Amoklauf in Berlin Opfer könnten sich mit HIV infiziert haben
Ein Polizeisprecher bestätigte gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass ein Opfer entsprechende Angaben über seine Infektion gemacht hat. Es soll einer der ersten Angegriffenen gewesen sein. Der Sprecher betonte, eine Infektion der Verletzten sei "nicht zwingend die Folge, kann aber nicht ausgeschlossen werden". Deshalb wurden alle bei den Angriffen verletzten Personen gebeten, sich umgehend zur ärztlichen Begutachtung in die Rettungsstelle des Klinikums der Charité Campus Mitte, Schumannstraße 20-21, oder zur Rettungsstelle Innere Medizin des Campus Rudolf-Virchow-Klinikums am Augustenburger Platz 1 im Wedding zu begeben. Auch Helfer sollten sich melden, da sie womöglich mit dem Blut der Opfer in Berührung gekommen seien und sich so angesteckt haben könnten.
Wer keine Möglichkeit habe, sich selbst in die Rettungsstellen zu begeben, kann die Polizei über den Notruf 110 alarmieren.
Die Betroffenen, die mit Blut des infizierten Opfers in Kontakt gekommen sind, erhalten eine vorbeugende Behandlung mit Medikamenten, wie sie auch in der HIV-Therapie angewandt werden, teilten der Ärztliche Direktor der Charité, Ulrich Frei, und andere Experten des Universitätsklinikums am Samstagabend in Berlin mit. Nach Angaben der Charité-Experten wird diese Anti-HIV-Behandlung auch bei Stich- und Nadelverletzungen von Krankenhauspersonal mit HIV-infiziertem Blut angewendet. Frei räumte jedoch ein, dass die HIV-Infektion eines der Opfer für alle Betroffenen ein zweiter schwerer Schock sei. Ihnen werde alle mögliche Hilfe und Betreuung angeboten.
Dass Ärzte oder Schwestern sich mit HIV-versuchten Nadeln stechen, sei kein ungewöhnlicher Vorgang, erklärte der Charité-Infektiologe Norbert Suttorp. Das Risiko einer Ansteckung durch Nadelstiche sei jedoch gering. Es liege bei einer Wahrscheinlichkeit von etwa drei Promille. Über die Gefahr nach einem Messerstich wollte Suttorp nicht spekulieren. Er schätze aber, dass das Risiko nur geringfügig höher als bei einem Nadelstich sei, sagte der Infektiologe. Bis Sonntagvormittag hatten sich an der Charité im Berlin Mitte sowie im Virchow-Klinikum 56 Betroffene gemeldet.
16-Jähriger bestreitet die Tat
Der 16-jährige, der nach der Einweihungsfeier des Berliner Hauptbahnhofs wahllos mindestens 28 Menschen niedergestochen haben soll, bestreitet die Tat - oder kann sich zumindest nicht mehr daran erinnern. Die Staatsanwaltschaft spricht dagegen von versuchtem Mord.
Im Verhör sagte der Jugendliche laut LKA, weil er betrunken gewesen sei, könne er sich außerdem kaum an etwas erinnern. Die Polizei habe jedoch die Tatwaffe, ein Messer, sichergestellt, die der 16-Jährige bei sich getragen habe. Der Berliner Polizeivizepräsident Gerd Neubeck sagte, es gebe 60 Zeugen für die Tat, die vernommen würden.
Der Teenager aus dem Berliner Stadtteil Neukölln hatte am späten Abend nach der prunkvollen Einweihungsfeier des neuen Berliner Hauptbahnhofs in einem regelrechten Amoklauf zwischen Reichstag und Luisenstraße wahllos auf Frauen und Männer eingestochen, die von der Feier auf dem Heimweg waren. Die ersten Notrufe gingen bei der Polizei gegen 23.30 Uhr ein.
Mindestens 28 Menschen wurden angegriffen, davon seien 24 ins Krankenhaus gebracht worden. 15 würden stationär versorgt, sagte ein Polizeisprecher. Möglicherweise hätten sich noch nicht alle Verletzten bei der Polizei gemeldet. Neubeck sprach von Messerstichen "in den Rücken und in den Gesäßbereich, aber auch in den Brustbereich". Sechs erlitten lebensgefährliche Verletzungen, einige der Opfer wurde notoperiert. "Mittlerweile besteht bei niemandem mehr Lebensgefahr." Neubeck sagte, die Tat habe sich innerhalb von nur zehn Minuten abgespielt.
