Amoklauf Die Taschen voller Munition

Am Tag nach dem Amoklauf in Lörrach sind die Einwohner der idyllischen Kleinstadt zutiefst verstört. Warum tötete Sabine R. ihren Noch-Ehemann und den Sohn und schoss dann wahllos auf Passanten? Besonders stark wirkt das Geschehen am Tatort Elisabethen-Krankenhaus nach.


In den Krankenhausfluren lagen noch Patronenhülsen, Spuren des Amoklaufs, doch es half nichts. Der Rentner, der jetzt unschlüssig auf dem Bürgersteig vor dem Gebäude steht, musste seine Frau am Morgen wieder in der Klinik abliefern. "Ein Routineeingriff, aber es muss gemacht werden", sagt der Mann mit der dünnrandigen Brille. Sein Unterkiefer zittert ein wenig. Sie haben beide nicht geschlafen in dieser Nacht, weder er noch seine Frau.

Jetzt starrt der Mann auf die hübschen Balkone des Elisabethen-Krankenhauses in Lörrach mit den bunten Blumenkübeln am Geländer. Auf das Fenster, hinter dem sich weiß gekleidete Menschen bewegen und hinter dem auch seine Frau liegen muss. Als könne er ihr so helfen.

Die 63-Jährige hat wie viele Krankenhausinsassen am Abend zuvor einen Alptraum erlebt. In das kreuzkatholische Hospital der baden-württembergischen Kleinstadt stürmte plötzlich eine Frau, bewaffnet mit einer Sportschützenwaffe und einem Messer. Sie schoss um sich, tötete einen Krankenpfleger, verletzte Passanten und einen Polizisten.

Seine Frau habe die Täterin schon über die Straße kommen sehen, sagt der Mann, "sie hat da gerade zufällig aus dem offenen Fenster geschaut".

So hat sie es ihm erzählt in dieser Nacht: Ein Mann sei angelaufen gekommen, hinter ihm her diese seltsame Frau. Schnell habe sie das Fenster geschlossen, sei ins Schwesternzimmer gelaufen, habe sich da versteckt, mit anderen Patienten, während im Krankenhaus das Geschehen lärmend seinen Lauf nahm. Schüsse, Angst. Ein kleines Kind sei auch dabei gewesen, dem habe man den Mund zuhalten müssen, damit es nicht schreit.

Die Taschen noch voller Munition

Die Fassungslosigkeit ist dem Mann immer noch anzumerken, seine schockierte Frau fand er später in einem Sanitätszelt und nahm sie mit nach Hause. Solche Szenen kennt man hier in dem adretten 48.000-Einwohner-Städtchen direkt an der Schweizer Grenze nur aus dem Fernseh-"Tatort".

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Lörrach: Die Taschen voller Munition
Auch jetzt, wo ständig neue Details über den Tathergang ans Licht kommen, wirkt die ganze Geschichte wie aus einem Drehbuch. Eine 41-jährige Frau, Sabine R., Rechtsanwältin, tötet ihren Ehemann und den fünfjährigen Sohn. Es gibt eine Explosion in dem Haus, in dem auch die Frau wohnt und wo sich ihre Kanzlei befindet. Möglicherweise hat die Frau die Detonation selbst ausgelöst. Mit Brandbeschleuniger, sagt die Polizei, die dort Kanister gefunden hat.

Nachdem das Haus in Flammen steht, geht es auf der Straße weiter. Die Frau schießt auf zwei Passanten. Dann läuft sie ins benachbarte Elisabethen-Krankenhaus, wo sie "wahllos" um sich schießt, wie es später heißt. Ein Polizist wird getroffen, er ist vom ersten Einsatzteam, das am Tatort ankommt. Dann tötet R. einen Pfleger. Schließlich wird sie von weiteren mittlerweile in der Klinik eingetroffenen Beamten getötet - mit einem Schuss. R. habe die Taschen noch voller Munition gehabt, heißt es später.

Rech lobt "Professionalität" der Einsatzkräfte

Innenminister Heribert Rech (CDU) dachte als erstes: "Mein Gott, nicht schon wieder!", als er am Sonntagabend über den Amoklauf informiert wurde. Knapp eineinhalb Jahre ist es erst her, dass der Schüler Tim K. in Winnenden 15 Menschen und dann sich selbst tötete. Am Vormittag nach dieser Wahnsinnstat sitzt Rech nun auf einer Pressekonferenz im Lörracher Rathaus und lobt resigniert den - "gestatten Sie mir den Ausdruck" - Grad an Professionalität, mit dem die Einsatzkräfte reagierten.

