Amoklauf in Winnenden Protokoll eines Massenmords

Binnen Minuten stürzte das Städtchen Winnenden in einen Alptraum. Tim K. richtete in der Schule ein Massaker an, nahm eine Geisel, lieferte sich eine Schießerei mit der Polizei - und jagte sich nach einem Treffer eine Kugel in den Kopf. SPIEGEL ONLINE dokumentiert den Tag der Tragödie.

Gegen 9.30 Uhr betritt der 17-jährige Tim K. laut Augenzeugen in schwarzer Kampfkleidung die Albertville-Realschule in Winnenden. 580 Schüler sind dort angemeldet, es gibt 20 Klassen, 32 Lehrer - in dem Schulzentrum werden aber noch mehr Kinder und Jugendliche unterrichtet.

K. ist mit einer Beretta bewaffnet, die er offenbar aus dem Schlafzimmer seiner Eltern entwendet hat. Sein Vater ist Sportschütze.

Tim K. steigt die Treppe ins erste Obergeschoss hinauf. Er stürmt in einen Klassenraum, tötet dort fünf Schüler per Kopfschuss. "Die Kinder waren offensichtlich völlig überrascht. Als man sie später tot auffand, hatten einige noch ihre Schreibstifte in der Hand", sagt später Landesinnenminister Heribert Rech.

K. stürmt in den nächsten Raum, erschießt zwei weitere Schüler, verwundet mehrere. Zwei der Verletzen sterben später auf dem Weg ins Krankenaus. Eine Lehrerin schließt angeblich, als Tim K. einen Klassenraum verlässt, um nachzuladen, die Tür ab. Er versucht, das Schloss aufzuschießen, was ihm nicht gelingt.

Tim K. sucht den Physikraum im Obergeschoss auf, schießt auf eine Lehrerin, die man später tot hinter dem Experimentiertisch findet. Die 15-jährige Schülerin Betty berichtet nach dem Amoklauf unter Tränen: "Ich habe zwei Schüsse und Geschrei gehört. Erst dachte ich, es sei ein Scherz. Aber dann rief jemand: 'Rennt, rennt'. Dann hab ich gesehen, wie Mitschüler aus den Fenstern gesprungen sind, und bin losgerannt."

9.33 Uhr: Der erste Notruf geht bei der Polizei ein, ein Schüler setzt ihn per Handy ab. "Was er sagte, war kaum zu verstehen", sagt ein Polizeisprecher später. "Im Hintergrund waren Schreie zu hören."

9.35 Uhr: Drei Beamte einer Interventionseinheit sind laut Polizei schon gut zwei Minuten nach dem ersten Notruf vor Ort. Sie betreten die Schule, hören noch Schüsse. Sie nähern sich der Treppe ins Obergeschoss und meinen, den Täter dort noch zu sehen. Tim K. feuert auf sie, dann rennt er davon. Im Flur erschießt er zwei weitere Lehrerinnen.

Die Polizisten finden eine Unmenge nicht benutzter Munition in den Schulfluren. Der leitende Kriminaldirektor Ralf Michelfelder: "Der Täter hatte in der Schule möglicherweise weitaus mehr vor, als er dann angerichtet hat." Tim K. entkommt aus der Schule, flieht über das Gelände, erschießt einen Gärtner an der nahegelegenen Klinik für Psychiatrie und Neurologie. Nachrichtenagenturen zufolge flüchtet er zunächst in die Innenstadt.

9.35 Uhr: Die Lehrer der Geschwister-Scholl-Realschule in Winnenden werden alarmiert. Die 15-jährige Olga berichtet später, ihr Lehrer sei zunächst aus dem Klassenraum gerufen worden, wenig später nervös zurückgekehrt: "Er ermahnte uns, Ruhe zu bewahren und uns auf den Boden zu legen." Die Tür und die Fenster seien geschlossen worden. "Das war voll der Horror. Das kennt man nur aus dem Fernsehen."

9.40 Uhr: Notärzte treffen ein, kümmern sich um Verletzte. Die Polizei fahndet sofort mit einem Großaufgebot nach dem Schützen.

Gegen 10 Uhr: Auf einem Parkplatz zwingt Tim K. den Fahrer eines VW-Sharan, ihn zusteigen zu lassen. Es beginnt eine knapp zweistündige Irrfahrt, die unter anderem nach Stuttgart, Böblingen und Tübingen führt.

10.27 Uhr: Die erste Eilmeldung über den Amoklauf von Winnenden läuft über die Nachrichtenagenturen. Zunächst ist von zwei Toten die Rede.

Ein Sondereinsatzkommando ist an der Schule, das Gelände sowie Winnendens Innenstadt abgeriegelt. Auch Firmen wie das Kärcher-Werk nahe Winnenden werden aufgefordert, ihre Tore zu schließen. Die Polizei fahndet sofort mit einem Großaufgebot nach dem Schützen.

11 Uhr: Zwölf Kilometer von der Albertville-Realschule entfernt stürmen Spezialeinheiten der Polizei das Elternhaus von Tim K. im Stadtteil Weiler zum Stein in Leutenbach (Rems-Murr-Kreis). Der Vater des Täters besitzt als Mitglied eines Schützenvereins angeblich 15 Waffen. 14 davon sind in einem Tresor aufbewahrt - die Beretta, die im Schlafzimmer lag, ist verschwunden.

