Amoklauf-Augenzeugen "Die Universität hat Blut an ihren Händen"

Nach dem ersten Schock kommt die Kritik: Auf News-Sites und Blogs schildern Augenzeugen von Blacksburg, wie sie den Amoklauf erlebt haben. Dabei wird immer deutlicher, dass viele Studenten viel zu spät informiert worden sind.


Die meisten Studenten, auch die aus dem Wohnheim West Ambler Johnston, hatten nach eigenen Angaben bis zum späten Montagmorgen nicht mitbekommen, was sich an ihrer Universität ereignete. Die Mehrheit sei wie immer gegen 9 Uhr morgens aufgestanden, um die ersten Vorlesungen um kurz nach 10 Uhr zu besuchen, heißt es auf der Internetseite des Hochschulmagazins, CollegiateTimes.com. Erst kurz bevor Studenten sich auf den Weg zur Uni machen wollten, seien sie darüber informiert worden, dass die Gebäude zum zweiten Mal gesperrt worden seien - zwei Stunden nach den ersten Schüssen.

Studenten in Angst: Diese Französisch-Klasse kauert sich im Seminarraum zusammen - das Bild ist auf der Seite der Universitätszeitschrift "Collegiate Times" zu sehen
Chase Damiano/CollegiateTimes.com

Studenten in Angst: Diese Französisch-Klasse kauert sich im Seminarraum zusammen - das Bild ist auf der Seite der Universitätszeitschrift "Collegiate Times" zu sehen

Viele der Studenten zeigen sich schockiert und frustriert über diese Reaktion von Polizei und Universitätsverwaltung. "Ich denke, sie hätten die Vorlesungen viel früher absagen müssen", sagte ein Student namens Sam Leake dem Internetmagazin zufolge, "dann hätten vielleicht ein paar dieser Morde verhindert werden können." Billy Bason, der ebenfalls im Wohnheim lebt, geht sogar noch weiter: "Die Universität hat Blut an ihren Händen, weil sie nach den ersten Schüssen nicht reagiert hat", kritisiert auch der 18-jährige Student.

"Ich war gerade losgegangen und kurz vor dem Norris-Hall-Gebäude, als ich über mein Handy mitbekommen habe, dass die Uni wieder abgesperrt ist, sagt auch Ashley Loessberg, Erstsemester aus dem Wohnheim. "Ich habe zwar eine E-Mail bekommen, in der stand, was morgens passiert war, aber die sagte überhaupt nichts darüber, dass wir nicht zu den Vorlesungen kommen sollten", bestätigt auch Cheryl Cordingley. "Das finde ich ziemlich unbehaglich."

Auch Chase Damiano, ein Erstsemester an der Virginia Tech, ging zu seinem Französisch-Seminar in der Holden Hall, die mit der Norris Hall verbunden ist, und dachte, es sei ein ganz normaler Tag. "Erst als ich schon in dem Raum saß, hörte ich Sirenen, aber wegen einer Bombendrohung, die wir kürzlich hatten, machte ich mir darüber keine weiteren Gedanken."

Allerdings seien dann kurze Zeit später zwei Frauen in den Raum gekommen und hätten mitgeteilt, dass ein Amokläufer in der Norris Hall sei. "Daraufhin haben wir uns selbst im Klassenraum verbarrikadiert und Nachrichten geschaut", sagt Damiano. "Wir saßen da einfach und mussten mit anhören, wie die Zahl der Opfer von zwei auf sieben und dann auf 22 anstieg. Vom Fenster aus konnten wir sehen, wie Studenten mit erhobenen Händen aus dem Gebäude rannten und wir hörten die Schüsse."

"Als ich gehört habe, was passiert ist, habe ich beschlossen, in meinem Zimmer zu bleiben", sagt Cordingley. "Allerdings habe ich später mit ein paar Freunden durch ein Treppenfenster geschaut, von wo aus wir sehen konnten, was in Norris vor sich geht. Überall waren Polizei und Krankenwagen."

Nach wie vor können viele Studenten nicht fassen, was an ihrer Universität passiert ist. "Ich war noch in meinem Schlafzimmer, als ich mitbekommen habe, was passiert", sagt Leake, der ebenfalls im Wohnheim wohnt. "Das ist der totale Schock. Ich dachte immer, die Virgina Tech sei eine sichere Universität." Auch sie könne immer noch nicht fassen, dass das tatsächlich passiert sei, sagt auch Loessberg. "Zwar haben viele Freunde angerufen oder gemailt - aber ich glaube, das braucht ein paar Tage, um es zu begreifen".

Verwirrt und schockiert - aber in den Beschreibungen oft auch erstaunlich präzise, so wirken die Beschreibungen der Vorgänge in den Studenten-Blogs. "Es war, als suche er nach jemandem, bevor er zu schießen begann", schreibt Erin Sheehan auf Collegemedia.com. Der Studentin gelang es mit drei anderen, aus ihrer Deutsch-Klasse im Raum Nummer 207 des Norris-Hall-Gebäudes zu fliehen, als der Amokschütze seine Waffe zückte. "Er sah ganz normal aus, ein Asiate, nur dass er eine Art Pfadfinder-Uniform trug und eine schwarze Weste, vielleicht für die Munition." Sie habe gesehen, wie Menschen von Kugeln getroffen wurden. "Überall war Blut." Viele hätten sich nicht gerührt, als wären sie vom Schock gelähmt. "Ich bin eine von vier, die es geschafft hat, aus dem Klassenzimmer zu rennen. Die anderen wurden erschossen oder verletzt."

"Wir sind total schockiert", schreibt Student Timothy Owen aus Blacksburg bei BBC. "Die Tatsache, dass so viele Menschen auf meinem Campus erschossen wurden, ist unglaublich, unvorstellbar. Ich bete für die Familien der Ermordeten. Eine schreckliche Tragödie, die in den nächsten Jahren die Universität bewegen wird."

Nicola, Austauschstudentin aus Irland, begann am Montag ihr erstes Semester in Blacksburg. Sie schreibt: "Mord auf dem Campus an unserem ersten Tag hier - schlimmer geht's einfach nicht. Das ist unglaublich! Wir sitzen hier im Wohnheim und warten auf Neuigkeiten."

Student Josh Wargo nahm an einem Seminar teil, als plötzlich "knallender Lärm" zu hören war. Wargo sagte ABC: "Wir haben 40 oder 50 Schüsse gehört. Zwei Minuten später sprangen wir aus dem Fenster. Ich war benommen, als ich wieder zu mir kam. Dann hörte ich Schüsse, die durch Glas schlugen, und mir wurde klar: Bloß weg hier. Jemand erzählte mir, meinem Professor sei ins Gesicht geschossen worden, er hätte es nicht geschafft. Aber ich weiß es nicht genau."

Student Jamal Albarghouti war auf dem Weg zur Vorlesung, sagte CNN: "Als ich die Polizisten mit ihren Waffen sah, dachte ich, das ist mal wieder eine Bombendrohung. Dann hörte ich von weit weg Schüsse. Dann versuchten die Polizisten, sich Zugang zur Norris Hall zu verschaffen, und sie haben eine Bombe oder so was benutzt, um die Türen zu öffnen."



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