Man geht heute anders um mit Amokläufern als früher. Hat dazugelernt. Die Täterin wurde frühzeitig gestoppt, weil Polizisten das Krankenhaus nicht umstellten, sondern hineingingen. So konnte keine "statische Lage" entstehen, wie es im Polizeideutsch heißt. Die Beamten seien geschult worden für solche Situationen, sagt Rech.

Auch für die Organisation der Notfallversorgung und für die Pressearbeit gibt es offenbar genaue Pläne. Seit den frühen Morgenstunden gibt ein Pressesprecher vor dem mit rotweißen Plastikbändern abgesperrten Krankenhaus ausführlich Auskunft. Innenminister Rech hat, als er zur Pressekonferenz antritt, bereits die Verletzten im Krankenhaus besucht, die Opfer von Sabine R. wurden und überlebten. Sogar einen Aufsteller mit dem Schriftzug der Polizei Baden-Württemberg gibt es, vor dem Rech und andere Beteiligte im Rathaus Platz nehmen. Im gleichen Gebäude regeln Bürger ihre Ausweisangelegenheiten im Einwohnermeldeamt. Wie jeden Werktag.

"Es könnte ja auch einer kommen und einfach rumballern"

Auch auf den Straßen geht es seltsam normal zu. Die Innenstadt ist mittags voll mit Menschen, die den strahlenden Spätsommertag genießen wollen. In dem typisch bombastischen Kleinstadt-Karstadt ist "Großer Schulmarkt", im "Wilden Mann" am Marktplatz läuft die Cappuccino-Maschine heiß. Trotzdem ist etwas anders. Das Gefühl, sich in einer behüteten Welt zu bewegen - es ist so manchem verloren gegangen.

"Es könnte ja auch hier in der Innenstadt einer kommen und einfach rumballern", sagt eine Frau in weißem Kittel, die vor einem schicken Juwelier das Pflaster fegt. Auch eine Gruppe von Berufsschülern, die in der Nähe des Krankenhauses ihre Ausbildung machen, kennt an diesem Tag kein anderes Thema als die unfassbare Tat. Sie sind zwischen 26 und 35, machen eine Zusatzausbildung zum Altenpflegehelfer oder zur Altenpflegehelferin. Viele haben selbst schon Kinder. Schon deshalb können sie das Unglück nicht fassen. Wie kann man das eigene Kind töten?

Eine "aufgeschlossene, sympathische" Frau

Ihr 12-Jähriger habe die Nacht bei ihr im Bett verbracht, sagt eine Frau mit blonden langen Haaren, die eine Zigarettenpackung mit der Hand umklammert und sich als Carmen vorstellt. "Das macht er sonst nie." Einen Alptraum habe der Junge trotzdem gehabt, und am nächsten Morgen selbst direkt die Nachrichten eingeschaltet. Weil er sich Sorgen um seine Mutter machte. Auch eine andere Frau erzählt, dass die Tochter sie nicht habe weglassen wollen an diesem Montag. Und umgekehrt sei es genauso gewesen. "Es läuft einem kalt den Rücken runter."

Auch deshalb, weil Sabine R. in kein Raster zu passen scheint: eine Frau als Amokschütze, noch dazu eine Rechtsanwältin. Sie war erst vor kurzem in den Häuserblock gezogen, den sie jetzt in Brand gesetzt haben soll. An der Außenwand hatte sie ihr Büroschild für ihre Kanzlei anbringen lassen. Sie lebte von ihrem Mann getrennt, der Sohn blieb den Ermittlern zufolge beim Vater, war nur am Wochenende bei ihr zu Besuch. Nachbarn wollen bei der Übergabe des Kindes oft Streit im Treppenhaus gehört haben. Doch R. sei eine "aufgeschlossene, sympathische Frau" gewesen, heißt es auch.

Warum sie drei Menschen tötete, bevor man sie erschoss, kann an diesem Montag noch niemand wirklich erklären. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen von einer Beziehungstat aus. Aber warum schoss R. auf zwei Passanten? Warum ging sie in die gynäkologische Abteilung des Elisabethen-Krankenhauses, "gezielt", wie es heißt? Warum stach sie dort mit einem Messer auf einen Pfleger ein, den sie nach bisherigem Ermittlungsstand nicht kannte? Warum schoss sie ihm noch mehrfach in den Kopf?

Vielleicht können Staatsanwaltschaft und Polizei bei einer Pressekonferenz am Nachmittag schon Zusammenhänge herstellen. Verstehen wird den Tathergang auf Lörrachs Straßen allerdings niemand. "Es ist einfach nur traurig", sagt eine Verkäuferin in einer Metzgerei erschüttert, "einfach nur traurig."



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