Amoklauf in Winnenden Tim K. litt an Depressionen

Er schoss auf die Köpfe seiner Opfer, tötete insgesamt 15 Menschen - was trieb Tim K. zur Tat? Nach Erkenntnissen der Polizei war der 17-Jährige wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung und brach sie ab.

Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieses Artikels hatte die Überschrift "Tim K. kündigte Tat im Internet an". Der Artikel stützte sich auf die Darstellung des baden-württembergischen Innenministers Heribert Rech bei der Pressekonferenz am Donnerstagmittag - tatsächlich wurde inzwischen von der Polizei dementiert, dass die Spuren in einem Internet-Forum tatsächlich auf K. zurückzuführen sind. Es handelt sich vermutlich um eine Fälschung. SPIEGEL ONLINE hat diesen Artikel korrigiert und den Vorgang in einem eigenen Text thematisiert (mehr...).


Am Mittwoch um 9.30 Uhr startete der 17-jährige Tim K. seinen Amoklauf. In schwarzer Kampfkleidung betrat er die Albertville-Realschule in Winnenden. Schoss auf Schüler, Lehrer, unterbrach seinen tödlichen Feldzug, als er im Treppenhaus auf Polizisten traf. Bei der Flucht brachte der Teenager einen Autofahrer in seine Gewalt - der nach einer Irrfahrt von rund 40 Kilometern bei Wendlingen am Neckar entkam. Nachdem Tim K. zwei Menschen in einem Autohaus umgebracht hatte, tötete er sich nach einer Schießerei mit der Polizei selbst.

Jetzt stellt die Polizei ihre Erkenntnisse vor:

Tim K. war ein geübter Schütze, bei der Tat verwendete er eine Waffe seines Vaters. Die Tatwaffe entnahm er aus dem Schlafzimmer der Eltern, erklärte Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU). Andere Waffen und Munition seien in zwei Waffenschränken verwahrt und mit einem achtstelligen Zahlencode gesichert gewesen. Vermutlich sei der Sohn an die Zahlenkombination gelangt. Der Täter war Gastschütze im Verein des Vaters. Ob er selbst Mitglied war, sei noch nicht klar, sagte Rech. K. betrieb Kraftsport und spielte aktiv Tischtennis, häufig in Begleitung seines Vaters.

Ein Pressesprecher der Polizei sagte, 60 Schuss wurden in der Schule abgefeuert, neun vor dem Krankenhaus. In Wendlingen am Neckar gab er 13 Schüsse ab. Der Täter hatte dem Sprecher zufolge 130 Schuss übrig, als er sich selbst tötete.

Nach den Angaben der Polizei befand sich Tim K. seit 2008 wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung, zunächst stationär in Raum Heilbronn. Er wollte den Angaben zufolge die Therapie im Krankenhaus von Winnenden fortsetzen - hat dies aber offensichtlich versäumt. Eines seiner Opfer erschoss K. auf dem Gelände dieser Klinik.

K. habe sechs Jahre lang die Realschule besucht und im Sommer 2008 den Abschluss mit durchschnittlichen Leistungen erlangt. Danach besuchte er ein zweijähriges Berufskolleg an einer Privatschule in Waiblingen, um einen kaufmännischer Beruf zu lernen. Er galt als zurückhaltender, stiller Mensch, als etwas verschlossen, aber freundlich, sagte der Polizeisprecher.

K. sei interessiert an einem Mädchen aus der Nachbarschaft gewesen, habe aber keine Beziehung mit ihr gehabt. Auf dem Computer des Täters seien Pornobilder und Gewaltspiele sichergestellt worden, sagte der Sprecher. Es gebe keine weitergehende Erklärung dafür, dass Tim K. überwiegend auf Mädchen - acht Schülerinnen und drei Lehrerinnen - geschossen hat. Ob sich, wie einige Medien berichtet hatten, zwei Lehrerinnen dem Täter in den Weg stellten, könne nicht abschließend beantwortet werden, sagte der Polizeisprecher, das könne man nur annehmen.

Der Leiter der Staatsanwaltschaft Stuttgart, Mahler, ist zuständig für die Ermittlungen. Er erklärte, es werde keine Obduktion der Opfer geben, um die Angehörigen vor weiteren Verletzungen zu schützen. Die überwiegende Zahl der Leichen sei bereits freigegeben. Lediglich der Täter werde obduziert werden.

Die Dienststellen seien gebeten worden, aktiv bei der Aufarbeitung des Geschehenen in den Schulen mitzuwirken. Die Beamten seien angewiesen, verstärkt an Schulen Präsenz zu zeigen. Derzeit werde die Tatortarbeit fortgeführt.

Detailliert ging der Polizeisprecher auf den Schusswechsel im Industriegebiet ein: Zu Fuß sei der Täter dorthin gelangt, habe gezielt das Autohaus betreten, wo er die Herausgabe eines Fahrzeugs forderte. Dem sei nicht nachgekommen worden, woraufhin K. auf zwei Menschen, einen Verkäufer und einen Kunden, das Feuer eröffnete. Er schoss mindestens 13-mal.

Nach einem Magazinwechsel gelang zwei anderen Menschen im Verkaufsraum die Flucht durch einen Hinterausgang. Der Täter selbst flüchtete durch den Vordereingang, erkannte einen herannahenden Polizeibeamten und eröffnete das Feuer auf ihn. Die Beamten erwiderten das Feuer und trafen den Täter zweimal in die Beine.

Tim K. sei dann ins Autohaus zurückgekehrt, habe durch die Glasscheibe auf herannahenden Streifenwagen geschossen. Auf den Firmenhof sei es dann zur finalen Schießerei gekommen: Er habe zwei Beamte schwer verletzt, auf Mitarbeiter einer angrenzenden Firma geschossen und dann die Waffe gegen sich selbst gerichtet. Dafür gebe es Augenzeugen.

Die 41-jährige männliche Geisel, die Tim K. nahm, konnte sich aus eigener Kraft retten. Der Mann habe sich in permanenter Todesangst befunden. Der 17-Jährige habe den Mann auf einem Parkplatz in seine Gewalt gebracht, wo dieser in seinem Auto wartete. Er habe sich auf die Rückbank gesetzt, dem Fahrer die Waffe an den Kopf gehalten, ihn gezwungen loszufahren. Als sich auf der Autobahn 81 der Verkehr verdichtete, die Fahrt ins Stocken geriet, habe der Amokläufer ihn gefragt, ob er einige der anderen Verkehrsteilnehmer "abknallen" solle. Als der Autofahrer dann an der Autobahnauffahrt Wendlingen einen Streifenwagen sah, habe er das als letzte Chance gedeutet, lebend aus dem Fahrzeug zu kommen. Der Mann habe Gas gegeben, sei aus dem noch fahrenden Fahrzeug gesprungen. Der Täter habe während der gesamten Zeit im Auto hinten gesessen, die Geisel mit der Waffe bedroht.

"Wir haben ein größeres Blutbad an der Realschule verhindert", sagte Landespolizeipräsident Hetger. An der Schule seien enorme Schäden entstanden. Noch immer seien Blutlachen auf dem Boden und überall zerschossene Scheiben. "Es ist in nächster Zeit an einen Unterricht in diesen Räumen gar nicht zu denken", sagte Polizeisprecher Mittelfelder. Die Erfahrung zeige, dass Amokläufer erst dann von ihrem Tun ablassen, wenn die Munition verfeuert sei, sie außer Gefecht gesetzt oder getötet werden.

Die verheerendsten Amokläufe

ala
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