Amoklauf-Augenzeugen "Ich habe mich einfach nur tot gestellt"

Auf Webseiten und in Blogs erzählen die Studenten der Virginia Tech, wie sie das Massaker erlebt haben. Immer lauter werden dabei die Stimmen, dass die Universität die Studenten zu spät informiert habe. Die, die überlebt haben, schildern grauenhafte Momente.


"Er war sehr ruhig, schien aber sehr darauf bedacht zu sein, auch wirklich jeden zu treffen", erzählt die Studentin Erin Sheehan, die den Amoklauf des bisher unbekannten Schützen als einzige von 25 Studenten unverletzt überlebte. Nach ihrer Schilderung kam der Täter zwei Mal in den Raum, in dem sie gerade einen Deutsch-Kurs hatten. "Er hat einfach angefangen zu schießen, ich habe mich einfach nur tot gestellt."

Studenten in Angst: Diese Französisch-Klasse kauert sich im Seminarraum zusammen - das Bild ist auf der Seite der Universitätszeitschrift "Collegiate Times" zu sehen
Chase Damiano/CollegiateTimes.com

Studenten in Angst: Diese Französisch-Klasse kauert sich im Seminarraum zusammen - das Bild ist auf der Seite der Universitätszeitschrift "Collegiate Times" zu sehen

Allerdings kam der Schütze nach rund 30 Sekunden noch einmal zurück, erzählt Sheehan. "Ich vermute, er hat uns reden gehört." Gemeinsam mit anderen Studenten habe sie sich gegen die Tür geworfen, damit er nicht noch einmal herein kommen konnte - denn die Tür war nicht abschließbar. "Der Mann hat dreimal versucht, durch die Tür zu kommen, dann hat er angefangen, durch die Tür zu schießen."

Inzwischen wird von Studenten die Kritik lauter, von der Universität nicht rechtzeitig über den Amoklauf informiert worden zu sein. Die meisten Studenten, auch die aus dem Wohnheim West Ambler Johnston, hatten nach eigenen Angaben bis zum späten Montagmorgen nicht mitbekommen, was sich auf dem Campus ereignete. Erst mehr als zwei Stunden nach der ersten Schießerei habe es eine E-Mail von Seiten der Universität gegeben, in der vor dem Amokläufer gewarnt wurde. "Ein Bewaffneter hält sich auf dem Campus auf. Bleiben sie in den Gebäuden und halten Sie sich von den Fenstern fern." Später folgten zwei weitere E-Mails, allerdings erst, nachdem die zweite Schießerei vorüber war.

Ich denke, sie hätten die Vorlesungen viel früher absagen müssen", sagte ein Student namens Sam Leake dem Internetseite des Hochschulmagazins CollegiateTeimes.com zufolge, "dann hätten vielleicht ein paar dieser Morde verhindert werden können." Billy Bason, der ebenfalls im Wohnheim lebt, geht sogar noch weiter: "Die Universität hat Blut an ihren Händen, weil sie nach den ersten Schüssen nicht reagiert hat", kritisiert auch der 18-jährige Student.

Er habe sogar bei der Uni-Zentrale angerufen, "weil ich keinen blassen Schimmer hatte, was los ist", erzählt Matt Meroney, ebenfalls Student. Dort wurde ihm gesagt, "alles was wir derzeit sagen können, ist, dass Sie vorsichtig mit ihrem Unterricht weitermachen sollen".

Warnungen kamen glücklicher Weise von anderer Seite: "Ich bin aufgewacht, weil mein Telefon ohne Unterlass geklingelt hat", erzählt Brittany Sammon. Sie habe eine SMS ihres jüngeren Bruders bekommen, der Text war eindeutig: "Amokläufer an der Uni. Bleib drinnen und weg vom Fenster!" Als sie daraufhin ihre E-Mails gecheckt habe, habe sie auch die Nachricht der Universität gefunden. "Ich habe daraufhin einen meiner Mitbewohnerinnen informiert, die schon an der Uni war - die schon in Sicherheit gebracht worden war. Sie hörte die Schüsse aus der Norris Hall, wo das Massaker passierte." Sammon selbst und ihre Freund hätten gleichzeitig via Fernsehen die Geschehnisse verfolgt.

Auch Chase Damiano, ein Erstsemester an der Virginia Tech, ging zu seinem Französisch-Seminar in der Holden Hall, die mit der Norris Hall verbunden ist, und dachte, es sei ein ganz normaler Tag. "Erst als ich schon in dem Raum saß, hörte ich Sirenen, aber wegen einer Bombendrohung, die wir kürzlich hatten, machte ich mir darüber keine weiteren Gedanken."

Allerdings seien dann kurze Zeit später zwei Frauen in den Raum gekommen und hätten mitgeteilt, dass ein Amokläufer in der Norris Hall sei. "Daraufhin haben wir uns selbst im Klassenraum verbarrikadiert und Nachrichten geschaut", sagt Damiano. "Wir saßen da einfach und mussten mit anhören, wie die Zahl der Opfer von zwei auf sieben und dann auf 22 anstieg. Vom Fenster aus konnten wir sehen, wie Studenten mit erhobenen Händen aus dem Gebäude rannten und wir hörten die Schüsse."

"Ich habe zwar eine E-Mail bekommen, in der stand, was morgens passiert war, aber die sagte überhaupt nichts darüber, dass wir nicht zu den Vorlesungen kommen sollten", bestätigt auch Cheryl Cordingley. Sie habe daraufhin aber trotzdem beschlossen, in ihrem Zimmer zu bleiben. "Allerdings habe ich später mit ein paar Freunden durch ein Treppenfenster geschaut, von wo aus wir sehen konnten, was in Norris vor sich geht. Überall waren Polizei und Krankenwagen."

sam



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