Amoklauf in Montreal "Er hatte ein eiskaltes Gesicht"

Er eröffnete das Feuer ohne Vorwarnung - ein Amokläufer hat an einer Schule im kanadischen Montreal wild um sich gefeuert. Dabei tötete er eine Frau und verletzte 19 weitere Menschen zum Teil schwer. Schließlich erschoss die Polizei den Mann.


Montreal - "Er hatte ein eiskaltes Gesicht", so ein geschockter Lehrer. "Er sagte nichts, er hat keine Parolen geschrien oder so. Er hat nur einfach angefangen zu schießen." Zuvor war der Mann in die Cafeteria im zweiten Stock des Dawson College im Zentrum Montreals gestürmt.

Jugendliche mit blutverschmierter Kleidung warfen sich Schutz suchend auf den Boden oder rannten in Panik aus dem Schulgebäude auf die umliegenden Straßen. Auf Fernsehbildern war eine Blutlache auf der Eingangstreppe zu sehen. Er habe 20 Schüsse gehört, sagte der Pädagoge. Die Schießerei habe etwa 30 Minuten gedauert. Dann erschoss ein Polizist den Verdächtigen, so der Polizeichef von Montreal, Yvan Delorme.

Die Schüler hatten wohl Glück im Unglück. "Das hätte eine sehr schlimme Situation sein können, wenn es nur fünf Minuten später passiert wäre - dann hätten die Schüler gerade ihre Klassenräume gewechselt", sagte der Lehrer.

Eine junge Frau berichtete, sie habe mit einer Freundin draußen gestanden und eine Zigarette geraucht, als der Mann begann, um sich zu schießen: "Da kam ein Typ in einem schwarzen Trenchcoat und schwarzen Stiefeln, mit diesem bescheuerten Haarschnitt, und er hatte ein riesiges Maschinengewehr dabei. Er sah aus wie ein Klischee, mit dem langen schwarzen Trenchcoat und den Piercings und Nieten und all dem Zeug."

Auch der 19-jährige Derick Osei hat Schreckliches erlebt: "Der Mann versteckte sich hinter den Verkaufsautomaten und kam mit einem Gewehr heraus und legte an und zielte auf mich. Dann rannte ich die Treppe hoch. Ich sah ein Mädchen, das ins Bein getroffen wurde."

Den Polizeiangaben zufolge handelte es sich um einen Einzeltäter. Der 25 Jahre alte Amokläufer stamme aus dem Raum Montreal. Sein Motiv sei bislang unklar, die Wohnungsdurchsuchung laufe. Einen terroristischen Hintergrund schlossen die Behörden aus.

Täter hatte drei Waffen bei sich

Laut Polizeichef Delorme hatte der Täter drei Waffen bei sich, eine davon möglicherweise automatisch. Augenzeugen berichteten, der Mann mit dem Irokesen-Haarschnitt habe zuvor vor dem Gebäude geschossen. Dann sei er durch den Haupteingang in das College gegangen und habe in der Cafeteria im zweiten Stock wahllos auf die Leute gefeuert.

Über den Hergang und das Ausmaß des Amoklaufs gab es zunächst widersprüchliche Angaben. So hatten Medien zuvor berichtet, es seien vier Menschen getötet worden. Zudem sprach die Polizei anfangs von möglicherweise mehreren Attentätern. Ein Fernsehsender berichtete außerdem, ein Täter habe seine Waffe gegen sich selbst gerichtet und sich getötet.

Ein Sondereinsatzkommando durchsuchte das College mit Hunden nach Opfern. Die meisten der Schüler hätten das Gelände verlassen. Auch zwei nahe gelegene Einkaufszentren und eine Kindertagesstätte sowie eine U-Bahn-Station wurden evakuiert.

Der kanadische Ministerpräsident Stephen Harper sprach von einem feigen und sinnlosen Akt der Gewalt. Die Schießerei weckte Erinnerungen an das Massaker an der Columbine High School im US-Staat Colorado, wo 1999 zwei Schüler, die ebenfalls Trenchcoats trugen, 13 Menschen und dann sich selbst töteten.

In dem auf einem 4,8 Hektar großen Gelände gelegenen Dawson College werden rund 10.000 Schüler unterrichtet. Die 1969 gegründete englischsprachige Einrichtung - die größte derartige in der kanadischen Provinz Québec - ist zugleich Oberstufen- und Berufsschule.

Der bislang folgenschwerste Amoklauf in Kanada ereignete sich 1989 ebenfalls in Montreal. Damals tötete ein Schütze in einem Polytechnikum 14 Frauen. Die Tat führte zu einer Verschärfung der kanadischen Waffengesetze. Als Motiv hatte der 25-Jährige damals angegeben, Feministinnen hätten sein Leben ruiniert. 1992 erschoss ein Professor der Concordia-Universität in Montreal vier Kollegen.

aki/reuters/AP



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