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11. März 2009, 15:19 Uhr

Amoklauf in Baden-Württemberg

Tim K. - der Junge ohne Eigenschaften

Er tötete Schüler, Lehrer, Passanten: Ein 17-Jähriger hat in der schwäbischen Provinz 15 Menschen ermordet - dann tötete er sich bei einem Schusswechsel mit der Polizei wahrscheinlich selbst. Tim K. wird als unauffällig, aber frustriert beschrieben. Was trieb ihn zu der Wahnsinnstat?

Der Alptraum im schwäbischen Winnenden begann gegen 9.30 Uhr, Minuten später ging der Notruf bei der Polizei ein: Ein junger Mann, bekleidet mit einem Bundeswehrtarnanzug, war in die Albertville-Realschule eingedrungen, schoss wild um sich. Tötete neun Schüler, alle zwischen 14 und 15 Jahren, drei Lehrerinnen - warum, das weiß zur Stunde niemand. Der Schütze soll ein ehemaliger Schüler gewesen sein, Tim K.

Als die Einsatzkräfte am Tatort eintreffen, bietet sich ihnen ein "Bild des Grauens", beschreibt es Kultusminister Helmut Rau später. Verzweifelte Menschen versuchen, das Unbegreifliche zu begreifen. Hubschrauber kreisen, knapp tausend Beamte sind im Einsatz. Im Minutentakt fahren Krankenwagen an der Schule vor. Zu diesem Zeitpunkt hat der Schütze den Tatort bereits verlassen.

"Die Stadt gleicht einer Festung"

Über Stunden versucht die Polizei, den Mann zu finden, Schüler und Passanten in Sicherheit zu bringen. Die Menschen in der Region werden gewarnt: Autofahrer sollen keine Anhalter mitnehmen, der Schütze sei wohl in die Winnender Innenstadt geflohen. Die Realschule, die Hunderte Schüler besuchen, wird evakuiert, das Gebiet weiträumig abgesperrt.

"Die ganze Stadt gleicht einer Festung", berichtet ein Augenzeuge. "Es herrscht blankes Entsetzen." Auch auf dem angrenzenden Gelände einer psychiatrischen Klinik fallen Schüsse. "Ich habe sechs bis sieben Schüsse gehört. Ich darf meine Station nicht mehr verlassen", sagte eine Sprecherin der Klinik.

Nach Angaben der Polizei ging K. schweigend durch die Gänge der Schule, betrat Klassenzimmer. Feuerte. Die Waffe, es soll sich um eine Pistole der Marke Beretta gehandelt haben, nahm er aus dem legalen Waffenarsenal seiner Eltern. Dann flüchtete er, erschoss einen Menschen vor der nahegelegenen Klinik, brachte ein Auto in seine Gewalt, die Besitzer ließ er gehen.

Die Flucht endete schließlich in Wendlingen am Neckar, rund 40 Kilometer entfernt. In einem Autohaus tötete K. zwei Passanten, verletzte zwei Beamte. Dann starb er selbst - offenbar erschoss er sich, nachdem er getroffen worden war. Die grausige Bilanz seines Amoklaufs: 16 Tote.

Tim war "schwer frustriert"

Wie wurde K. zu dem Menschen, der eine schwäbische Kleinstadt, eine Region, die Republik in Schockstarre versetzt?

SPIEGEL ONLINE; Google Earth
Nach Angaben von Kultusminister Rau handelte es sich um einen nach außen "völlig unauffälligen" Jungen. Der Jugendliche sei "nie in irgendeiner Form" auffällig geworden, betonte Rau, habe seinen Schulabschluss gemacht. Offensichtlich habe er eine "doppelte Identität" gehabt.

Ein Klassenkamerad berichtete SPIEGEL ONLINE dagegen, Tim K., ein Einzelkind, sei "schwer frustriert" gewesen. Er habe im vergangenen Jahr seinen Realschulabschluss nicht bestanden. Viele seiner Mitschüler wechselten auf weiterführende Schulen oder begannen eine Ausbildung. Was wurde aus K.?

An den Umgang mit Waffen war er offenbar gewöhnt, zumindest der Vater sei Sportschütze, sagte ein Bekannter K.s SPIEGEL ONLINE. Tims Vater besitzt insgesamt 15 Schusswaffen. Bei einer Durchsuchung des Hauses wurde festgestellt: Eine fehlte. Sollte sich bestätigen, dass Vater K. die Pistolen nicht vorschriftsmäßig weggeschlossen hatte, könnte er sich einem Ermittlungsverfahren gegenübersehen.

Angehörige von Schülern, die das Blutbad erlebten, waren auch Stunden nach der Tat völlig aufgelöst: "Die Kinder wissen nicht, ob ihre Mitschüler noch leben oder verletzt wurden", sagte eine Mutter SPIEGEL ONLINE, die ein traumatisiertes Mädchen tröstete.

Landespolizeipräsident Erwin Hetger sagte: "Es war ein Amoklauf in Reinkultur. Er ist mit einer Waffe in die Schule rein und hat dann das Blutbad angerichtet. So etwas habe ich noch nie erlebt." Er sei inzwischen selbst in der Schule gewesen: "Das kannst du nicht verkraften." Landesinnenminister Heribert Rech (CDU) sagte: "Das Ausmaß des Geschehens ist nicht fassbar."

Auch sechs Stunden nach dem Amoklauf ist der Tatort weiter abgeriegelt. Die Leichen seien noch in den Schulräumen, sagte ein Polizeisprecher. Gerichtsmediziner und Experten der Kriminaltechnik untersuchen den Tatort und sichern die Spuren. Vor der Schule stehen noch ein Dutzend Polizeifahrzeuge und Fahrzeuge des Deutschen Roten Kreuzes. Hubschrauber kreisen in der Luft.

jul/ddp/dpa/AP/AFP/Reuters

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