Amokläufer von Winnenden Eltern von Tim K. äußern sich erstmals öffentlich

"Den Tim, der diese Tat begangen hat, den kannte ich nicht": Fünf Jahre nach dem Amoklauf von Winnenden mit 16 Toten sprechen erstmals die Eltern des Todesschützen öffentlich über die Tat. Sie habe ihren Sohn schon lange vor dem Attentat verloren, sagt die Mutter.

Polizeibeamte am Tag des Attentats vor dem Haus der Familie K.: Ein späterer Kaufinteressent wollte ein "Amok-Museum" daraus machen
AP

Polizeibeamte am Tag des Attentats vor dem Haus der Familie K.: Ein späterer Kaufinteressent wollte ein "Amok-Museum" daraus machen


Berlin - Vor fünf Jahren stürmte ihr 17-jähriger Sohn Tim in seine ehemalige Schule, erschoss mit der Pistole seines Vaters 15 Menschen und tötete anschließend sich selbst. Jetzt haben sich erstmals die Eltern des Amokläufer von Winnenden öffentlich zu ihrem Sohn, der Tat und den Auswirkungen auf ihr Leben geäußert.

Sie bedauere sehr, dass ihr Sohn so viel Leid in die Welt gebracht habe, sagte die Mutter Ute K. der "Welt am Sonntag". Warum das geschehen sei und warum sie die Absichten ihres Sohnes nicht bemerkten, können sich die Eltern bis heute nicht erklären. "Den Tim, der diese Tat begangen hat, den kannte ich nicht", sagte die Mutter weiter. Sie habe ihren Sohn "schon lange vor dem 11. März 2009" verloren.

Es sei "aber nicht so, dass der Amokläufer von Winnenden nie geliebt wurde, und auch nicht so, dass er nicht mehr geliebt wird", betonte die 53-Jährige dem Bericht zufolge. Auf Mitgefühl hoffen sie jedoch nicht. Man könne natürlich nicht erwarten, dass jemand um ihren Sohn trauere oder ihn vermisse, wird die Mutter zitiert.

Die Eltern gaben an, in den Wochen nach der Tat regelrecht geflüchtet zu sein. Sie änderten ihren Namen und schickten ihre Tochter zunächst auf eine Schule nach Frankreich und später nach Australien. Inzwischen studiere sie unter einem anderen Namen, sagte der Vater. Jörg K. hatte nach der Tat das Familienhaus verkauft. Einer der Kaufinteressenten habe "ein Amok-Museum daraus machen" wollen. Daraufhin habe er lieber einen anderen Käufer gesucht, so der Vater.

Polizei riet den Eltern zu einem anonymen Begräbnis

Tims Urne setzten die Eltern anonym in einem Friedwald bei: "Die Polizei warnte vor einem Begräbnis, man könne nicht für die Sicherheit der Beerdigungsteilnehmer garantieren, und man könne auch nicht garantieren, dass niemand das Grab schänden wird", sagte der 55-jährige Jörg K.

Der damals 17-jährige Tim K. war am 11. März 2009 in die Albertville-Realschule in der baden-württembergischen Kleinstadt Winnenden eingedrungen und hatte mit der Pistole seines Vaters während des Unterrichts acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen ermordet. Insgesamt starben 15 Menschen und K. selbst, auf seiner Flucht hatte er drei weitere Menschen und sich selbst erschossen.

Der Vater war später zu einer Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren verurteilt worden, weil er die Waffe nicht ordnungsgemäß weggesperrt, sondern sie unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt hatte.

Die Stadt Winnenden kündigte außerdem eine Klage gegen die Eltern von Tim K. an. Sie seien nicht bereit gewesen, sich "in irgendeiner Weise" an der Schadensregulierung zu beteiligen, hieß es. Die Versicherung und die Anwälte der Opfer und Angehörigen haben unterdessen eine Lösung gefunden.

Aber auch der Vater von Tim K. selbst streitet zivilgerichtlich: Er will, dass das Zentrum für Psychiatrie in Weinsberg mögliche Schadensersatzforderungen übernimmt. Die Klinik habe ihm nicht von der Gefahr berichtet, die von seinem Sohn ausging. Dieser war 2008 in psychiatrischer Behandlung und hatte von Hass und Tötungsphantasien gesprochen.

lgr/dpa/AFP

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