Amokläufer Tim K. "Ein ganz normaler Teenager"

Harmlos, sympathisch, schüchtern - so beschreiben Bekannte Tim K., der 15 Menschen tötete. Bei der Mordserie in Winnenden und Wendlingen zeigte der 17-Jährige seine andere Seite: Selbstsicher habe er gewirkt, sagte eine Augenzeugin SPIEGEL ONLINE. "Als denke er, er tue genau das Richtige."

Winnenden - Sie hat sich sofort auf den Boden geschmissen, automatisch, als hätte sie das schon tausendmal durchgespielt. Dabei kapierte Sandra* erst, was los ist, als Tim K. in der Klassenzimmertür stand. Das Knallen, das schon zuvor zu hören war, "da dacht ich, jemand hätte irgendwas platzen lassen", sagt Sandra. Papiertüten oder so. Woher soll eine 14-Jährige wissen, wie Schüsse aus einer Beretta klingen?


Doch plötzlich stand Tim K. im Raum der 9c, und Sandra lag binnen Millisekunden auf dem Fußboden. Krabbelte in eine Ecke. Schmiss einen Tisch um, verschanzte sich dahinter. Eine Freundin kroch zu ihr, sagte: "Du blutest, du blutest." Sandra spürte nichts. Auch jetzt kann sie nicht sagen, woher die Schramme an der Nase stammt.

In der St.Karl-Borromäus-Kirche sucht Sandra am Abend Trost, dort findet Stunden nach dem Amoklauf des 17-Jährigen ein Gedenkgottesdienst statt, mehr als tausend Menschen sind gekommen, der Raum ist vollkommen überfüllt. Man will zusammen sein an so einem Tag. Sandra ist umringt von Freundinnen. Auch ihre Mutter steht dabei, lässt die Tochter nicht aus den Augen. Und sieht erschütterter aus als das dunkelhaarige Mädchen selbst.

Die 14-Jährige hat Szenen erlebt, die man sonst höchstens aus dem Fernsehen kennt: die Lehrerin mit dem blutenden Arm, die angeschossenen Mitschülerinnen, die Sandra "zucken" sah, das viele Blut. Heulen und Schreien. Rund 20 Minuten war die Klasse in dem Zimmer eingesperrt, nachdem Tim K. das Weite gesucht hatte. Die Lehrerin hatte abgeschlossen, aus Angst, der Täter könnte noch mal zurückkommen. "Das kam mir vor wie Stunden", sagt Sandra - doch es klingt sachlich, als erzähle sie die Geschichte eines anderen Mädchens. Sie scheint wie auf Autopilot zu laufen. Sie habe geweint im Klassenzimmer, "aber dann habe ich versucht, die anderen zu beruhigen". Auch um die Mutter sorgte sie sich: Die habe sie anrufen wollen mit dem Handy. Dann legte sie schnell wieder auf - sonst hätte die Mutter doch einen Riesenschreck bekommen.

Ob sie keine Angst hatte? Sandra muss überlegen. "Ich hatte so viel Angst, dass ich eigentlich schon keine mehr hatte." Sandra sagt selbst, dass sie das Erlebte wohl noch nicht wirklich realisiert hat. Noch sind es nur Bilder in ihrem Kopf. Vor allem das eine: der Junge in der Klassenzimmertür, die Waffe in der Hand. "Der hatte einen Ausdruck, den kann ich gar nicht beschreiben", sagt Sandra. "So selbstsicher. Als denke er, er tue genau das Richtige."

Ganz ruhig soll der 17-Jährige durch die Flure des Schulgebäudes gegangen sein. Den meisten Opfern schoss er gezielt in den Kopf. Insgesamt tötete er 15 Menschen, die letzten beiden Opfer in einem Autohaus in Wendlingen am Neckar.

Introvertiert, aber nicht verklemmt oder einsam

Linda, Tims Klassenkameradin von der fünften bis zur zehnten Klasse, sagt, sie hätte anderen solch einen Amoklauf zugetraut - "nur nicht ihm". Auf die Frage, welcher Junge auf dem Klassenfotos Tim sei, sagt die 17-Jährige: "Der, der so nett aussieht."

Auf zwei Gruppenbildern der Albertville-Realschule in Winnenden steht der Teenager mit Brille in der ersten Reihe, einmal rechts, einmal links außen. Die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, die Schultern hochgezogen. Ein gewinnender, sympathischer Junge, weder Außenseiter noch Klassenkasper. Wer nach der Tat über ihn spricht, benutzt die immer gleichen Attribute: unauffällig, anpassungsfähig, schüchtern, introvertiert. Aber nicht verklemmt oder einsam.

Wenn Tim, der ein kaufmännisches Berufskolleg absolvierte, morgens ehemalige Klassenkameraden in der S-Bahn nach Waiblingen traf, grüßte er zwar verhalten. Meist schaute er gar weg, dennoch galt er nicht als unhöflich oder seltsam.

"Er war ein ruhiger, zurückhaltender Typ, aber nicht im unangenehmen Sinne", sagt Linda. Im Unterricht habe er sich nie zu Wort gemeldet, aber auch nie gestört. Lindas Mutter sagt, Tim sei "ein Typ zum Pferdestehlen" gewesen. "Was muss nur in ihm vorgegangen sein?"

Auch Martin, ein ehemaliger Mitschüler, sucht nach Antworten: "Tim war nie aggressiv oder auffällig. Er war einfach normal wie wir alle auch. Ich hab gedacht, mich trifft der Schlag, als ich hörte, dass er das gewesen sein soll. Ich habe ihn jahrelang jeden Tag gesehen, jeden Tag! Wer denkt denn, dass in dem eine tickende Zeitbombe schlummert?"

