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26. Juli 2011, 17:26 Uhr

Anders Breivik

Der unauffällige Massenmörder

Aus Oslo berichtet

Narziss und Goldjunge: Der Attentäter von Oslo wuchs in einer bürgerlichen Gegend auf, besuchte gute Schulen, glitt leicht durchs Leben - und tötete 76 Menschen. Wie wurde Anders Breivik zum Mörder? Eine Spurensuche.

Wer verstehen will, was für ein Mensch der Attentäter Anders Behring Breivik ist, muss in den Westen Oslos fahren. Dorthin, wo die Grundstücke allmählich groß und grün werden und Glas und Stahl zunehmend Klinker und Holz weichen. Hier ist Breivik aufgewachsen und zur Schule gegangen. Seine Klassenkameraden von damals sind heute Rechtsanwälte und Hirnchirurgen, Breivik aber ermordete 76 wehrlose Menschen, von denen er glaubte, sie seien seine Feinde.

Wie kann aus einem Jungen aus gutem Hause, der im Leben viele Möglichkeiten hatte, ein rücksichtsloser Fanatiker werden, der nur noch hasst?

Sköyen heißt der Stadtteil, in dem Breivik zuletzt mit seiner Mutter in einer Wohnung im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses wohnte. Es ist eine ruhige Gegend, in der sich die Leute auf der Straße noch grüßen, selbst wenn sie sich nicht persönlich kennen. Familien mit kleinen Kindern leben hier, Rentner, angenehme Menschen, nette Nachbarn. An der Klingel des Hauses Nummer 18 steht "A. Breivik, Geofarm".

Anfang des Jahres ist Anders Breivik hier eingezogen, nach eigenen Angaben wollte er auf diese Weise Geld sparen, um "genügend Mittel und Zeit zu haben", für das Verbrechen, das er "seine Mission" nannte. Der Hausmeister erinnert sich an den späteren Massenmörder als ruhigen, freundlichen Mann, der morgens die Straße hinab zur Bahn spazierte und abends zurückkehrte, um die kranke Mutter zu pflegen. Kontrolliert habe Breivik gewirkt, sagt Roger Edvardson, fokussiert, den Blick immer geradeaus gerichtet wie ein Mann, der klaren Abläufen folgt.

Sein Ziel: reich werden

Anders Behring Breivik kam am 13. Februar 1979 zu Welt, als Kind des Diplomaten Jens und der Krankenschwester Wenche. Er war gerade ein Jahr alt, als seine Eltern sich scheiden ließen. Anders blieb bei der Mutter, zusammen mit seiner Halbschwester Elisabeth. Zu dem damals in London lebenden Vater hatte er nur noch selten Kontakt, später riss die Verbindung vollkommen ab.

Ein Freund Breiviks aus Jugendtagen, der nicht namentlich genannt werden möchte, sagte SPIEGEL ONLINE, er erinnere sich an Anders als aufgeweckten, aber unauffälligen Schüler. Einer, der in der Klasse mitschwamm, kein Anführer war, aber auch kein Außenseiter, der nie Probleme hatte, gut mitkam, ein angepasster Typ insgesamt, der nur als Teenager zaghaft aufbegehrte.

Der junge Breivik, er mag damals 14 oder 15 gewesen sein, zog als Tagger durch Oslo, er schmierte mit dicken schwarzen Filzschreibern Schriftzeichen an Bushaltestellen, Stromkästen und Laternenmasten. Breivik fuhr auf HipHop ab, fühlte sich wahrscheinlich verwegen und erwachsen, doch als er irgendwann auf die Jungs einer Pakistani-Gang traf, die sehr viel rauer waren als er, reagierte er schockiert und verängstigt. So hart war er doch nicht.

Das jedenfalls berichtet sein Schulfreund, der einer der wenigen ist, die sich überhaupt zu Anders Breivik äußern wollen. Fast kann man den Eindruck gewinnen, in Norwegen gebe es inzwischen eine stille Übereinkunft: Der gehört nicht mehr zu uns, wir strafen ihn mit unserem Schweigen. Die quälende Frage nach dem Warum, in Deutschland Anfang jeder Debatte nach einer Katastrophe, scheint hier niemand stellen und schon gar nicht beantworten zu wollen.

