Anatolien Vorsitzender der türkischen Bischofskonferenz erstochen

In der Türkei ist der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Luigi Padovese, umgebracht worden. Der 63-Jährige wurde in seinem Haus in der Stadt Iskenderun erstochen - offenbar von seinem Fahrer. Hinweise auf einen ideologischen Hintergrund der Tat gab es zunächst nicht.

Bischof Luigi Padovese: Kurz nach dem Angriff im Krankenhaus verstorben
AP

Bischof Luigi Padovese: Kurz nach dem Angriff im Krankenhaus verstorben


Ankara - Der Angriff auf den apostolischen Vikar von Anatolien, der im Rang eines Bischofs stand, soll sich in dessen Haus in der südtürkischen Hafenstadt Iskenderun in der Provinz Hatay ereignet haben, berichtete die Nachrichtenagentur Anadolu. Der Geistliche ist nach Angaben des Nachrichtensender NTV im Vorgarten seines vierstöckigen Wohnhauses aufgefunden worden sein. Der 63-Jährige starb kurz nach dem Überfall im Krankenhaus.

Aus Polizeikreisen verlautete, ein Verdächtiger sei festgenommen worden - NTV zufolge soll es sich dabei um Padoveses Fahrer handeln. Fernsehbilder zeigten die bedeckte Leiche des Geistlichen. Der Gouverneur von Hatay, Mehmet Celalettin Lekesiz, sagte nach einer Meldung von CNN-Türk, der Fahrer des Bischofs sei nach kurzer Flucht festgenommen worden. Der Mann, Murat A., habe die Tatwaffe noch bei sich gehabt.

Murat A. habe seit viereinhalb Jahren im Dienst von Padovese gestanden und offenbar psychische Probleme gehabt. Die Online-Ausgabe der Zeitung "Hürriyet" zitierte einen Vertreter der armenischen Christen in Iskenderun mit den Worten, Padovese und sein Fahrer seien wie Vater und Sohn und unzertrennlich gewesen. Padovese habe sogar die psychische Behandlung von Murat A. bezahlt. Es sei unklar, was zwischen den beiden vorgefallen sei.

Hinweise auf einen ideologischen oder religiösen Hintergrund gab es demnach zunächst nicht. Der Mord werde genauestens untersucht, sagte der Gouverneur.

Italienische Diplomaten machten sich laut NTV nach der Nachricht vom Tod des Geistlichen auf den Weg nach Iskenderun.

In den vergangenen Jahren gab es mehrere Übergriffe auf Christen in der mehrheitlich von Muslimen bewohnten Türkei. Vor allem nationalistische Extremisten hatten Priester angegriffen oder entführt.

2007 waren bei einem Überfall auf einen Verlag für christliche Schriften in der osttürkischen Stadt Malatya drei Menschen ermordet worden, unter ihnen ein Deutscher.

Im Jahr 2006 wurde der katholische Priester Andrea Santoro in Trabzon am Schwarzen Meer ermordet. Für die Tat wurden Ultra-Nationalisten verantwortlich gemacht.

"Religionsfreiheit wird in der Türkei nicht in vollem Umfang gewährt"

Als Vikar von Anatolien war Padovese seit dem Jahr 2004 der ranghöchste Vertreter des Papstes in Anatolien. In der Türkei leben rund 15.000 Katholiken. Kurz vor seiner Ermordung hatte Padovese Berichten zufolge noch den israelischen Angriff auf den Schiffskonvoi mit Hilfsgütern für den Gazastreifen verurteilt. Der Vatikan äußerte sich in einer ersten Stellungnahme bestürzt über den Mord.

Der Vatikan zeigte sich tief bestürzt über den gewaltsamen Tod Padoveses. In Rom herrsche "Fassungslosigkeit" über die Tat, die zeige, dass die christliche Minderheit in der Region unter "schwierigen Umständen" lebe, erklärte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi.

Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, zeigte sich erschüttert. "Ich bin zutiefst vom brutalen und feigen Mord an Bischof Luigi Padovese, dem Vorsitzenden der Türkischen Bischofskonferenz und Apostolischen Vikar von Anatolien, erschüttert. Bischof Padovese hat in den vergangenen sechs Jahren als Bischof viel für die Christen in der Türkei gewirkt. Die tragische Bluttat muss zügig und lückenlos aufgeklärt werden", erklärte Zollitsch.

Er "vereine" sich mit der Trauer der Gläubigen in Anatolien und der ganzen Türkei. "Ein großer Seelsorger und Hirte der katholischen Kirche ist von uns gegangen. Ich bete für alle, die den schmerzlichen Verlust von Bischof Padovese überwinden müssen. Mein Mitgefühl gilt den Hinterbliebenen, den Gläubigen in der Türkei und den Mitbrüdern im Bischofsamt, die wie ich entsetzt sind über das Geschehene."

Die Unionsfraktion im Bundestag forderte nach einer Reise von Parlamentariern und Kirchenvertretern in die Türkei mehr Solidarität mit verfolgten Christen weltweit. "Der Einsatz für Religionsfreiheit ist Teil unserer wertegeleiteten Außenpolitik", erklärte Fraktionschef Volker Kauder am Donnerstag. Er kritisierte: "Religionsfreiheit wird in der Türkei nicht in vollem Umfang gewährt."

pad/jjc/AFP/dpa



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