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Ansbach: Amoklauf am Carolinum

Foto: Matthias Schrader/ AP

Amoklauf in Ansbach Kleinstadt im Schockzustand

Warum gerade hier? Warum gerade am Carolinum? Der Amoklauf von Georg R. hat Ansbach tief erschüttert. Einwohner der bayerischen Stadt rätseln über die Gründe für die Bluttat des 18-jährigen Einzelgängers. Doch eine Antwort zu finden, fällt ihnen schwer.

Ansbach ist eine kleine Stadt. Nur 40.000 Menschen leben hier, man kennt sich. Manchmal direkt, fast immer aber über ein paar Ecken. Und so ist der Schüler Georg R., der am Donnerstagmorgen zum Amokläufer vom Gymnasium Carolinum wurde, vielen bekannt. Oder man kennt jemanden, der ihn kennt. Den ganzen Tag über haben schockierte Schüler und Einwohner auf dem gepflasterten Platz vorm zentralen Herrieder Tor in Grüppchen zusammengestanden, ein paar hundert Meter vom mächtigen Bau des Carolinums entfernt - und umringt von Kamerateams und Journalisten.

Am Abend trifft man sich in den Kneipen der Stadt. Alles dreht sich um den Amoklauf. Kannte man Georg R.? Warum hat der das gemacht? Es ist eine doppelte Fassungslosigkeit, die dort zu beobachten ist: Zum einen habe man immer gedacht, in Ansbach könne "so etwas" nicht passieren; nicht in dieser friedlich abgelegenen alten Residenzstadt. Aber zum anderen, und das scheint am meisten zu überraschen, könne es doch erst recht nicht am "Caro" geschehen, wie sie das Carolinum hier nennen.

Es ist diese Stimmung, in der man da zusammensitzt an diesem Abend im "Café Klatsch", einem Szenetreff in der Altstadt. "Das ist doch eine friedliebende Schule, so ein bisschen alternativ, der Zusammenhalt am "Caro" war immer größer als anderswo", sagt der 26-jährige Benni Schmitt, der auf einem anderen Gymnasium war. Eine Schule mit humanistischem und musischem Schwerpunkt sei das Carolinum, sagt auch Rüdiger Kauf. Deshalb könne er diese Tat erst recht nicht verstehen. Der heute 23-jährige Student war einst selbst auf dem "Caro", ab der fünften Klasse müsse man dort Latein lernen: "Und dafür durften wir dann später nach Rom fahren."

Angriff mit Axt und Brandsätzen

Das ist eine Tradition. Seit Jahren macht die 13. Klasse eine Studienfahrt in die italienische Hauptstadt. Genau das stand just an diesem Donnerstagmorgen um halb zehn Uhr eigentlich an. Einer der Mitfahrer: der Abiturient Georg R. Doch der hatte anderes geplant.

Am Donnerstag hatte der 18-jährige Abiturient das "Caro" gestürmt, bewaffnet mit einer Axt und Brandsätzen. Acht Schüler und einen Lehrer verletzte er zum Teil lebensgefährlich, bevor er von einer rasch herbeigeeilten Polizeistreife niedergeschossen wurde.

R., der noch nicht vernommen werden konnte, ging bei seiner Tat offenbar planmäßig vor. Bei der Durchsuchung seines Zimmers fand die Polizei Schriftstücke, die auf eine geplante Tat schließen lassen. Berichten zufolge befand sich der Täter schon seit längerer Zeit in psychotherapeutischer Behandlung. Sein Motiv war zunächst völlig im Dunkeln.

Ein Außenseiter sei er immer gewesen, haben die Leute vorm Herrieder Tor über R. erzählt. Einer, mit dem eigentlich niemand was zu tun haben wollte. Rüdiger Kauf, der R. nicht kennt, schüttelt den Kopf, kann auch das nicht fassen: "Am Caro gibt's eigentlich keine Außenseiter." Deshalb dürfe man den Grund für R.s Tat nicht in der Schule suchen, sagt Kauf, der die solidarische Schulgemeinschaft in guter Erinnerung hat.

"Mit Erfurt und Winnenden nicht vergleichbar"

So berichtet etwa das Schuljahrbuch 2004/05 ausgerechnet von einem Projekt "Wir gegen Jugendkriminalität" von Polizei, Justiz und Schulen, an dem sich auch das Carolinum beteiligte. In Workshops sei dort informiert worden über "soziale Trainingskurse für Jugendliche" oder über den Umgang mit "extrem verhaltensauffälligen Schülern", heißt es.

Bei einem sind sie sich im "Café Klatsch" einig: Mit den Amokläufen in Erfurt und Winnenden dürfe man Ansbach nicht gleichsetzen: "Das ist zum Glück doch eine andere Liga."

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