Nach seinem Abitur an einem renommierten Wirtschaftsgymnasium trat Breivik in die Jugendorganisation der rechtspopulistischen Fortschrittspartei ein, in der er sich zehn Jahre lang engagierte - und sich ihr doch entfremdete. Am Ende verließ er die Organisation, weil sie ihm zu angepasst erschien, zu sehr Teil des Establishments war, das er zu hassen gelernt hatte.

Breivik habe immer reich werden wollen, sagt der Freund von früher, und ständig neue Projekte im Sinn gehabt. Er gründete eine Firma in der Computerbranche, beriet Unternehmen, verdiente gutes Geld, so jedenfalls stellte Breivik es dar. Angeblich wohnte er zu dieser Zeit in einem Luxusapartment, trug eine Breitling-Uhr, doch der Erfolg, wenn es ihn überhaupt jemals gegeben hat, währte wohl nicht allzu lange. Norwegische Zeitungen berichten inzwischen, Breivik habe jahrelang in einem Callcenter gearbeitet und sei auch da kaum aufgefallen.

In der Abgeschiedenheit bastelte er an seiner Bombe

Schaut man sich Breiviks Steuererklärungen aus den vergangenen Jahren an, fällt auf, dass er schon seit 2006 kein offizielles Einkommen mehr hatte. Trotzdem explodierte sein Vermögen im Jahr 2007 von 7471 auf 631.663 Kronen - rund 81.000 Euro. Eine Erklärung dafür gibt es bislang nicht. Vielleicht hatte er sich Geld geliehen, vielleicht geerbt? Jedenfalls scheint Breivik von den Rücklagen gelebt zu haben.

Mitte April mietete Anders Breivik, der als Mitglied in einem Schützenverein legal eine Pistole der Marke Glock besaß, schließlich einen Bauernhof in einem kleinen Ort, drei Autostunden nördlich von Oslo. Zugleich gründete er eine weitere Firma, die er Geofarm nannte. Gemüse wollte er dort oben in der Einsamkeit angeblich anbauen, er kaufte Kunstdünger in großen Mengen, doch in Wirklichkeit bastelte Breivik in der Abgeschiedenheit an einer gewaltigen Bombe und trainierte für seine Taten.

In seinem 1516 Seiten umfassenden Manifest beschreibt der Killer, wie er sich mental auf seine Tat vorbereitete. Es ist nur ein kleiner Teil seines grotesken, von wahnhaften Ideologien geprägten Werks. Aber auch der zeigt, wie besessen Breivik war: "Man muss anfängliche schwierige psychologische Herausforderungen meistern und anschließend seine Psyche jeden Tag überprüfen - bis die Operation abgeschlossen ist", notierte er. Märtyrertum sei kein plötzlicher Entschluss, sondern ein Prozess, der viel Zeit und Kraft brauche, und in dem man viel nachsinnen müsse.

Er wähnte sich "im Krieg"

Jeden Tag sei er 40 Minuten lang spazieren gegangen, so Breivik. Glaubt man seinen Aufzeichnungen, so hat er in dieser Zeit philosophiert und sich selbst indoktriniert. Immer wieder spielte er die Operation in seinem Kopf durch, simulierte verschiedene Szenarien: die Konfrontation mit der Polizei, die Befragungen, einen möglichen Auftritt vor Gericht. Sogar Interviews mit der Presse malte er sich aus. Während seines Mentaltrainings hörte er "motivierende und inspirierende Musik". "Dieses tägliche mentale Übungsritual erhält meine Motivation aufrecht und lädt meine Batterien auf."

Die jahrelange Vorbereitung, sich den Triumph und die historische Mission vor Augen zu halten, ist nach Einschätzung von Experten ein typisches Verhaltensmuster eines Attentäters, der sein Tun ideologisch begründet und legitimiert. Die Anschläge seien zwar grausam, aber notwendig gewesen, sagte auch Breivik dem Haftrichter.

"Die ganze Sache deutet darauf hin, dass er geisteskrank ist", behauptet inzwischen sein Verteidiger Geir Lippestad. Sein Mandant glaube, er sei ein Soldat und befinde sich in einem Krieg. "Und wenn du in einem Krieg bist, kannst du Dinge wie diese machen", so der Anwalt. Auch sei Breivik davon überzeugt gewesen, dass er in norwegischen Gefängnissen gefoltert und auf dem Weg zum Gericht erschossen werden würde.

Das allerdings erwies sich als Illusion.

Mitarbeit: Cato Gjertsen

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