Haftbefehl erlassen
Oberstaatsanwältin Ute Segelitz sprach von versuchtem Mord, es liege Heimtücke im juristischen Sinne vor, da die meisten Angriffe von hinten erfolgt seien und sich die Opfer nicht wehren konnten. "Das ist eines der schwersten juristischen Vorwürfe", sagte Segelitz. Die Staatsanwaltschaft beantragte einen Haftbefehl, dem am Abend dann auch stattgegeben wurde.
Auch Berlins Innensenator Ehrhart Körting sprach sich wegen der Schwere des Vorwurfs für einen Haftbefehl aus, auch wenn der mutmaßliche Täter erst 16 Jahre alt ist. Körting gab sich überzeugt, dass diese Tat das Bild der Stadt Berlin nicht beschädigen werde. "Es handelte sich hier um ein singuläres Ereignis. Eine solche Tat wird man leider nie ausschließen können."
Die Polizei erklärte, der Jugendliche sei von privaten Sicherheitsleuten gestellt worden, nachdem er eine Frau ohne Grund in den Bauch geboxt hatte. Mehrere Zeugen hätten ihn anschließend als den Messerstecher identifiziert. Die Sicherheitsleute übergaben ihn der Polizei, die wegen der Menschenmassen auf den Straßen verspätet eintraf. Angeblich war der Jugendliche schon am frühen Abend zusammen mit Freunden wegen seines alkoholisierten Zustands aufgefallen. Im Verlauf des Abends muss er sich von ihnen getrennt und allein auf den Weg gemacht haben.
Das Motiv ist weiterhin unklar. "Es spricht überhaupt nichts dafür, dass es sich um eine geplante Tat handelt", erklärte Neubeck. Körting sagte, weder aus dem Umkreis des Jugendlichen noch aus seiner Familie ergebe sich ein Hinweis für eine Erklärung der Tat.
Vater des mutmaßlichen Täters erschüttert
Laut Zeugenberichten wurden die ersten Opfer nahe des ARD-Hauptstadtstudios an der Marschallbrücke attackiert. In dem Gedränge sei anfangs nicht bemerkt worden, dass jemand niedergestochen wurde. Passanten gingen von Schwächeanfällen aus. Erst nachdem mehrere Menschen zusammenbrachen, fiel der Täter auf. Panik sei aber nicht ausgebrochen, widersprach Landesbranddirektor Wilfried Graefling anders lautenden Berichten.
Der Vater des 16-Jährigen reagierte mit Betroffenheit und Erschütterung. Der "Berliner Morgenpost" sagte er, dass er keine Erklärung für die Tat habe. Zu den Umständen des Amoklaufs wisse er nichts, stehe aber mit der Polizei in telefonischem Kontakt. Er bitte darum, er und die Familie mögen jetzt nicht in Sippenhaft genommen werden. Sie hätten mit der Tat nichts zu tun.
Der Bürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky, wehrte sich gegen eine erneute Stigmatisierung seines Bezirks nach dem Amoklauf. "Ich warne davor, jetzt wieder die Verhältnisse in Neukölln für die Tat verantwortlich zu machen. Dafür kann man keinen Bezirk oder eine Stadt verantwortlich machen. Der mutmaßliche Täter hätte auch ein Hamburger sein können oder ein Bürger aus anderen Berliner Bezirken", sagte der SPD-Politiker SPIEGEL ONLINE. "Bei 300.000 Einwohnern in Neukölln kann auch schon einmal ein unter Alkoholeinfluss stehender Irrer darunter sein", so Buschkowsky weiter. Vermutlich werde sich der Jugendliche "gar nicht mehr an die Tat erinnern, vermutlich hat er einen Filmriss gehabt".
Teile des Berliner Bezirks Neukölln gelten seit Jahren als Problemzonen. Kürzlich hatte ein Brandbrief von Lehrern an der Rütli-Hauptschule in Neukölln wegen zunehmender Gewalt unter Schülern eine bundesweite Debatte über Integrationsprobleme ausgelöst. Die Berliner Kriminalpolizei dementierte am Samstag auf der Pressekonferenz, dass der 16-Jährige von der Rütli-Schule komme. Das sei nicht der Fall.
kaz/sev/rüd/dpa/ddp/AFP/AP