"Der hat nicht mehr am Computer gespielt als ich"

In Tims Heimatgemeinde Weiler am Stein, einem 3000-Seelen-Dorf, keine 20 Kilometer von Stuttgart entfernt, war bekannt, dass Tims Vater Sportschütze war. Dass er legal 16 Waffen in einem Tresor im Haus hortete. Nachbarn erzählen, im Keller habe sich Vater K. einen Schießübungsraum eingerichtet, in dem er regelmäßig trainierte. Tim selbst soll ein ganzes Arsenal von Luftdruckwaffen in seinem Zimmer aufbewahrt haben.

Bei einer Hausdurchsuchung in Tims Elternhaus beschlagnahmten die Beamten mehrere Computer. Nach Angaben von Polizeisprecher Nikolaus Brenner wurden typische Ballerspiele gefunden. "Ob das auf ein Motiv hinweist, steht noch nicht fest", sagte Brenner.

Der ehemalige Klassenkamerad Stefan sagt: "So viel ich weiß, stimmt das mit den Waffen. Aber Tim hat nicht mehr am Computer gespielt oder vor dem Fernseher gesessen als ich und andere Freunde von mir."

Viele, die Tim kannten, können sich nicht erklären, warum er das Massaker anrichtete. Für sie habe es keine Hinweise auf die Tat gegeben, auch einen Abschiedsbrief suchen die Ermittler - zumindest bislang - vergeblich. Der Jugendliche habe keinen Anlass für Zukunftsängste gehabt, sagt ein Polizeisprecher. "Nach jetzigem Ermittlungsstand war er scheinbar ein ganz normaler Teenager."

Warum erschoss Tim K. hauptsächlich Mädchen und Frauen?

Im einem Punkt hob sich Tim eklatant von der Masse ab: beim Tischtennis. Er war ehrgeizig - und erfolgreich. "Im Tischtennis war er echt richtig gut", sagt eine ehemalige Schulfreundin. "Man hat gemerkt, dass ihm das Spaß macht."

Eine Freundin habe Tim nicht gehabt, sagen seine Weggefährten - und wundern sich, dass unter den Opfern so viele Mädchen und Frauen sind, sieben Schülerinnen, drei Lehrerinnen. "Ob das Zufall ist?", fragt Alexander, der Tim - und zwei seiner Opfer - aus der Schule kannte. Den Ermittlern zufolge kann das "mit der Raumsituation zusammenhängen".

Das Haus der Familie K., ein weißer Neubau mit Wintergarten und Dachterrasse, sei kurz nach dem Amoklauf vom SEK gestürmt worden, erzählen Nachbarn. Tims Eltern gelten als vermögend, fahren Porsche. Auf Klassenfahrten gaben sie ihrem Sohn immer mehr Geld mit als die anderen dabei hatten, erinnert sich Linda. So auch auf der Abschlussfahrt nach Berlin im vergangenen Oktober, als er mit seiner Klasse 10 d die Mittlere Reife feierte. "Aber geprahlt oder geprotzt hat er mit dem Geld seiner Eltern nicht." Im Gegenteil: Mehrere Klassenkameraden hätten sich immer mal ein paar Euro bei ihm geliehen. "Tim gab gern."

Mit dem Vater, einem Waffennarr, rasselte er aneinander

Obwohl er einen überschaubaren Freundeskreis hatte, soll er ab und an Partys in dem Elternhaus in der Kleiststraße gefeiert haben, erinnert sich Sina aus seiner ehemaligen Klasse. Trotzdem galt Tims Vater, Geschäftsführer einer Firma für Verpackungen, als streng. Sein Klassenfreund Martin erinnert sich daran, dass Tim immer mal wieder mit ihm "aneinandergerasselt" sein soll.

Der Vater bewahrte 15 Waffen in einem Tresor auf. Nur eine Beretta verwahrte er in einer Schublade im Schlafzimmer. Mit der Waffe und Hunderten Schuss Munition stürmte Tim los.

Am Abend wurden die Leichen aus der Schule abtransportiert. Bei dem Gedenkgottesdienst brechen manche Schüler zusammen. Ein Mädchen klammert sich schluchzend vor der Kirche an die Freundin. Sanitäter vom Malteser Hilfsdienst führen ein anderes Mädchen zur eigens bei der Kirche eingerichteten Behandlungsstation. "Die hält sich nicht mehr lang auf den Füßen."

Die Helfer glauben, dass die richtige Arbeit für sie in den kommenden Tagen beginnt. Sandras Ruhe etwa wundert Alexander Baur vom Malteser Rettungsdienst nicht. "Man erlebt die unverständlichsten Reaktionen." Oft zeigten traumatische Erlebnisse erst in der Nacht ihren wahren Schrecken. Jeder der wolle, könne psychosoziale Hilfe erbeten.

Sandra sagt, ihr sei in der Schule psychologische Unterstützung angeboten worden. Aber sie habe bislang nicht das Gefühl, sie zu brauchen. Doch die Mutter guckt erschüttert. "Jetzt gehen wir morgen erstmal zum Psychologen", sagt sie. Eine Nachbarin hatte sich angeboten, im Ort hält man jetzt zusammen.

Rettungshelfer Baur glaubt, dass es sicher "erlösend" wirke, wenn man "weint und sich jemandem anvertraut". Es ist eine Hoffnung, mehr nicht.

*Alle Namen der Jugendlichen von der Redaktion geändert

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