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Amoklauf-Prävention "Schulen dürfen nicht zu Festungen werden"

Erfurt, Winnenden - und jetzt Ansbach. Anders als bei den früheren Amokläufen hat der mutmaßliche Täter diesmal überlebt. Seine Aussagen, so hoffen Experten, könnten dabei helfen, weitere Bluttaten an Schulen zu verhindern. Zu einer Hochrüstung dürfe es dort jedoch nicht kommen.

Hamburg - Der Weg zum Carolinum im fränkischen Ansbach ist mit Kopfsteinen gepflastert, das humanistische Gymnasium ist eine der ältesten Schulen Bayerns, erbaut im Jahr 1528. Um 8.35 Uhr am Donnerstagmorgen brach die Gegenwart mit Gewalt in diese Idylle ein. Ein Schüler der Stufe 13 stürmte in das Gebäude und verletzte neun Menschen, zwei von ihnen schwer. Doch schon wenige Minuten später konnte der 18-Jährige überwältigt werden.

Anders als nach den Amokläufen von Winnenden und Erfurt gab es in Ansbach keine Todesopfer - allerdings schwebt ein Mädchen noch in Lebensgefahr. Der bayerische Innenminister Joachim Hermann (CSU) lobte, wie schnell die Polizei vor Ort gewesen sei, wie konsequent der Zugriff erfolgt sei. Hat am Carolinum also erstmals ein Sicherheitskonzept dem Ernstfall standgehalten?

"Konkret hat Bayern bereits im Jahr 2002 alle Schulen angewiesen, zusammen mit der Polizei ein umfassendes Sicherheitskonzept nach den jeweiligen Gegebenheiten vor Ort zu erstellen", erklärt Sylvia Schnaubelt, Sprecherin des bayerischen Kultusministeriums, SPIEGEL ONLINE. Nach der Tat von Winnenden seien die Schulen noch einmal ausführlich auf jenes Sicherheitskonzept, das regionale Begebenheiten wie die Entfernung zu Polizeistationen einbezieht, hingewiesen worden - auch das Carolinum.

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Ansbach: Amoklauf am Carolinum

Foto: Matthias Schrader/ AP

Mit speziellen Alarmsignalen, Sprechanlagen und besseren Türsicherungen könnten sich Schulen gegen Amokläufer schützen, sagt Andreas Hesky, Oberbürgermeister von Waiblingen, SPIEGEL ONLINE. Der 45-Jährige ist Vertreter des Städtetags im baden-württembergischen "Expertenkreis Amok", der seit dem Amoklauf von Winnenden und der anschließenden Geiselnahme von Waiblingen mit insgesamt 15 Toten, an einem neuen Konzept arbeitet.

Nach der Tat des 17-jährigen Tim K. schrieb Hesky in seiner Funktion als Oberbürgermeister persönlich alle Waffenbesitzer Waiblingens an und bat darum, zu überprüfen, ob sie ihre Waffen tatsächlich benötigen und wenn, ob diese ordnungsgemäß verwahrt seien. Mehr als 200 Waffen wurden samt Munition von den Waiblingern abgegeben und in Böblingen eingeschmolzen. "Trotz aller Maßnahmen können Amokläufe nicht verhindert oder ausgeschlossen werden", betont Hesky. Wichtig sei, dass die Gesellschaft ihren Blick für solche Außenseiter schärfe.

"Im gepanzerten Schulbus im Konvoi zum Unterricht"

Daher ist Heskys Hoffnung groß, dass sich aus dem Fall Ansbach nun neue Erkenntnisse für die Prävention gewinnen lassen: "Endlich gibt es einen Amokläufer, der noch lebt und mit dem man reden kann. Das ist für die Forschung sehr wichtig." Amokläufe - das Wort stammt aus dem Malaiischen und bedeutet "in blinder Wut angreifen und töten" - seien eben keine Kurzschlusshandlungen, der Fall Winnenden belege das. "Das war keine spontane Tat. Tim K. hat sich intensiv darauf vorbereitet, sich regelrecht inspirieren lassen. Wir müssen, um besser reagieren zu können, wissen: Welche einzelnen Elemente haben ihn bestärkt?"

Die Gesellschaft komme nicht umhin zu erkennen, "dass wir professionelle Hilfe brauchen und suchen müssen. Konkret heißt das, dass die Schulsozialarbeit intensiviert, mehr Fortbildungen gemacht und mehr Schulpsychologen in Anspruch genommen werden müssen".

Bauliche Maßnahmen, wie sie mehrere Bundesländer eruiert haben, seien ebenfalls notwendig, sagte Hesky. "Aber Schulen dürfen auch nicht zu Festungen umgebaut werden." Schusssichere Türen zum Beispiel seien möglicherweise nicht für jede Schule der richtige Weg, da dies dem Klima einer Schule schaden könnte. "Die Schulen müssen weiter als Lebens- und Wohlfühlraum wahrgenommen werden. Sonst fahren unsere Kinder eines Tages in einem gepanzerten Schulbus im Konvoi zum Unterricht."

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