Seminarraum und gab in eineinhalb Minuten 30 Schüsse ab. Zuerst habe er einem Professor in dem Kopf geschossen, dann habe er die Waffe auf die Studenten gerichtet. "Er war sehr ruhig, schien aber sehr darauf bedacht zu sein, auch wirklich jeden zu treffen", erzählt die Studentin Erin Sheehan später, die den Amoklauf als einzige von 25 Studenten, die in diesem Raum waren, unverletzt überlebte. Nach ihrer Schilderung kam der Täter zwei Mal in den Raum, in dem sie gerade einen Deutsch-Kurs hatten. "Er hat einfach angefangen zu schießen, ich habe mich einfach nur tot gestellt."

Die Theorie von einem möglichen zweiten Täter wird immer unwahrscheinlicher: Laut Polizei hat die ballistische Untersuchung ergeben, dass mindestens eine der beiden Waffen an beiden Tatorten, Norris Hall und West Ambler Johnston, benutzt wurde. Dass Cho wirklich ein Einzeltäter war, sei allerdings auch noch nicht zweifelsfrei bewiesen.

Chos Eltern leben in Centreville nahe der Bundeshauptstadt Washington, über 700 Kilometer vom Tatort entfernt, und sollen eine Reinigung betreiben. Chos Schwester ist laut "Los Angeles Times" eine Absolventin der Eliteuni Princeton. Der Sender CNN zeigte Bilder des makellos gestrichenen zweistöckigen Reihenhauses der Familie. "Cho war sehr ruhig, hat sich immer von anderen ferngehalten", zitierte die "Chicago Tribune" einen Nachbarn. Briefträger Rod Wells, der die Familie seit langem mit Post beliefert, beschrieb Mutter und Vater als stets freundlich und höflich. "Keine Eltern verdienen so etwas", sagte er sichtlich erschüttert.

ffr/Reuters/AFP/dpa/AP



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