11.06 Uhr: Die Zahl der Todesopfer, die von den Agenturen gemeldet wird, erhöht sich auf neun.

11.14 Uhr: Die Nachrichten aus Winnenden überschlagen sich: Der Täter befinde sich auf der Flucht. Es wird dringend davor gewarnt, Anhalter mitzunehmen.

11.20 Uhr: Die Zahl der Toten, die von Nachrichtenagenturen gemeldet wird, steigt auf zehn.

11.49 Uhr: Der Täter, heißt es in einer Agenturmeldung, sei festgenommen worden. Eine Fehlinformation.

11.51 Uhr: Erstmals wird gemeldet, dass es sich bei dem mutmaßlichen Täter um einen 17-jährigen ehemaligen Schüler der Albertville-Realschule handeln soll. Die Polizei hält sich bedeckt: "Wir müssen die Fakten noch abklären", sagt ein Sprecher.

11.52 Uhr: Die überlebenden Schüler werden jetzt von Psychologen betreut.

11.58 Uhr: Entsetzen und Angst unter Augenzeugen und Anwesenden auf dem Schulgelände. Viele Schüler sind in Sicherheit gebracht "oder in den Klassenzimmern eingeschlossen", berichtet ein Augenzeuge. Sondereinsatzkommandos haben die Schule umstellt. Viele Schüler sind in der Halle eines Schwimmbades. "Es ist das blanke Entsetzen hier", sagt der Augenzeuge. "Vermutlich ist der Amokläufer ein Einzeltäter."

12.03 Uhr: Nochmals erhöht sich die Zahl der Opfer, auf elf. Eine Polizeisprecherin widerspricht Berichten, denen zufolge der Täter gefasst worden sei: "Das stimmt nicht."

12.05 Uhr: Auf der B 313, an der Auffahrt zur A 8, kommt das Fluchtauto, mit dem Tim K. und der gekidnappte Fahrer unterwegs sind, von der Fahrbahn ab, bleibt im morastigen Seitenstreifen stecken. Tim K. flieht zu Fuß weiter, der zurückgebliebene Fahrer des Wagens alarmiert eine Polizeistreife, die den Bereich kontrolliert.

12.14 Uhr: "Das Ausmaß des Geschehens ist nicht fassbar", sagt Landesinnenminister Heribert Rech (CDU) in einer ersten Reaktion.

ca. 12. 15 Uhr: Tim K. flüchtet sich in ein Gewerbegebiet in Wendlingen. Er läuft in ein Autohaus, erschießt einen Verkäufer und einen Kunden. Polizisten eröffnen das Feuer auf ihn. Er versucht, über einen Parkplatz zu flüchten, wird am Bein getroffen, richtet sich auf, lädt die Pistole durch. Wenig später wird er, wie ein Polizeisprecher sagt, "tot aufgefunden".

12.39 Uhr: "Der Amokläufer von Winnenden ist tot" - diese Meldung läuft nun erstmals über die Nachrichtenticker.

12.43 Uhr: Eine Mitarbeiterin der Klinik, vor deren Toren der Amokläufer den Gärtner erschoss, schildert ihre Eindrücke: "Ich habe sechs bis sieben Schüsse gehört. Ich darf meine Station nicht mehr verlassen." Die Klinik sei komplett abgeriegelt.

12.46 Uhr: In Wendlingen, rund 40 Kilometer südlich von Winnenden an der A8, habe es eine Schießerei gegeben, bestätigt ein Polizeisprecher. Später wird bekannt, dass es der tödliche Schusswechsel zwischen Polizei und Amokläufer war.

13.04 Uhr: In einer ersten Stellungnahme gibt Bundespräsident Horst Köhler seinen Gefühlen Ausdruck: "Mit Entsetzen und Trauer haben meine Frau und ich von dem Amoklauf in Winnenden erfahren. Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien und Freunden. Wir fühlen uns mit ihnen in diesen schweren Stunden tief Verbunden."

13.2 7 Uhr: Die Zahl der Toten erhöht sich auf 16. Die Polizei teilt mit, der 17-jährige Tim K. sei erschossen worden.

13.59 Uhr: Pressekonferenz in Winnenden. Die Ermittler geben bekannt: Tim K. war 2007 mit einem Abschluss von der Albertville-Realschule abgegangen. Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau (CDU) sagt, der junge Mann sei an der Schule "nie auffällig gewesen", habe sie mit der Mittleren Reife verlassen und anschließend eine Ausbildung begonnen. Offensichtlich habe er eine "doppelte Identität" gehabt.

16.30 Uhr: Im Industriegebiet in Wendlingen suchen Polizisten nach SPIEGEL-Informationen die Straße nach Köngen unweit eines Paketverteilzentrums der DPD nach Patronenhülsen ab.

17.20 Uhr: Eine Polizeisprecherin teilt mit, der Amokläufer von Winnenden habe sich nach neuesten Erkenntnissen wohl doch selbst umgebracht. Er habe sich selbst in den Kopf geschossen.

Die verheerendsten Amokläufe

pad/AP/dpa/Reuters/ddp
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