Amoklauf in Finnland "Hass, ich bin so voll davon"

Er nannte sich "Sturmgeist89", verehrte Hitler und Stalin: Ein finnischer 18-Jähriger kündigte im Internet eine furchtbare Bluttat an. Heute wurde sie Wirklichkeit. Acht Menschen brachte der Attentäter um, verletzte Dutzende - am Abend starb er selbst im Krankenhaus.

Von


Hamburg - "Angriffsinformationen" heißt das zwölf Zeilen umfassende Dokument, das SPIEGEL ONLINE heute Nachmittag in einem inzwischen aus dem Netz gelöschten Ordner entdeckte. In dem offenbar gestern angelegten Schriftstück beschreibt der Autor, der sich als Pekka-Eric A. alias "Sturmgeist89" ausgibt, detailliert das heutige "Jokela High School Massaker".

Unter dem Stichwort "Angriffsart" hat er notiert: "Massenmord", "politischer Terrorismus".

Unter "Ziele" heißt es: "Schüler und Lehrer, Gesellschaft, Menschheit, menschliche Rasse."

Unter "Waffen" ist zu lesen: "Halbautomatische .22 Sig Sauer Mosquito Pistole."

In dem Ordner befinden sich weitere Dateien, darunter mehrere Fotos des jungen Mannes sowie ein Video, auf dem Schießübungen zu sehen sind. Der Unbekannte feuert, in einem verschneiten Waldstück stehend, aus wenigen Metern auf einen Apfel. Anschließend winkt er ein wenig ungelenk und linkisch in die Kamera. Denselben Film findet man noch am Nachmittag bei YouTube. Dort hat ihn der Nutzer "Sturmgeist89" eingestellt, der sich in seinem Profil der Internet-Plattform wiederum als Pekka-Eric A. identifiziert.

Einiges deutet darauf hin, dass Pekka-Eric A. alias "Sturmgeist89" der 18-Jährige ist, der heute im Jokela-Gymnasium von Tuusula mindestens acht Menschen getötet und mehrere weitere verletzt hat.

Der Todesschütze schoss sich nach dem Amoklauf selbst in den Kopf, überlebte zunächst schwerst verletzt - starb dann aber am Abend im Krankenhaus. Die Polizei hatte schon vorher mitgeteilt, er habe kaum eine Chance, durchzukommen.

Bei den acht Toten handelt es sich laut der Polizei um fünf Jungen, zwei Mädchen und die Leiterin der Schule. Der Täter stamme aus einer ganz normalen Familie, sagte Polizeichef Matti Tohkanen. Er habe seit dem 19. Oktober eine Lizenz für eine Kleinkaliber-Pistole gehabt und sei zuvor nicht straffällig gewesen. Er hatte am Mittag in einem Klassenzimmer der Schule rund 40 Kilometer nördlich von Helsinki das Feuer auf seine Mitschüler eröffnet, rief dabei Augenzeugen zufolge "Revolution". "Das ist eine Tragödie", sagte Matti Vanhanen, der Regierungschef des skandinavischen Landes, in dem es bislang keine Amokläufe gegeben hatte.

Die Aufnahmen aus dem Internet-Ordner, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, zeigen einen blassen, blonden Jungen mit schmalen Augen. Auf einigen Bildern zielt er mit einer Pistole, möglicherweise handelt es sich um die an anderer Stelle beschriebene Sig Sauer, in die Kamera. Der Teenager trägt ein schwarzes T-Shirt, darauf steht: "Die Menschheit wird überbewertet."

"Tod der menschlichen Rasse"

In einem kruden, drei Seiten umfassenden Manifest, das ebenfalls dem Ordner aus dem Internet entstammt, gibt sich der Autor sozialdarwinistischen und menschenverachtenden Theorien hin, die sich verkürzt so zusammenfassen lassen: Intelligente Personen sollen weniger intelligente ausmerzen oder als Sklaven halten. "Natürlich gibt es noch eine endgültige Lösung: den Tod der gesamten menschlichen Rasse", schreibt der Verfasser.

Später heißt es in dem englischen Text: "Hass, ich bin so voll davon, und ich liebe es. (...) Ich kann einfach in der Gesellschaft oder der Realität, in der ich lebe, nicht glücklich werden. (...) Ich bin an den Punkt gekommen, an dem ich nichts als Hass gegen die Menschheit und die menschliche Rasse verspüre."

Experten unterscheiden generell verschiedene Täter-Typen bei Amokläufen: psychisch Gestörte und gescheiterte Existenzen. Ihnen ist gemeinsam, dass sie das Bedürfnis hätten, eine gefühlte Ohnmacht durch einen Ausbruch von Machtgehabe auszugleichen. "Amokläufer sind meistens junge Männer, die Macht ausüben und Todesangst in Augen sehen wollen. Sie wollen gottähnlich Herr über Leben und Tod spielen", sagt der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer.

"Ich werde alle eliminieren"

Auch Pekka-Eric A. schrieb in seinem YouTube-Profil über sich: "Ich bin ein zynischer Existenzialist (…) und gottgleicher Atheist. (…) Ich, als natürlicher Selektierer, werde alle eliminieren, die ich als unbrauchbar ansehe."

Nach Auffassung des Kriminologen Pfeiffer begleitet die gescheiterten Existenzen schon lange vor der Tat "Ohnmacht als bestimmendes Lebensgefühl". Diese Täter seien oft isoliert, gemobbt und gedemütigt in ihrem sozialen Umfeld. Psychisch Gestörte hingegen fehlte oft jeglicher Bezug zur Wirklichkeit. Sie fühlten sich oft als Vollstrecker eines göttlichen Willens. Zwischen diesen beiden möglichen Täterprofilen gebe es auch Mischformen, sagt Pfeiffer.

"Wenn Täter früher vielleicht Bekannten oder Freunden Andeutungen gemacht haben, tun sie dies heute im Internet." Das entspreche einfach dem sonstigen Kommunikationsverhalten der Menschen heutzutage. Es sei sinnlos, deshalb das weltweite Datennetz nach möglichen Ankündigungen zu durchforsten. "Das wäre wie die Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen." Zum Glück, sagt Pfeiffer, seien die spektakulären Fälle nach wie vor selten.

"Ich bin euer schlimmster Feind"

Tatsächlich findet sich bei YouTube ein gestern von "Sturmgeist89" veröffentlichtes Video mit dem Titel "Jokela High School Massacre" und dem heutigen Datum. Zu sehen ist ein Gebäude, offensichtlich die Schule, und rot unterlegte Bilder eines jungen Mannes, der mit einer Waffe in die Kamera zielt. In dem Text des Songs, der im Hintergrund läuft, heißt es: "Ich bin euer schlimmster Feind. Ich bin euer Alptraum, der Wirklichkeit wird."

In seinem Profil schreibt "Sturmgeist89": "Ihr fragt euch vermutlich, warum ich das getan habe und was ich will." Und fügt hinzu, die meisten Menschen seien vermutlich "ohnehin zu beschränkt", um seine Motive nachvollziehen zu können. "Die menschliche Rasse ist es nicht wert, dass man um sie kämpft, nur dass man sie tötet", lautet seine Begründung.

In der Liste seiner Lieblingsfilme finden sich die üblichen Horror- und Kriegsfilme - offenbar nach dem Vorbild von "Full Metal Jacket" hat er seiner Pistole einen Namen gegeben. Sie heißt "Catherine".

mit Material von dpa, AP und AFP



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.