Amoklauf "Zuerst haben alle gelacht"

Die 700 Schüler der Geschwister-Scholl-Schule in Emsdetten nahmen ihn zuerst nicht ernst, als er maskiert und bewaffnet den Schulhof betrat. Doch dann eröffnete der 18-Jährige das Feuer. In der nordrhein-westfälischen Kleinstadt herrscht noch immer Ausnahmezustand.

Aus Emsdetten berichtet


Emsdetten - Idyllisch ruht die Kleinstadt Emsdetten umgeben von Windmühlen und Bauernhöfen in Nordrhein-Westfalen, 27 Kilometer von Münster entfernt. Doch die Idylle endet am Ortsschild. Wer nicht weiß, was passiert ist, vermutet sofort eine Katastrophe: SEK-Einsatzkräfte an jeder Ecke, ausgestattet mit kugelsicheren Westen und Helmen. Viele Straßen sind abgesperrt, der Verkehr kollabiert. Emsdetten im Ausnahmezustand. Jeder auf der Straße weiß, dass ein ehemaliger Schüler in der Geschwister-Scholl-Schule im Diemshoff 116 Amok lief - und 37 Menschen verletzte, bevor er sich selbst tötete.

Kurz vor halb zehn am Morgen, mitten in der Hofpause, betrat der 18-Jährige schwer bewaffnet, eingehüllt in einen langen schwarzen Mantel, den Schulhof - sein Gesicht hinter einer schwarzen Gasmaske verborgen. "Zuerst haben alle gelacht, wie er so da stand. Das sah völlig bescheuert aus", sagt Dennis. Der 13-Jährige geht in die 7c der Geschwister-Scholl-Schule. "Dann plötzlich ballerte er drauf los, und wir sind alle erschrocken."

Mit seinem zwölf Jahre alten Freund Jannick rannte er los, brachte sich in Sicherheit. Die Schüsse trafen eine schwangere Lehrerin, den Hausmeister und sieben Schüler. Darunter Dennis und Jannicks Schulkameraden Dariusz und Christoph aus der Nachbarklasse. Die beiden liegen wie ein Teil der Verletzten im Emsdettener Marien-Hospital, streng abgeschottet von Polizeibeamten. Der Hausmeister liegt mit einem Bauchschuss in der Uniklinik Münster. Weitere Verletzte wurden in die Klinik ins 14 Kilometer entfernte Rheine gebracht.

Der Amokläufer sei hinter seinem Rücken als "Man in black" verspottet worden, berichten Jannick und Dennis. "Weil er immer ganz in Schwarz angezogen war." Oft habe der groß gewachsene 18-Jährige seine hellblauen Augen hinter dunklen Brillengläsern versteckt - "auch wenn keine Sonne schien". Doch der Einzelgänger war nicht sehr beliebt. "Gemocht hat den keiner", sagt Jan, "aber so was zugetraut hätte man dem auch nicht. Irgendwie wirkte der so schüchtern, hat nie gelacht und ist immer alleine auf dem Schulhof gestanden." Der Außenseiter hat sie alle überrascht und geschockt. Den Jugendlichen, die sich den ganzen Tag trotz Regens vor der Absperrung der Schule tummeln, steht der Schrecken noch immer ins Gesicht geschrieben.

14 Seelsorger sind im Einsatz. "Bei den meisten kommt der Schock erst zeitverzögert", sagt Wolfgang Busse, Leitender Notfallseelsorger. Der Großteil der 700 Schüler müsse betreut werden, ebenso deren Eltern und Geschwister. Busses Team kümmert sich auch um die Eltern des Täter, die beide mit einem schweren Schock in eine Klinik eingeliefert werden mussten, und um dessen beide jüngeren Geschwister. Der Onkel des Amokschützen sei der einzige gewesen, der sich am Tatort blicken ließ - und das auch nur, weil er selbst um das Leben seiner beiden Schulkinder fürchtete.

Gerade erst ist die Leiche des Amokschützen geborgen worden. Die Sprengstoffbomben, die er an einem Gürtel an seinem Körper getragen haben soll, mussten erst mit höchster Vorsicht entschärft werden. Ebenso mussten die Sprengsätze auf dem Schulgelände und im Auto des Amokläufers untersucht und entfernt werden. Insgesamt wurden 13 Rohrbomben gefunden.

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Es regnet und windet in Emsdetten, doch die Menschen wollen nicht nach Hause. Jeder hat das Bedürfnis darüber zu reden - oder noch mehr zu erfahren. Immer wieder fragen sie die unzähligen Reporter vor Ort, ob es Neuigkeiten gibt; wie es dem schwer verletzten Hausmeister geht; ob man die Tat hätte verhindern können.

"So viele Polizisten auf einmal habe ich noch nie in meinem Leben gesehen", sagt Beate S., ihren kleinen Sohn Tim an der Hand. "Im Supermarkt, beim Bäcker, in der Metzgerei - überall ist das Gesprächsthema." Viele der 36.000 Emsdettener sind erleichtert, dass das Amoklauf-System der Polizei - nach dem Drama in Erfurt 2002 - reibungslos funktioniert hat. Aber der Schock bleibt und sitzt tief. Auch Dennis und Jannick können sich nicht mal im Ansatz darüber freuen, dass morgen und wahrscheinlich auch übermorgen die Schule ausfällt. "Lieber nie wieder Ferien als noch einmal so etwas mitzuerleben."



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